Archive for the ‘Schweiz’ Category

Die Umgehung der Volksmeinung in Europa

Dezember 4, 2009
Zum Videokommentar von Roger Köppel, der meiner Meinung nach recht flach ausfällt, in dem er aber natürlich den mangelnden Respekt Europas und der Welt für den demokratischen Volksentscheid der Schweiz anprangert, ist mir ein Kommentar aus den Niederlanden aufgefallen:
J Stensen     02.12.09 11:19

[…] nach das Debakel mit der EU-Konstitution (66% gegen) gestattet die Eilte keinen Volksentscheiden mehr.
Lasst euch nichts aufschwatzen über Rassismus, Faschismus oder Xenophobie und macht Ihre eigene Entscheidung.
Gratulationen und Verzeihung für die unzweifelhaft viele Rechtschreibfehler.

Den Schluss lasse ich bewusst so stehen, denn ich möchte darauf hinweisen, dass es einen besonderen persönlichen Antrieb braucht, sich in einer Fremdsprache zum Thema zu äussern und sich dabei die Blösse des unbeholfenen Ausdrucks zu geben.

Ich habe seit Jahrzehnten Kontakte nach Holland, und was hier angesprochen wird, ist genau das, was ich zu Fragen rund um den Beitritt zur EU wie zu Immigrationsproblemen immer wieder zu hören bekomme:

Das Volk fühlt sich in keiner Weise vertreten, repräsentiert oder Ernst genommen. Der Eindruck, von einer Classe Politique regiert zu werden, wird hierzulande von der SVP reklamiert – im Ausland wird es tatsächlich in vielen Staaten von breiten Bevölkerungsschichten so empfunden.

Dieses Problem zu unterschätzen, und in einer per se einmal rein formal gesehenen Marginalie eines Minarettverbots nun die Gelegenheit zu sehen, eine Menschenrechtsdebatte zu führen, hiesse, das Unverständnis in den weit verbreiteten, warum auch immer  frustrierten Bevölerkungsteilen Europas zu schüren. Es ist ganz deutlich davor zu warnen, eine intellektuell-elitäre Debatte über ideell angekratzte Menschenrechte auf die Spitze zu treiben, sich medial und politisch daran zu reiben und das Thema – nach beiden Seiten – zu schüren. Was die politischen Parteien und deren Häuptlinge, wie z.B. Darbellay (Friedhofsdiskussion)  und Levrat (Guantanamo-Flüchtlinge), nun in Sachen politischer Ausschlachtung der Situation vorführen, ist ziemlich abscheulich und bedenklich, da es aus der Mitte und von links kommt, wo ja schlussendlich die wirklichen Antworten und Strategien herkommen müssten.

Der Kritik, welche genau dies kommen sah und daher vor einem Ja warnte, entgegne ich dennoch:

Dass die Frage der Intergration des Islams in Europa aber jetzt auf den Tisch gekommen ist, und nicht in fünf oder erst zehn Jahren, dass die Frage in einem Land zu diskutieren ist, indem viele Probleme nicht schon in breiter Front Realität Auswüchse zeigen, sondern erst verständliche Befürchtung herrscht, sie könnten überhand nehmen, das ist gut, wichtig und absolut zu begrüssen. Es gibt allen Seiten die Chance, wenn sich die Gemüter einmal beruhigt haben, der Schock sich gelegt hat und das Denken wieder einsetzt, über mögliche Massnahmen zur besseren Verständigung zu diskutieren. Ich habe in diesen Tagen aus muslimischen Kreisen Stimmen gehört, die mich sehr ermutigt, und auch ein wenig beschämt haben: Es scheint ganz so, als wäre das Vermögen, einen durchaus irritierenden Entscheid, der vermeintlich persönlich diskriminierend verstanden werden könnte, für das zu nehmen, was er ist:

Ausdruck eines Unbehagens, dessen Gründe man sehr wohl orten und auch verstehen kann, was danach fragen lässt, wie diese Ängste abgebaut werden können: Es hilft den Muslimen überhaupt nicht weiter, wenn sich irgendwelche Kommentatoren über einen ängstlichen „undemokratischen“ Entscheid (ein Absurdum für sich und eigentlich als Wertung in Medien- und Politikerkreisen ein Skandal) mokieren oder entrüsten, statt dagegen anzuarbeiten:

Mit Information, mit Gelegenheiten für Muslime, deren Integrationsbemühungen darzustellen und Probleme selbst zu orten, zu benennen und dabei nicht stehen zu bleiben: Integration zu fordern, ist kein Muslim-Bashing, sondern eine Bringschuld, die beidseits geleistet werden muss. Es mag sein, dass sich Zugereiste erst einmal anpassen sollen und müssen. Tun sie es aber, bemühen sie sich, so  sind sie auch zu unterstützen. Und ich bin sicher, dass sich auch dabei sehr viel Verbesserungspotential ausmchen lässt.

Es ist höchste Zeit, dass viel mehr über die konkreten Aspekte dieser Integration gesprochen, geschrieben und vor allem recherchiert wird. An die Arbeit, werte Journalisten und Blogger.

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Minarette, Burckhardt & Fastnacht

Dezember 1, 2009

Untenstehender Text war der „Basler Zeitung“ zu komplex für die Publikation im Print, wofür ich alles Verständnis habe. Trotzdem sei er hier nun zur Diskussion gestellt. Disclaimer: er richtet sich an intelligente Leser und wurde von einer Print-Redaktion als zu heikel eingeschätzt. Und er entspringt dem Anliegen, integrativ zu wirken.

Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die größtmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind.

Jacob Burckhardt, weltgeschichtliche Betrachtungen (1869, gedr. 1905)
Giorgio Girardet

„Der Geist ist ein Wühler“ wusste schon Jacob Burckhardt, der Mann auf der Tausendfrankennote. In seiner drei Potenzen-Lehre der „weltgeschichtlichen Betrachtungen“ nennt er als Aufgabe der Potenz „Cultur“ aufzuzeigen, wenn in den übrigen Potenzen „Staat“ und „Religion“, die auf „Zwangsgeltung“ Anspruch erheben können Form und Inhalt nicht
mehr übereinstimmen.

Von aufgeklärt-konservativen, humanistischen und skeptischen Prämissen ausgehend, verwirft B. jegliche geschichtsphilosophische und providentiell-theologische Theorie und sieht den Gang der Geschichte ausschließlich aus der der Triebnatur erwachsenden kulturbildenden Kraft der Menschengattung bestimmt (nicht „Weltgeist“ [etwa im Sinne Hegels], sondern „Menschengeist“). Dieser realisiere sich in der Wechselbeziehung der dreiPotenzen“ Staat, Religion und Kultur. Die Bedeutung der Geschichte erkennt er in der „Kontinuität“ als dem allgemeinen Maßstab für jegliche historischen Wertungen: in der „kulturellen Kontinuität der Bildung Alt-Europas“. (Quelle)

Wie steht es um den Basler Stadtstaat? Dessen höchster Repräsentant Regierungspräsident, „Kalif“, Dr. med. Guy Morin hat nicht nur Verbot für die angeblich rassistischen und diffamatorischen Plakate für die Minarett-Initiative gerechtfertigt, sondern auch konfirmandenhaft seiner Vorfreude über den Ruf des Muezzins Ausdruck verliehen.

Wie steht es um die Religion in Basel? Der generalstabsmässige Rückzug des Protestantismus aus dem Weichbild (Perspektiven 15) wurde durch den Kanzelstreit am Münster effizient beschleunigt und katholischerseits illustrierte „Röschenz“ die Kollision zwischen Schweizerischem Staatskirchenrecht und den despotischen Ansprüchen der römischen Hierarchie plastisch. Soweit die öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften der „Leitkultur“.

Oder ist nicht in Basel längst die „political correctness“ zur Leitkultur erhoben worden? Die klaglose Bereitschaft der 30% Kirchensteuerflüchtlinge sich in der Meinungsäusserungsfreiheit von der ängstlichen Rücksicht auf die 9% Mitbewohner leiten zu lassen, die sich als Muslime sich auf der Einwohnerkontrolle registrieren liessen (mit der koranischen „licence to kill“ für „Ungläubige“), legt den Gedanken nahe.

Oder bleibt die „Fastnacht“ mit ihrem träfen Witz die Leitcultur der Basler? Das Inserat, das in der „Weltwoche“ und anderen Medien geschaltet wurde und den Absender „CH-rette-Postlagernd-4001 Basel“ trägt, schlägt mit den Waffen des Witzes.

Es zeigt die Muslime, die am 11. Februar 2006 nicht Richtung Mekka sondern in Richtung des Schweizerischen Kalifenpalastes beteten, auf dass sie von Karikaturen verschont bleiben mögen, womit sie in ihrem Unverständnis für den säkularen Westen selber zur Realsatire und
Karikatur-Sujet wurden. Das „Jo“ und das „verrote“ deuten wie der Absender nach Basel.

Die Karikatur stellt die einzig richtige Frage: sind Muslime fastnachts-tauglich? Jacob Burckhardt war skeptisch:

„Und eine Komödie ist (im Islam: Anm. GG) unmöglich, schon weil es keine gemischte Geselligkeit (Männer und Frauen Anm. GG) gibt, und weil Witz, Spott, Parabel, Gaukler usw. die ganze betreffende Stimmung vorwegnehmen.“

Aber vielleicht mögen die Basler Muslime in ein freundeidgenössisches Fastnachtslachen mit einstimmen. Es wäre – mit oder ohne Minarett – der entscheidende Schritt zur Integration in die säkulare Humorgemeinschaft der „Confoederatio“: unserer „Lach- und Schiessgesellschaft“.

Kein Bedarf zum Stellvertreterschämen

November 29, 2009

Jetzt sind sie wieder ganz gross, die intellektuellen Grossgeister in den Medien, die der Schweiz und damit uns Schweizern den Stempel der Borniertheit vor den Augen ganz Europas garantieren mögen. Der grosse Wettbewerb des Fremdschämens – oder meinetwegen des Stellvertreterschämens kann beginnen.

Es gibt aber auch ganz andere Reaktionen im Ausland – und Aktionen. So mag es durchaus vorkommen, dass sich ein deutsches Leitmedium fragt, wie denn wohl eine solche Abstimmung im eigenen Land heraus käme?

Das macht SPON – mit einem interessanten Zwischenergebnis:

knapp 16’000 Teilnehmer der Umfrage

Nach Entscheidung der Schweizer:

Sollen Minarette auch in Deutschland verboten werden?

antworten 79% mit JA.

Repräsentativ ist so was nicht. Aber mindestens so zuverlässig wie eine Meinungsumfrage von Claude Longchamp dürfte sie die Stimmung in Deutschland durchaus wiedergeben.

Update vom 30.11.09 um 18h25

SPON: „Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels
konnten SPIEGEL-ONLINE-User in einem Vote über das
Schweizer-Minarett-Verbot abstimmen. Nach Hinweisen, dass diese
Abstimmung von außen manipuliert wurde, hat die Redaktion das Vote
vorzeitig abgeschaltet.“
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,664135,00.html#ref=rss

Die Umfrage hat also keine Aussagekraft. Auf jeden Fall keine gesicherte, auch wenn es wünschenswert wäre, SPON würde über die Manipulation etwas mehr verraten.
Das würde nämlich nahelegen, zukünftig gänzlich auf solche Aktionen zu verzichten.

Die Aussenministerin zum Calvin-Jahr

November 17, 2009

Da ich in der Beiz schon verschiedentlich zum Calvinjahr und zur Frage der Besinnung auf die Transzendenz in der Eidgenossenschaft, sowie der Frage der Verwendung von Symbolen im Kampf der Kulturen gebloggt habe, möchte ich hier es nicht versäumen, auf das Referat von Frau Bundesrätin Calmy Rey zum Abschluss des Calvin-Jahres hinzuweisen, das von der NZZ in verdankenswerter Weise wenigstens in der Schlusspassage der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Zu den Gedanken der Aussenministerin möchte ich nur folgendes beifügen. Die Bundesrätin gibt bekannt, dass wir uns – wie auch Calvin – in einer Epoche des Übergangs befinden. Die Aussenministerin nimmt dabei Bezug auf eine Teleologie, die sie aber nicht ausweist. Sie attestiert Calvin für Genf ein gültiges Modell „für seine Zeit“ geschaffen zu haben, aber sie lehnt es ab, die Gültigkeit dieses Modells für die Gegenwart gelten zu lassen. Die Argumentation ist die mit der „Zeit“ und dem Durchbruch auf einen „Telos“ der Geschichte.

In diesen beiden Prämissen kann ich der Bundesrätin nicht folgen. Wer ein Volk regiert, muss sein Handeln am Ergebnis messen lassen und nicht an den Intentionen. Frau Calmy Rey hat keine Theorie dieser Gesellschaft, auf die hin sich die jetzt bestehende hin „vervollkommnen“ soll. Es ist der übliche Reflex des teleologischen Sozialismus. Ohne das Ziel zu benennen lädt uns die Frau Aussenministerin dazu ein, einen Schritt ins Leere, ins Ungewisse und Ungeprüfte zu tun. Dies halte ich für gefährlich. Im übrigen empfehle ich den Artikel ob seiner gerechten Einschätzung des Wirken Calvins zur Lektüre. Er zeigt, wie der Calvinismus ein wirksames Mittel gegen Turbokapitalismus und soziale Ungerechtigkeit beinhaltet und offensichtlich auch zu mutigen (vielleicht allzumutigen und leichtfertigen) Schritten in die Zukunft zu führen vermag.

Blogger zum Auftritt

Die ganze Rede.

Glückwunsch, Weltmeister Schweiz!

November 16, 2009

War das ein spannendes Finalspiel bei der u17-WM in Nigeria. Zwei grundverschiedene Spielarten: Die Gastgeber hatten mich gegen Spanien mit ihrem Zauberfussball und unglaublicher Schnelligkeit (Okoro, Emmanuel) schier aus den Socken gehauen vor Begeisterung. Die Schweizer sorgten mit diszipliniertem System und einem eingespielten Team dafür, dass die Eaglets im Final dazu so gar keine Gelegenheit fanden. (Vor 20 Jahren ist in Deutschland die Mauer gefallen, und jetzt weiss ich auch, wo die hingekommen ist. :-))
Und nach den Diskussionen der letzten Zeit in der Beiz finde ich es besonders schön, wie diese Schweizer Mannschaft die Integrationsfähigkeit für junge Eidgenossen aller Herren Länder zeigt. Was man erreichen kann, wenn man als Team zusammenarbeitet.
http://www.swissinfo.ch/ger/startseite/U17_Fussballer_der_Schweiz_sind_Weltmeister.html?siteSect=105&sid=11487912&ty=st
Glückwunsch an den Fussballweltmeister Schweiz! Südafrika kann kommen…

(In Deutschland entgegengesetzte Gefühle: Hier war der Sonntag ein Tag der Trauer um Nationaltorhüter Robert Enke, der sich am 10.11. das Leben genommen hatte. Lesenswerter Artikel dazu bei Thinkabout.)

Warum ich die Minarett-Initiative annehmen werde

November 9, 2009

Liebe Frau Zappadong, ich teile dann mal Deinen Bammel, und gehe noch einen Schritt weiter, hole tief Luft, und gestehe hiermit:

Ich werde zur Minarett-Initiative nicht nur leer eingeben. Ich werde die Initiative annehmen.

Für mich sind viele Dinge ungeklärt, gerade weil wir Schweizer sie im Willen, tolerant sein zu wollen, als befriedigend beantwortet betrachten. Vorauseilend. Ohne wirklich zu wissen, ob dem auch so ist. Vielmehr beobachte ich, dass wir uns reflexartig der Toleranz verpflichtet fühlen, während wir ALLEN Befürwortern reflexartige nebulöse Fremdenfeindlichkeit unterstellen.

Die Bemerkung, es ginge hier nur um Symbole einer Gemeinschaft und ihrer Religionsausübung, sind für mich nicht stichhaltig. Gerade, wenn es um Symbole geht, ist die Frage angebracht, was denn die Gemeinschaft, die nach diesen Symbolen fragt, mit diesen verbindet. Es wird mit Symbolen ein Zeichen gesetzt. Und mit deren Bejahung auch. Und da stehe ich nicht dahinter, nicht heute, nicht jetzt. Denn für mich sind die folgenden Fragen nicht geklärt, bzw. die Aussagen nicht entkräftet:

1.

Nicht wenige liberale Muslime hoffen darauf, dass die Initiative angenommen wird, weil sie durch die Kraft der Symbolik einen verstärkten Einfluss des konservativen Islams befürchten und sie in ihren Gemeinschaften entsprechende Einflussnahmen kommen sehen.

2.

Ein Ja zur Minarettinitiative würde einen Aufschrei in der Welt auslösen und unsere Intoleranz beweisen. Ich sage: Na und? Es ist nicht unser Problem, sondern unser Glück, dass wir über solche Dinge abstimmen können, und es ist nur ehrlich, auf diesem Weg seine Skepsis gegenüber einer fremden Kultur zum Ausdruck zu bringen: Ich kann nicht ja zu einer ein Strassenbild dominierenden Symbolik einer Religionsgemeinschaft sagen, von der ich befürchte, dass deren innere Kräfte die Integration in unsere Kultur eher behindern als fördern wollen.

3.

Ich will nicht Minarette akzeptieren, deren Bau u.U. von islamistischen Staaten finanziert wird, die mit der Verbreitung des Islams sehr wohl politisch-religiöse Ziele verfolgen.

4.

Es wurde angeregt, Imame an Schweizer Hochschulen auszubilden, um sicher zu stellen, dass hiesige Muslime von hiesig geschulten und in unserer Kultur lebenden und integrierten Geistlichen unterwiesen werden. Wie weit sind wir von einer allgemein entsprechend praktizierten Lösung entfernt?

5.

Ist es wirklich kein Argument, dass es ein Witz ist, über diese Frage überhaupt nachzudenken, während in vielen islamischen Ländern der Bau von christlichen Kirchen verboten ist und Christen ihren Glauben generell nicht ausüben können?

6.

Kann eine Religion, die in ihrem Kern die Trennung von Kirche und Staat nicht bejahen kann, weil das der eigenen Lehre absolut zuwider läuft, allen Ernstes erwarten, dass die Symbole dieser Religion bei uns im öffentlichen Raum gebaut werden können?

7.

Keine andere Religion verbindet innere Kontemplation und Eroberung so stark mit einander und kennt im Heute so ungehemmte Militanz für ihre Verbreitung. Eine Religion, die ihren missionarischen Auftrag zur weltweiten Verbreitung, auch auf Kosten anderer Glaubensgemeinschaften, nach meinem Dafürhalten in keiner Weise abgelegt hat, gestatte ich keine Türme in meinem Land.

8.

Es ist eine Tatsache, dass auch der überdurchschnittlich am Zeitgeschehen interessierte Schweizer generell über den Islam sehr wenig weiss – und das, was er weiss,  kaum je von Muslimen selbst stammt und in jedem Fall widersprüchlich ist.

Tatsache ist: Wir kennen einander nicht, oder viel zu wenig. Wir haben bisher zu wenig nachgefragt, und die Muslime Ihrerseits haben sich viel zu wenig erklärt und geöffnet.

9.

Ja. Minarette haben nicht für alle Muslime und in allen Ländern die gleiche Bedeutung. Stehen sie aber einmal, so kann die Symbolik instrumentalisiert werden. Und so lange wir nicht bereit sind, eingreifend, wertend und lenkend darauf hin zu wirken, dass der Glauben jeder Religion nach den bei uns geltenden übergeordneten Richtlinien der staatlichen Werte-Gesellschaft gelebt wird, so lange haben wir auch keine Sicherheit, dass diese Symbolik einmal eine Bedeutung erlangt, nach der wir ganz bestimmt nicht gerufen haben.

10.

Wir haben gerade mal geschätzte zwanzig Jahre mit einer starken Einwanderung aus islamischen Staaten erlebt. Wir sollten die Diskussionen rund um die Minarett-Initiative in jedem Fall zum Anlass nehmen, mehr Wissen zu sammeln. Und dort, wo das Wissen nicht zu erlangen ist, nicht eine Toleranz bemühen, die Nichtwissen kaschiert. Ich kann nur tolerieren, ja sogar annehmen, was ich wirklich kenne.

 

*

Damit ist keines der Themen der fehlenden Integration (z.B. junger muslimischer Männer und familiär unterdrückter Mädchen) angesprochen worden. Diese Diskussion hat in der Tat nichts mit Minaretten zu tun. Ich bin schlicht beim Symbol der Minarette geblieben. Muslime, die das lesen, dürfen mir glauben, dass ich sehr wohl einen Austausch der Kulturen wünsche und der Ausübung ihres Glaubens auf Schweizer Boden positiv gegenüber stehe. Aber ich kann keine Geister rufen (und die sehe ich sehr wohl), die ich ganz bestimmt gleich wieder los werden möchte.

Bemühen wir uns also um Verständigung, reden wir mit einander, erzählen wir uns, besuchen wir einander – und fragen wir uns vor allem selbst, was uns unsere Werte bedeuten, und wie wir sie am besten allen zugänglich machen können. Wirklich allen, die bei uns leben. In welcher Glaubensgemeinschaft auch immer.

Minarettinitiative und die Ursachen von Jugendgewalt

November 4, 2009

Als Beizwirtin möchte ich kurz die Gelegenheit nutzen, noch einmal daran zu erinnern, warum wir eigentlich hier sind.

Wie ist die Beiz 2.0 entstanden?
Eines Tages im Sommer 2008 begab es sich, dass bei Facts 2.0, wo die meisten der heutigen Beizblogger und –kommentatoren damals aktiv waren, nach einem Gewaltvorfall, der damals grad durch die Medien ging, ein gewisser „robertintrio“ einen ausländerfeindlichen Kommentar veröffentlichte. Dieser Kommentar hat – zu Recht – Empörung in der damaligen Community ausgelöst. Diese Empörung wollte die Facts-Leitung offenbar nicht lesen und hat zahlreiche der Kommentatoren von der Facts-Page verbannt. Robertintrio durfte bleiben.
Wir übrigen gründeten daraufhin diesen Beiz-Blog oder fanden uns nach und nach hier ein.

Für mich ist die Beiz ein kleines Wunder: Ein Ort, an dem Menschen höchst unterschiedlicher politischer Überzeugungen, Religionen, Nationalitäten, Muttersprachen, Geschlechter, sexueller Orientierungen, Altersstufen und Berufe mit einander respektvoll über aktuelle politische, gesellschaftliche und kulturelle Themen diskutieren können.

Deshalb macht es mich besonders traurig, wenn ich ganz ähnliche Kommentare wie den von „robertintrio“ nun hier in der Beiz lesen muss.
Wenn ich sehe, wie die einstmals respektvolle Kommentarkultur durch eine einzelne Person, die sich hier fortgesetzt schlecht benimmt, teilweise zu einem derart polemischen Gezänk verkommen ist, dass eine Anzahl ehemaliger Beizler und Kommentatoren dem Blog aus diesem Grund den Rücken gekehrt haben, weil sie sich in der Atmosphäre verbaler Gewalt und persönlicher Angriffe hier nicht mehr wohlfühlen.

—————

Gehen wir die Sache mit der Minarettinitiative einmal streng logisch an:

Um ein Problem zu lösen, sollte man sinnvollerweise
1. das konkrete Problem erkennen und benennen
2. die konkreten Ursachen für das Problem erkennen und benennen
3. praktikable Lösungen finden, die die wirklichen Ursachen des Problems bekämpfen.

1. Das Problem. Zappadong hat hier das Problem zunehmender Jugendgewalt herausgegriffen, auf das ich mich im Folgenden exemplarisch beziehen möchte.

2. Die Ursachen.
a) Wäre die Urache für Jugendgewalt das Minarett, müsste Gewalt logischerweise im Umkreis eines Minaretts massiv verstärkt auftreten und mit weiterer Entfernung vom Minarett allmählich abnehmen. Das kann jeder an sich selbst empirisch überprüfen, indem er sich zu einem der 4 Minarette in der Schweiz begibt und beobachtet, ob sich bei ihm das Bedürfnis einstellt, Schweizer zu vermöbeln.
b) Der zweite Kandidat für die Ursache von Jugendgewalt wäre laut SVP und einiger Diskutanten hier: Der Islam. Wäre der Islam monokausal die Usache von Gewalt, müsste sich feststellen lassen, dass 1. die Mehrheit muslimischer gläubiger Jugendlicher gewalttätig ist, 2 weniger gläubige Jugendliche weniger gewalttätig sind, 3. nichtmuslimische Jugendliche unter keinen Umständen gewaltätig sind und 4. Omas mit Kopftüchern häufig und exzessiv auf Omas ohne Kopftücher eindreschen.
c) Ausserdem müsste festzustellen sein, dass es zu den religiösen Pflichten gehörte, Unschuldige zu mobben und spiitalreif zu prügeln.

Hält man a), b) und c) als monokausale Erklärungen der Jugendgewalt für groben Unfug, heisst es, sich weiter auf die Suche machen und nach anderen Ursachen für Jugendgewalt zu fahnden.
Wie von verschiedener Seite (uertner, Zappadong, Mathias, Bruder Bernhard) in der Beiz bereits angetönt, hat es gewalttätige Gruppen von Jugendlichen schon immer gegeben, und, nein, nie war das niedlich oder harmlos.

Warum wird ein Jugendlicher gewalttätig?
Mögliche Ursachen sind:
– (neben einer gewissen hormonell bedingten Unzurechnungsfähigkeit in einem gewissen Alter) aus Wut und Frustration
– weil sie einen Mangel an Anerkennung und positiiver Aufmerksamkeit zu kompensieren versuchen durch Taten, die ihnen wenigstens negative Aufmerksamkeit bescheren
– weil sie ein System ablehnen, von dem sie das Gefühl haben, sie haben darin von Anfang an die Arschkarte gezogen
– weil sie in Famile und Schule erlebte Gewalt, deren Opfer sie geworden sind, an den Nächstschwächeren abreagieren
– weil sie sich an Vorbildern von Männlichkeit orientieren, die aus Actionfilmen, Ballerspielen und Gangsterrap-Videos stammen
– weil es einfach Spass macht, die Erwachsenen zu provozieren, indem man genau die Dinge tut, die den netten Sozialarbeiter und die besorgte Lehrerin auf die Palme bringen
– weil normale ritualisierte Rangordnungskloppereien heute nicht mehr einem bestimmten Ehrenkodex folgen (1 gegen 1, keine Waffen, keine Schläge ins Gesicht oder in die Genitalien und wenn einer am Boden liegt oder blutet ist der Kampf zu Ende)
– weil es (zumindest in Deutschland) tatsächlich eine relativ grosse Gruppe von Jugendlichen gibt, die keinen Schulabschluss, keine Ausbildung und damit keine Chance haben, dem traditionellen Bild eines erfolgreichen Mannes gerecht zu werden und deswegen ihre vermeindliche Männlichkeit in anderen Phantasierollen zu erproben versuchen
– weil Jugendliche das Bedürfnis haben, sich an der Peergroup zu orientieren, zu Gruppen zusammenzuschliessen und sich durch Rituale (Mutproben, Männlichkeitsproben, Schmerzproben) als Gruppe zu definieren. Wer nicht mitmacht wird schnell selber Aussenseiter und Opfer.
– weil Jugendliche das Bedürfnis haben, sich als Gruppe von anderen Gruppen abzugrenzen (den Erwachsenen, den Idioten aus dem Nachbardorf oder der Nachbarstrasse)
– weil das Medienbild amerikanischer Gangs ihnen als Orientierungsmodell cooler, attraktiver und leichter erreichbar erscheint als andere Vorbilder (Lehrer, Pfarrer, Nobelpreisträger, Profifussballer, Astronauten)
– weil Bankspekulanten vormachen, dass man mit der grösstmöglichen Rücksichtslosigkeit am weitesten kommt
– weil überhaupt in weiten Teilen der Gesellschaft eine grosse Verunsicherung über die Werte dieser Gesellschaft herrscht und alles so lange als erlaubt gilt, wie man nicht bestraft wird
– weil tatsächlich viele, wenn sie Gewalttaten beobachten, lieber wegschauen, aus Angst, bei einem beherzten Eingreifen selber Opfer zu werden und diese Angst durchaus sehr gut begründet ist

Die Liste möglicher Ansatzpunkte liesse sich fortsetzen.
Wer die Religion einer bestimmten Minderheit pauschal für alles verantwortlich macht,, was in der Migrationspolitik in den letzten Jahrzehnten schiefgelaufen ist und dereit schiefläuft, der verkennt die Komplexität des Problems.

3. Aus den komplexen Ursachen sollten konkrete Massnahmen folgen, die auf jede erkannte Ursache einzeln eingehen und versuchen, diese Ursache mit pragmatischen, konkreten und praktischen Lösungen zu bekämpfen, anstatt sich in symbolischen Ersatzhandlungen zu verausgaben, die zu nichts führen.
Das wäre dann tatsächlich ein modellhaftes Vorgehen, das international Schule machen könnte. In vielen Bereichen wird das ja tatsächlich auch genau so versucht.

Aus dem oben Analysierten ergibt sich natürlich die Frage: Wenn nicht die Bekämpfung der realen Ursachen das Ziel der Initiative ist, was ist dann deren Ziel und Zweck?
Und welches Ziel verfolgen die Befürworter der Initiative damit, dass sie zu solch polemischen und polarisierenden Mitteln greifen, die die eigentlichen Ursachen des Problems verschleiern statt aufdecken und eine sachliche Diskussion verhindern statt befördern?

Nun, das scheint mir recht offensichtlich: Das Ziel ist die Radikalisierung der Positionen. Wie schon wiederholt in der Diskussion in der Beiz festgestellt wurde, zwingt diese Strategie die Teilnehmer der Diskussion, sich auf die eine oder die andere Seite zu schlagen und festzulegen. Nur wenige schaffen es, eine neutrale und gemässigte Postion standhaft zu behaupten (meinen grossen Respekt dafür an Zappadong!).
Eine Radikalsierung und Polarisierung nützt der SVP, die am rechten Rand politisiert und sich einen Gunstzuwachs aus dem Lager der gemässigten Mitte erhofft, indem sie Angst und Hass bei der bürgerlichen Mittelschicht schürt. Auf der anderen Seite profitieren davon radikale Islamisten, die triumpfierend darauf verweisen können, dass Musliime in der Schweiz diskriminiert würden und das Gewalt gegen Sachen und Menschen als Repräsentanten dieser „Unterdrückungsmacht“ quasi nur eine erlaubte „Notwehr“ darstelllen würde.
Jede islamistische Gewalttat ist Wasser auf dei Mühlen der SVP und rexhtsextremistischer Gruppierungen. Jeder verbale Gewaltakt der SVP ist ein Geschenk für die radikalen Islamisten. Beide verfolgen also ein gemeinsames Ziel.

Die Frage ist: Will die Mehrheit der Schweizer eine Gesellschaft, in der diese beiden Gruppierungen den Ton angeben, die politischen Themen vorgeben und die Art und Weise diktieren, in der sie diskutiert werden? (Nebenbei die vielleicht nicht ganz unwichtige Feststellung, dass diejenigen, die die Minarettinitiative am meisten betrifft, zum grossen Teil von der Abstimmung ausgeschlossen sind.)
Sind die Schweizer bereit, die Konsequenzen einer solchen Gesellschaft in Kauf zu nehmen?

Claudio Zanettis „Nein“ zur Minartettinitiative

November 3, 2009

Für alle die ihn nicht kennen: Claudio Zanetti, Zürcher Kantonsrat (Parlamentarier) der SVP, war lange Parteisekretär der ebenso erfolgreichen wie berüchtigten Zürcher SVP, die von 1977 bis 2003 von Übervater Blocher geführt wurde. Was ihn dem „uertner“ sympathisch macht: er wollte nach seinem Partei-Job „Kommunikationsberater“ werden, verlor aber ein wichtiges Mandat, weil er zu bestimmten Themen nicht schweigen wollte. Seither hat er begriffen, dass er mit seinem Temperament in der Kaste der gedungenen Meinungssöldner keine Zukunft hat: der Mann hat kein Talent zur Heuchelei. Wie kommt es nun, dass ein solch strammer Parteivordenker, sich in einer Frage, die an der entscheidenden Delegiertenversammlung der SVP in Genf mit nur drei mageren Gegenstimmen mit erdrückender Mehrheit angenommen wurde, öffentlich gegen die Partei stellt (im Tagi in Print und im Blog)? Ein Intellektueller, ein studierter Jurist?

Er argumentiert mit der Religionsfreiheit.

„Freiheit ist am wichtigsten. Dann kommt gleich Gerechtigkeit.“

Und fährt fort:

„Dass sich Menschen zu einem Gemeinwesen zusammenschliessen, hat zum Zweck, dem Individuum einen möglichst grossen Freiraum zu garantieren.“

Was uns Herr Zanetti aber verschweigt ist, auf welcher Wertebasis dieser Zusammenschluss gründen soll. Immerhin teilen wir mit den Muslims ja die „Allgemeinen Menschenrechte“ nur mit Einschränkungen. Saudi-Arabien (islamischer Vorbehalt), die Ostblockstaaten (kommunistischer Vorbehalt) und Südafrika (calvinistisch/rassistischer/apartheid-vorbehalt) enthielten sich der Stimme, als die Menschenrechte 1948 in der UNO angenommen wurden. Der Vatikan (katholischer Anspruch der wahren Kirche Jesu) hat nur Beobachterstatus in der UNO. Offensichtlich scheint ihm dies nebensächlich oder „naturgegeben“, sich aus Geschichte und Tradition automatisch zu erschliessen. Claudio Zanetti ist Diaspora-Katholik im Kanton Zürich. Er hat – wie Hugo Loetscher – sich mit der eingeschränkten Freiheit der katholischen Konfession abfinden müssen. Erst suchte er Anschluss bei der FDP, als diese aber in den frühen 1990er Jahren die Antirassismus-Strafnorm unterstützte, war ihm diese Position zu wenig „liberal“ und er wechselte zu Christoph Blocher, der sein Ziehvater wurde und der ausgerechnet in Ankara, von seinem „Bauchweh“ über die Antirassismus-Strafnorm sprach.

Zanettis konservativer Katholizismus schlägt dort unverstellt durch, wo es um die Abtreibungsfrage geht. So hat er Mandatsträgerinnen, die Bundesrat Maurer dafür kritisierten die Abtreibungsgegnerinnen von „Pro Life“ begrüsst zu haben, als „Xanthippen“ und „Weiber“ beschimpft. Wenn Zanetti von „Freiheit“ spricht, dann spricht er von der „libertas ecclesiae“, der Freiheit der katholischen Kirche im Reich des Moralischen und hierarchisch von oben uneingeschränkt zu verfügen. Insofern entspricht Zanetti einem Trend, der sich seit den 1980er Jahren immer deutlicher abzeichnet: die kräftigsten Fürsprecher des Neoliberalismus sind oft Katholiken, die ausser der moralischen Autorität der Papstkirche (mit der sich tolle Ablassgeschäfte treiben lassen), keine Einschränkungen der Wirtschaftsfreiheit wollen.

Der moderne liberale Staat, der von den reformierten Freisinnigen als „säkulare Kirche“ aufgebaut wurde, muss wieder zerlegt werden: „weniger Staat, mehr Freiheit“. Dieses von den Freisinnigen 1979 aufgebrachte, selbstmörderische Credo hat die Blocher-SVP ad nauseam ausgeschlachtet. Allerdings hat sie das protestantische „mehr Selbstverantwortung“ fallengelassen. „Selbstverantwortung“ für Frauen hiesse ja auch eine liberale Abtreibungsregelung. Aber diese „Selbstverantwortung“ der Frau ist nicht in Zanettis Sinn. Darum ist er bereit, jeder Kraft mehr Platz zu geben, die diese konservative Wende beschleunigt. Freiheit für den Islam heisst in seinem Kalkül: Frauenrechte einschränken, die Werte-Diskussion anheizen und wieder mehr verirrte Schafe in die Arme der unter dem demokratischen Schweizerischen Staatskirchenrecht an Auszehrung leidenden katholischen Kirche treiben. Der Feind Zanettis sind die SP-Frauen, diese „Xanthippen“, diese „Weiber“. Und um diese zu disziplinieren, ist es gar nicht so schlecht, unter dem Titel der „Religionsfreiheit“ dem Islam freie Fahrt zu lassen: es kann der Sache des Katholizismus und der konservativen Werte-Wende nur nützen.

Die Meinungsumfragen zur Minarett-Initiave zeigen: Protestanten neigen eher zur Bejahung, ebenso die Frauen und ländliche Gegenden.

Die Protestanten wissen, was sie zu verlieren haben: den säkularen Rechtsstaat, den sie dem universalen Anspruch der katholischen Kirche in Reformation und Aufklärung (hier sogar gegen ihre eigenen Konservativen wie Jeramias Gotthelf oder Jacob Burckhardt) abgetrotzt haben, die liberalen Regelungen, die sie in einer selbstverantworteten Ordnung sich selber gestattet haben.

Die Frauen wissen auch, was sie zu verlieren haben: Ihre Gleichberechtigung, ihr Recht auf freie Gestaltung ihres Lebens, das den Satzungen des Korans oder aber den Moralvorstellungen des Papstes m weichen üsste.

Auch die ländlichen Gebiete wissen, was sie zu verlieren haben: die „Kirche im Dorf“ bis vor 30 Jahren der Lebensmittelpunkt der konfessionell nur wenig durchmischten politischen Gemeinden der Schweiz. Die Kirche war lange auch der Versammlungsort der politischen Gemeinde. Mit der Moschee als Parallel-Ort, entsteht eine Parallel-Gesellschaft. Auf dem Land, wo noch jeder den Glockenschlag seines Kirchturms hört, ist dies einschneidender als in der Stadt, wo der Ruf des Muezzins im Verkehrslärm untergeht.

Und so wird erkenntlich, warum ein urbaner Diaspora-Katholik mit starken Avversionen gegen selbstgesteuerte Frauen, getrost über die Parteiparole, die ihm sonst heilig ist, sich hinwegsetzen kann. Das „Nein“ Zanettis aus den Reihen der SVP ist entlarvend.

Die Linke und die Frauen sollen es sich gut überlegen, ob ihr „Nein“ am Ende das mächtigere sein wird, oder ob sie im klugen Kalkül der katholisch-Wertkonservativen nur die „nützlichen Idioten“ abgeben. Zanetti ist weder dumm, noch hat er das Talent zum Heuchler. Er weiss: Blocher, der Papst und Erdogan verstehen sich im Herzensgrunde gut. Es ist das stille Einverständnis unter patriarchalen Alphas.

Minarette: das beredte Schweigen des SP-Bloggers

November 2, 2009

Reto Müller von und zu Langenthal ist in der CH-Blogosphäre eine bekannte Gestalt. Als Querschläger hat der Uertner schon manchen Kommentar im Blog des Sekundarlehrers, JUSO-Politikers und nun Langenthaler Gemeinderates (Exekutive, Ressort soziales) placiert, weil ich auch mal jung und links war und eine grosse Bewunderung für erfolgreiche Sekundarlehrer hege: eine der schwierigsten pädagogischen Aufgaben im Lande Pestalozzis. Und Reto Müller lässt sich gerne auf einen intelligenten Schlagabtausch ein. Oft kontert er, denkt nach, widerlegt mich. Nur in einem Fall nicht: in der Frage der Minarette.

Da er nun selbst seinem Jugendparlament die Teilnahme an einem Podium zu diesem Thema verweigert hat, weil dieses Jugendparlament ihn enttäuscht hat, da es dem Steckenpferd der Berner SP-(Jung)Frauen (die Jungtürkinnen der SPS): der Einführung des Stimmrechtsalter 16 eine Abfuhr erteilte. Mit einer dieser couragierten Stauffacherinnen ist Reto Müller im cyberspace (und desto inniger realiter) verbandelt. Diese besuchte auch  schon die Moschee in Wangen bei Olten, wo schon ein Minarett steht, was die stolze Mittelland-Gemeinde in einen Rechtshandel verwickelte, der bis vor Bundesgericht gelangte und Anlass für die Minarett-Initiative war.

Das wunderbare Bild, die JUSO-Mann-(&Frau)schaft immitten der stramm türkisch ausgerichteten Muslime kann hier nicht eingefügt werden, ist aber sehr „entlarvend“ für die naive Frivolität dieser Toleranz:

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Man beachte die Staatsflaggen im Hintergrund. Hier geht es nun wahrlich nicht um die grosse Weltreligion Mohammeds, sondern um eine Aussenstelle des türkischen Religionsministeriums, dessen Ziel nicht Integration, sondern Erhaltung der türkischen Identität, jenes unkritisierbaren „Türkentums„, ist, das schon nur die Ewähnung des Völkermords an den Armeniern unter Strafe stellt. Der wahrlich in Sachen „Rassismus“ unverdächtige schweizerische „Beobacher“  (Nr.22/2009 S. 28) schreibt dazu (nachdem erwähnt wurde, wie die albanischen Moslems sich sehr gut integrieren, was auch hier die „Weltwoche“ bestätigt):

Anders sieht es bei den Türken aus. Ihre Moscheen in der Diaspora stehen oft auch für eine politische Haltung gegenüber dem Heimatland. Vor allem geht es um die Einstellung zum säkularen türkischen Staat. In der 3000-Seelen-Gemeinde Bürglen etwa ist die Moschee des gemässigten, türkisch-islamischen Kulturvereins, die mit der konservatis-islamischen Moschee der Milli-Görüs-Bewegung (die nationale Sicht) konkurriert. Letztere wird in Deutschland von mehreren Bundesländern und von Sozialwissenschaftlern als antisemitisch und islamistisch kritisiert. Gegen den deutschen Generalsekretär der Bewegung und weitere Funktionäre ermittelt die Staatsanwaltschaft München seit dem Frühling wegen Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Von Reto Müller wollte ich also vor den Sommerferien Aufschluss über folgende offene Fragen. Seine entschuldigende Antwort bleibt unter uns, das wäre nun unritterlich, da er aber nun seinem Jugendparlament die Teilnahme an einem Podium zum Thema „Minarett“ verweigert hat, und dies eher mit „Machiavellismus“ als mit Lust zur Wahrheit begründet hat, deutet es doch sehr darauf hin, dass hinter der stolzen Selbstgewissheit der JUSO und der SP in der Minarett-Frage sich eine gähnende Leere in Bezug auf staatspolitischem und religionsgeschichtlichem Wissen auftut. Was für die SP, die einst Stolze Partei der Arbeiterbildung war, peinlich ist. Hier also meine Anfrage an Reto Müller:

Am 04.07.2009 um 13:06 schrieb giorgio.girardet@bluewin.ch:
Lieber Herr Müller
Auf Ihrem Blog bin ich wieder über die Minatett-Frage gestolpert, was mich dazu gebracht hat, meine diesbezüglichen
Ideen zu büschelen. Das Ergebnis sprengte leider den Rahmen der Kommentarfunktion.
Wenn Sie mich widerlegen könnten, würde mich das freuen, denn ich stimme sehr ungerne nach einer SVP-Empfehlung. Aber in dieserm spezifischen Falle sehe ich als protestantischer Historiker, abkömmling einer seit 1200 blutig verfolgten europäischen religiösen Minderheit (die Protestanten erhielten die Bürgerrechte im Königreich Savoyen erst 1848 zusammen mit den Juden) zu viele pragmatische Gründe, es trotzdem aus Vernunftgründen tun zu müssen.
(Manchmal siegt bei mir der Verstand über den Herdentrieb: selten genug).
Und nun lesen Sie: und (wenn Sie Zeit finden) widerlegen Sie mich!
Giorgio Girardet
Die Thesen/Fragen
Zum Thema Minarett und Religionsfreiheit müsste einiges geklärt werden:
1. Die Trennung von Kirche und Staat wurde unter anderem vom studierten Juristen Calvin in Genf sauber durchgeführt.
Voraussetzung für diese Trennung war allerdings, dass alle Bürger Genfs sich dem Glaubensbekenntnis der Reformation
anschlossen. Für Menschen, welche die Grundwerte des christlichen Abendlandes nicht teilten, war in Genf – wie noch
weniger in den von der katholischen Inquisition beherrschten Gebieten – kein Platz, wie die Verbrennung des Trinitäts-leugners Servet 1553 zeigt. Auch heute „Verbrennen“ wir: Holocaustleugner, Moderatorinnen die an Hitlers
Autobahnbau erinnern, Rassisten, Schwulenhasser etc. etc. Jede Gesellschaft macht das, es fragt sich bloss welche
„Verbrennungen“ wirklich hilfreich, welche intelligent und unumgänglich sind.
2. Die „Religionsfreiheit“ der Bundesverfassung von 1848 hatte noch zwei Einschränkungen: Die Jesuiten als katholische intellektuelle Kampftruppe mit Kadavergehorsam dem Stuhl Petri gegenüber war bis in die 1970er Jahre verboten. Die Juden waren ohne Bürgerrechte in Ghettos verwiesen. Erst auf französischen Druck hin erhielten die Juden in der Schweiz in den 1860er die Bürgerrechte. Die Folge davon: das Volk verbot 1892 in der ersten Initiativabstimmung das Schächten. Fazit: wirkliche „Religionsfreiheit“ herrscht in der Schweiz erst seit der Abschaffung der Bewilligung neuer Bistümer durch den Bundesrat 2001! Für die Juden endete die „Religionsfreiheit“ nach weniger als 30 Jahren mit dem Schächtverbot. Mit wirklicher „Religionsfreiheit“ hat die Eidgenossenschaft bis heute noch keine Erfahrung. Wie eine Gesellschaft mit wirklicher „Religionsfreiheit“ ausssehen könnte, beginnen wir erst zu ahnen, was zu einer heftigen Rückkehr der Jugend zu den Geisteshaltungen der Grossväter führt, oder noch schlimmer in jenen „bibeltreuen“ Fundamentalismus, der in der Schweiz noch nie bestanden hat, oder verfolgt wurde (Täufer).
3. Während es sich bei den reformierten, katholischen und christkatholischen Kirchen um Anstalten des Schweizerischen Staatskirchenrechts handelt, die zutiefst mit der Geschichte und der Rechtsentwicklung des Landes verwachsen sind und auch die jüdischen Glaubens-gemeinschaften durch Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte eingewurzelt sind, handelt es sich beim Islam in der Schweiz um ein unübersichtliches Konglomerat ethnischer Gemeinschaften (Türken, Bosnier, Iraner etc.) die NICHT in einer öffentlichen Körperschaft nach Schweizer Recht verfasst sind und nicht über Generationen in unser Rechtssystem eingewurzelt sind. Erlaubt man Minarette heisst dies türkische, iranische, bosnische, albanische Parallelgesellschaften zu ermutigen, nicht aber einer Weltreligion Anerkennung zu zollen.
4. Das Minarett ist eine Nutzung des öffentlichen Raums, eine visuelle und durch den Ruf des Muezzins möglicherweise
auch bald akustische Immission, die für viele hier altein-gesessene Menschen zu einem Ärgernis werden kann. Man denke an die idiotischen Klagen von atheistischen Mitbürgern über Immissionen durch christlichen Glockenschlag. Zudem wird das Minarett in Teilen der islamischen Religion (in sehr kleinen aber auch sehr gewaltbereiten) als Siegeszeichen über ein Territorium gelesen oder als Signal für den Wirkungsbereich des islamischen Rechts der Scharia. Gleiches tun wir
Christen auch, die wir „Die Kirche im Dorf“ und den „Allmächtigen“ als Garanten der Menschenrechte in der Verfassung belassen. Solche Interpretationen die der „Gewissensfreiheit“ unterliegen, können wir nicht durch Paragraphen steuern. Solche Interprationen können wir nur effizient verhindern, indem wir das Zeichen, das sie auslösen könnte verbieten.
Wie wir auch – mutatis mutandis – das Hakenkreuz verbieten.
5. Zu Recht monieren die Islamischen Glaubensgemeinschaften die Absenz von muslimischen Feldpredigern in der Armee. Wie verhält sich ein muslimischer Schweizer Soldat, der auf Glaubensbrüder schiessen muss? Kann es muslimische
„Eidgenossen“ geben? Alle diese Fragen sind nicht geklärt. Die innerschweizer Katholiken waren als „Eidgenossen“ bereit
für die Zürcher und Berner „Ketzer“ wegen ihres Schwurs zu sterben (sie mussten aber im Sonderbundskrieg mit
Waffengewlt dazu gezwungen werden), ja sie gegen französische oder deutsche Glaubensbrüder zu verteidigen. Wird ein
Muslim im Ernstfall für die Freiheit auf sexuelle Freizügigkeit in der Schweiz auf einen rechtgläubigen Muslim schiessen, der die Schweiz von den „Ungläubigen“ befreien will? Ist der „eidgenössische Patriotismus“ in den Köpfen und Herzen unserer eingebürgerten muslimischer Mitbürger höher eingestuft als ihr heiligstes Credo?
6. Die muslimische Community hat eine äusserst vitale Demografie. Dies muss sich gerade Reto Müller überlegen, dessen Schätzli erst noch Hauptmann werden, ein Studium abschliessen und in der Politik noch Karriere machen will. Es wird bei Erstgeburtsalter 32 (optimistisch geschätzt) für die klassischen zwei Standardkinder reichen (die sofort SP-mässig
„verkrippt“ und areligiös erzogen werden). Meine türkischen Nachbarn haben je 6 Geschwister, die Frauen gebären mit 20
ihr erstes Kind und  hören vor dem fünften nicht auf: alles stramme Muslims. Zum Beschneidungsfest ihres Sohnes kamen
700 Menschen: alles Verwandte. Durch Einbürgerung werden auch sie etwas weniger fruchtbar, aber Reproduktionsverhalten
und Rollengestaltung folgt nicht den Vorgaben der 200 verbeamteten Gleichstellungstanten. Reto Müller der Oberlehrer soll diese Demografie mal mit kühlem Blute durchrechnen. Vielleicht macht er noch einen Haushaltungs-lehrgang durch und ermuntert seine Partnerin zu einer 7-köpfigen Familie, die er als Hausmann managt!
7. Während ich als „Tschingg“ auf dem Nachhauseweg in der Schwarzenbachzeit von „Eidgenossen“ kujoniert wurde und so
die „swissness“ eingebleut bekam, raten heute Schweizer Eltern ihren gendermaingestreamten Söhnen (die dafür in München dann unschuldige Passanten „verklatschen“), sich mit Türken, Albanern oder Serben nicht anzulegen, wegen derer
Clanmässig  organisierter Machokultur und den vielen Brüdern und Cousins. Als Oberlehrer dürfte auch Reto Müller diese
Problematiken kennen, die vielleicht im idyllischen Langenthal noch nicht so ausgeprägt auftreten, weil noch ein paar
kampfbereite Rechtsextreme ein Gegengewicht bilden.
8. Intelligente Kennerinnen des Islams Ayan Hirsi, Necla Kelec (es sind interessanterweise meist Frauen!) raten der Schweiz dringend, den Bau von Minaretten nicht zuzulassen. Für das friedliche Gebet braucht es sie nicht, und die Gefahr, dass die  ausdrückliche Erlaubnis zum Bau dieser „Bajonette des Islams“ von einer männerbündlerischen Machokultur als erster Erfolg im Wasserschloss Europas gelesen werden auf dem Durchmarsch zum europäischen Kalifat (solche Ideen kursieren!) ist zu gross. Auch für ein Minarett-verbot tritt übrigens der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher ein, der als Katholik im reformierten Zürich aufwuchs und die respektvolle Rücksichtnahme als Essenz der Schweizer Kultur am eignen Leib erfuhr: als schwuler Katholik ist er nun der Grossschriftsteller der Zwingli-Stadt. Ich hätte nichts gegen einen gut integrierten muslimischen „Adolf Muschg“ mit iranischen Wurzeln als Interpret unserer Werte.
9. Wichtiger für die „Religionsfreiheit“ in der Schweiz als die Minarette wäre die Wiederzulassung des 1893 verbotenen
Schächtens (für Juden und Muslime) auf Schweizer Territorium. Pascal Couchepin hat 2002 oder so mal einen Anlauf unternommen. Es wäre sehr viel Ehre zu gewinnen gewesen, aber ich glaube der machtbewusste Liberale begriff sehr schnell, dass er niemals im Volk durchkommen würde und eine sehr, sehr hässliche öffentliche Dikussion riskierte.
Ich komme zum Schluss. Dem Islam nach 30 Jahren signifikanter Präsenz Rechte einzuräumen, welche die Eidgenossenschaft (immerhin Hüterin des humanitären Völerrechts und kein „Schurkenstaat“) über 100 Jahre den katholischen Miteidgenossen bei auf dem Papier geltender „Religionsfreiheit“ NICHT gewährte, einer Religionsgemeinschaft die weder demokratisch öffentlich-rechtlich verfasst ist noch eine historische Schicksalsstunde mit den Schweizern durchlitten hat (die Juden in der Schweiz standen 1914-18 und 1939-45 auch an der Grenze!) ist grobfahrlässig und dumm.
Ich lade den Oberlehrer, Stadtpräsident und Partner der Offizierin ein, diese Gedanken in seinem Kopfe mit kühlem Blute
zu erwägen. Es könnte sein, dass seine Enkelin Dorothea Müller sich 2134 anhören muss: wegen deinem dummen Grossvater,
der in Langenthal das Minarett so begrüsste und gegen das Verbot war, muss ich mich nun verschleiern und es gibt keine
rechtliche Handhabe mehr die Grossmoschee auf dem Berner Rosengarten mit dem 100 Meter Minarett zu verhindern.
Bei der Minarett-Frage geht es nicht um „Religionsfreiheit“ sondern um die Frage welche „Leitkultur“ in den nächsten
200 Jahren sich auf den Territorium Eidgenossenschaft behaupten wird.
Verbieten wir die Minarette, laden wir die Muslime ein, einen „eidgenössischen Islam“ in den Landessprachen zu kreieren, der weltberühmt werden könnte (wie der Calvinismus, das Rote Kreuz, die „Würde der Pflanzen“ und das „Welt-Ethos“ des „Schweizer Katholiken“ Hans Küng),
gestatten wir Minarette, kapitulieren wir vor einer rasch wachsenden, vitalen und am extrem Rand auch gewaltbereiten
Parallelgesellschaft die uns bald ihre Werte diktieren wird.
Wenn die „Willensnation“ nicht mehr will: dann geht halt die alte Freiheit der Eidgenossen (und damit auch die Frauenrechte) den Bach runter. Für den „Fortschritt“ musste noch in jeder Generation gestritten werden, das Fälscheste
aber ist die Toleranz für den „Rückschritt“ aus Angst (Himmel, welcher Image-Schaden für die Schweiz wäre ein „JA“!)
oder Bequemlichkeit (Religion ist sowieso Scheisse, sollen die doch machen was sie wollen, mich stören Minarette so
wenig wie Kühltürme).
Ich glaube weder an „fort-“ noch an „rück-“ Schritt. Es gibt anthropologische Konstanten, es gibt Kulturen die vital
sind und solche die wegwelken. Wie die religiöse Erweckung im 17. Jahrhundert (Pietismus) erst die demografischen und
geistigen Grundlagen für die industrielle Revolution und den gepriesenen „Liberalismus“ legte, so beginnt auch die
bedingungslose Kapitulation („Recht auf Abtreibung“, „Schwulsein als Religion“) im verluderten Kopf und den trägen
Herzen.
Darum werde ich – der ich noch nie in meinem Leben einem SVP-Kandidaten meine Stimme gegeben habe – zur Minatett-
Initiave ein JA einlegen.
Wenn es Ihnen gelingt meine Gründe zu widerlegen, werde ich mich gerne von einem Schuemeischter und Stadtrat aus dem
Gotthelf-Kanton überzeugen lassen. Aber ich fürchte eher, Sie müssen mir „Hinter vorgehaltener Hand“ Recht geben und
dann – um das Gesicht nicht zu verlieren – mit der eingeschworenen Herde der Genossen „NEIN“ stimmen.  Wir sind nun mal alle Menschen: aber gerade darum gibt es das Wahl- und Abstimmungsgeheimnis. Sollte die Initiative durchkommen:
natürlich werden alle Völker aufjaulen, aber „hinter vorgehaltener Hand“ wird sehr viel Zustimmung zu vernehmen sein.
Sollten Muslime wegen eines „Ja“ in der Schweiz gewaltätig werden, zeigen sie bloss ihr wahres, undemokratisches
Gesicht. Es werden kaum muslimiische Geschäftsleute die Schweiz verlassen, nur weil sie an der Bahnhofstrasse kein
Minarett am Horizont erblicken, wie es noch nie einen geschäftstüchtigen Eidgenossen gehindert hat mit Ländern Handel zu treiben, auf denen Christen auf offener Strasse erschossen werden.
In der Schweiz können sich Muslime frei bewegen (auch in der Burka), diese Kultur der Toleranz haben wir in 700jährigem
Dialog mit unserem „Allmächtigen“ miteinander  (Kaholiken und Protestanten) ausgehandelt. Das Monopol der optischen
Sinnstiftung durch vertikale Symbolbauten müssen wir behalten, gerade weil wir diese Kultur und nicht eine andere
(neuheidnische: Marxismus oder Nazitum, oder islamische) weiter entwickeln wollen. Die Muslime aller Ethnien die hier
mit uns leben sind eingeladen „Eidgenossen islamischer Konfession“ zu werden, spätestens nach 100 Jahren werden wir der „islamischen Landeskirche der Schweiz“ (diese müssen sie selber sich demokratisch erstreiten und schaffen, wir können
sie ihnen nicht als juristische Hülle einfach schenken) den Bau von Minaretten erlauben (und es werden Schweizerflaggen
und nicht türkische von ihnen flattern). Es wird diesen Eidgenossen ein Anliegen sein, dass sich diese Minarette von
allen andern der Welt abheben werden. Holzminarette mit „bluemete Trögli“ für den „gibätsrüeffer“ wie er dann in urigem
Berndeutsch heissen wird.
Vielleicht meldet er sich noch hier, der Herr Müller? Ugugu, der diese Argumente erfahren wollte, ist auch gern eingeladen mitzudiskutieren.

Hugenotten, Muslime und Plakate: Bilaterale Betrachtungen

Oktober 11, 2009

deutscher MuslimWer würde diesem Konfirmanden ein Attentat auf bayrische Säufer zutrauen?

Als Abkömmling italienischer Hugenotten bin ich durch meinen Stammbaum für Fragen der religiösen Toleranz sensibilisiert. Die Waldenser erhielten im Königreich Savoyen die bürgerlichen Rechte zusammen mit den Juden anno 1848. Als Calvinist mag ich auch das offene, rationale Wort.  So scheint es auch zwei Mit-Hugenotten in Berlin und Basel zu gehen. Schon ihre Familien-Name outen sie als ehemalige Aussenseiter. Da ist mal der Herr Bankdirektor, der deutsche SP-Genosse Thilo Sarrazin (der mit den „Sarazenen“ in Verbindung steht, wie die Basler Hugenotten-Familie und Privatbank Sarasin), der in der Zeitschrift „Lettre International“ pointierte Aeusserungen gemacht hat, deren klarste Henryk Broder in seiner Kolumne in der Weltwoche allesammt übernahm, weil sie dem jüdisch-stämmigen Kolumnisten bedenkenswert erschienen. Und dann ist noch in Basel der Hugenotte und grüne Stadtpräsident Guy Morin, der das Verbot der „Anti-Minarett-Plakate“ der SVP auf der Baseler Allmende (öffentlichem Grund) in einem Interview rechtfertigt. (update 17.10.09) „Unklug“ nennt zu recht „C.W.“ in der NZZ die Aeusserungen Guy Morins gegenüber dem Basler Onlin-Portal „Kleinreport„, wonach Glockengeläut und Ruf des Muezzins einander gleichzustellen wären.

Wieder einmal haben wir es mit einer „deutsch/helvetischen“ bilateralen Betrachtung zu tun. Wo liegen die relevanten Unterschiede der beiden Staatswesen.

1. Die „schweizerische Eidgenossenschaft“ hat eine Bundesverfassung, die noch immer „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ beginnt (wíe der erste Bundesbrief 1291, wurde 1848 übernommen und 1874 und 1999 nochmals übernommen). Die Schweizerische Eidgenossenschaft hat ihren 1815 gefassten Auftrag zur „bewaffneten, immerwährenden Neutralität“ bisher – wenn auch streckenweise mit mehr Gerissenheit als moralischer Unbeflecktheit – einigermassen erfüllt. Es herrschen in der Schweiz seit 1848 jene republikanischen Zustände, die in Deutschland erst 1919 hergestellt wurden und nach dem 2. Weltkrieg wiederhergestellt werden mussten. Im deutschen Grundgesetz (einem Provisorium, das nach dem Mauerfall hätte ersetzt werden müssen) ist von keinem Gott mehr die Rede, sondern von der „Würde des Menschen“, einem auf die jüdische Tradition zurückgehendem Postulat der Renaissance.

2. Durch die direkte Demokratie (dank der Minarett-Initiative der SVP) wurde es in der Schweiz nun nötig eine Thematik zu traktandieren, die bis dato vom herrschenden Mainstream-Denken schamvoll unter den Teppich gewischt wurde: die Stellung, welche der Islam als bald drittgrösste Konfession/Religion auf dem Boden der Schweizerischen Eidgenossenschaft spielen soll. Denn bei den derzeitigen Zahlen und dem demografischen Potenzial kann man den Islam in der Schweiz nicht mehr länger den „Zeugen Jehovas“ den Sikhs oder den tibetischen Buddhisten gleichstellen, die allesamt kein Bedürfnis haben den öffentlichen Raum mit Türmchen zu schmücken, die streitbare Christen ebenso ärgern können wie streitbare Atheisten.

3. Während in Deutschland schon Projekte von Grossmoscheen im Bau sind und es der eingeborenen Bevölkerung sogar verboten wird, dagegen zu demonstrieren (in Köln etwa). Während in Deutschland Ghettos entstanden sind, in denen sich eine Parallelgesellschaft breit macht, deren Rechtsvorstellungen (Scharia) auch schon durch höchstrichterliche Entscheide gestützt wurden, haben wir es in der Schweiz mit einer grossmehrheitlich friedlichen, intergrationswilligen, ja sehr integrationskreativen muslimischen Bevölkerung zu tun. Diese strukturellen und geschichtlichen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz bitte ich bei den folgenden Gedanken präsent zu halten.

Während nun der Hugenotte und SPD-Mann Thilo Sarrazin in Deutschland niedergebrüllt wird und nur beim jüdisch-stämmigen Henryk Broder Schutz und Hilfe findet, ist der Hugenotte Guy Morin in Basel auf der anderen Seite. Nun muss man sehen, dass Basel und Berlin zwei grundverschiedene Städte sind. Während in Berlin die Initiative „Reli-plus“ für die Einführung von Religionsstunden an den staatlichen Schulen durchfiel, hat Basel-Stadt wie jeder Schweizer Kanton solche Religionsstunden geregelt (mittlerweile auch für die Muslime). Während in Berlin das Integrationsthema lange Zeit verschlafen wurde, hat Basel mit dem schier weltberühmten Intergrationsbeauftragten Thomas Kessler Massstäbe gesetzt. Verständlich darum, dass die grün-links-regierte Stadt Basel auf ihrer „Allmende“ den Aushang der Plakate verboten hat und verständlich auch, dass der Basler Professor Georg Kreis (der „Ajatollah des Gutmenschentums“) diese Plakate auch für höchst bedenklich erklärt. Da das Recht auf Plakatierung auf öffentlichem Grund eine Kompetenz der autonomen Schweizer Gemeinde ist, hat sich folgende Situation in den Schweizer Städten ergeben.

Anti-Minarett-PlakatVerboten wurde der Aushang des Plakates auf öffentlichem Grund in: Basel, Lausanne, Fribourg (update 16.10.09) Basel, Freiburg, Lausanne, Morges,
Neuenburg, Nyon und Yverdon

Erlaubt ist er in:  Zürich, Luzern, Genf, St.Gallen (update 16.10.09) Bellinzona, Biel, Chur, Genf, Luzern, Olten, St. Gallen, Schaffhausen, Winterthur, Zürich, La Chaux-de-Fonds NE und Villars-Sur-Glâne FR sowie im Kanton Jura

Das Plakat an und für sich erweist sich als „Rorschachtest“ für politische Korrektheit. Es gibt auch berühmte Zeitgenossen, wie unser grosser Rhetoriker im Bundesrat, Moritz Leuenberger, die erst nach etwas Knobeln mit ihrer Empörung im Lager der „politisch Korrekten“ landen.

Wohltuend darum der Spott, den der „Nebelspalter“ über den ganzen Vorgang der Verbotsdiskussion giesst.

Bleibt die Frage: „sind Minarette nötig“? Warum stellt sich diese Frage nicht bei den jüdischen Synagogen? In einem sehr gründlichen Artikel hat Christoph Wehrli in der „Neuen Zürcher Zeitung“ nachgewiesen, dass Minarette erst im 11./12. Jahrhundert gebräuchlich wurden: der Zeit der Kreuzzüge.

Ich für meine Persson stellte fest, dass ich sowohl in einem „tempio“ ohne Kirchturm getauft wurde, als auch meine beiden Töchter, im „Bethaus“ das vom Goethe-Freund Lavater gebaut wurde (auch das ohne Kirchturm, nur mit einem Dachreiter mit Uhr). Calvinisten brauchen keine Kirchtürme (auch im christlichen Bereich gehören sie in die Epoche der Kreuzzüge). Moderne Kirchen werden heute oft ohne Kirchtürme gebaut (hier in den 90er oekumenisches Zentrum Wolfhausen). Die Katholiken durften in der Eidgenossenschaft in reformierten Gebieten oft keine Kirchtürme bauen und auch im gemischten Kanton Thurgau, wo ich den Konfirmandenunterricht besuchte war der reformierte Kirchturm ein klitzekleines Ding, neben dem grossen katholischen, der die Uhr trug und wohl heute auch eine Mobilfunkantenne.

Türme sind stets politische Statements. Darum spricht man auch bei einer bornierten, engstirnigen Politik von einer „Kirchturmpolitik“ oder moniert „die Kirche (samt Turm) müsse im Dorf bleiben“. Heute braucht niemand mehr eine öffentliche Uhr, auch für Fliegeralarm etc. haben wir weltliche Sirenen-Standorte, es braucht keine neuen Türme als politisch-religiöse Symbole im öffentlichen Raum, deren Notwendigkeit anzuerkennen würde heissen hinter die Aufklärung, ja hinter die Reformation zurückfallen zu wollen. Da ich mir in keiner Weise die Rückkehr in mittelalterliche Fundamentalismen wünsche, erachte ich den Bau von Minaretten als fataler Rückschritt. Gerade Kirchtürme und Minarette erinnern an eine Epoche OHNE Glaubens- und Gewissensfreiheit.

Die Frage bleibt, ob man dies den Muslimen in der Schweiz ausdrücklich verbieten soll, oder ob man ihnen als Liberale die Einsicht zutraut, dass der Bau von Minaretten als „Aergernis“ wahrgenommen werden könnte und daher von einer Minderheit zu unterlassen ist. Letztere Postition vertrat kurz vor seinem Tod Hugo Loetscher in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger. Der kosmopolitische Schriftsteller, der die Geheimnisse des Waschküchenschlüssels unnachahmlich klar analysierte, sagte voraus, dass die Konfliktvermeidungsstrategien, welche Katholiken und Prostestanten in der Schweiz ausgearbeitet haben, automatisch dazu führen werden, dass die Muslime aus Einsicht auf den Bau von Minaretten verzichten werden.

Er beschrieb explizit eine Schweizer Konföderation, die von Gott persönlich so geplant worden sei. Die Schweizer seien ein auserwähltes Volk, meinte Hilty. Mit Verlaub, weder die Schweizer noch Amerikaner haben Gott für sich gepachtet. Die Brasilianer betrachten Gott als den ihren; und so tun es auch die Mexikaner. Übrigens ist der Streit um die Minarette nur eine Wiederholung dessen, was ich früher selbst erlebte habe. Als meine Schwester in der Enge katholisch heiraten wollte, mussten wir vor der Kirche warten, bis es anderswo läutete. Die Katholiken durften damals zwar ein Gotteshaus samt Turm bauen, aber keine Glocken aufhängen. Das Problem hat man dann typisch schweizerisch gelöst, indem die Protestanten für die Katholiken geläutet haben. Eine Moschee ohne Minarett ist ein vergleichbarer Kompromiss.

Dieser Verzicht wäre ein deutliches Zeichen, dass die betreffenden Muslime sich in die „schweizerischen Gepflogenheiten“ wunderbar integriert haben. Da nun aber aus der Frage, ob Minarette gebaut werden sollen, eine Frage der „Integration“ gemacht wurde und bei einer Ablehnung der Initiative die Muslime sich im Glauben bestärkt sähen, dass es dieses mittelalterliche Attribut für eine moderne Religion in der Schweiz unbedingt brauche, sehe ich mich gezwungen ein „JA“ zur SVP-Intiative einzulegen. Denn bevor wir in der Schweiz einen mittelalterlichen Islam in Beton zu giessen beginnen, möchte ich andere rein, rechtliche Fragen sauber geklärt haben:

1. fühlt sich ein Muslim in extremis einer Verfassung verplichtet, die durch die Präambel „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ eingeleitet wird und nicht durch die schwammige „Würde des Menschen“ oder sich auf „Allah, den Allbarmherzigen“ bezieht.

2. Glaubt ein strenggläubiger Muslim an die Legitimation von Bundesräte, wenn diese „vor Gott“ einen Amtseid ablegen und die drei Schwurfinger (Sinnbild der christlichen Trinität) hochstrecken, oder wird mal ein muslimischer „Gotteskrieger“ auf einen „ungläubigen“ Magistraten schiessen?

3. Kann ein strenggläubiger Muslim auf die Umsetzung jener Koran-Suren verzichten, die ihm Freundschaft mit Juden und Christen verbieten und alle „Ungläubigen“ zum Abschuss freigibt?

4. In welche Richtung schiesst ein islamischer Wehrmann der Schweizer Armee (wird er überhaupt den Fahneneid auf eine Fahne ablegen können, die im Konflikt über die Karikaturen verbrannt wurde?) in einem Gefecht gegen Muslime? Schiesst er zusammen mit seinen Kameraden, den „Schweinefressern“, auf seine muslimischen Glaubensbrüder? Oder gerät er in grosse Gewissensnöte?

Die Klärung solcher Fragen, zusammen mit der Formulierung eines Religionsartikels in der Bundesverfassung, scheinen mir viel wichtiger als der Bau von phallus-Symbolen für mittelalterliche Religionsauffassungen. Darum: bleiben wir vernünftig, die Muslime sind längst da, sie intergrieren sich prächtig, verbieten wir die Minarette bis es einen klaren Religionsartikel in der Bundesverfassung gibt, der die offenen Fragen (die auch im Bezug auf die katholische kirche bestehen regeln). Schweizer Muslime akzeptieren den demokratischen Kompromiss, wenn nicht, wollen sie sich nicht in unsere Kompromiss-Kultur eingliedern. Für „Gotteskrieger“ ist hier kein Platz.