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November 3, 2012

Obama 2008:

 

Obama 2010:

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Obama 2012:


Die Humorgrenze der Schweizer „Freidenker“

März 19, 2012

Reta Caspar, Geschäftsführerin der Schweizer Freidenker, wie sie auf facebook und im cyberspace wahrgenommen werden will: intelligent, kritisch, angriffig

Reta Caspar sagt:

19. März 2012 um 08:13

Für die Allgemeinheit: Ja, GGs Kommentare verletzen zu fast 50% klar unsere Blogregeln und werden deshalb nicht freigeschaltet. Solche persönlichen Anwürfe könnte er auch bei den “grosssen Blättern” nicht platzieren, für die er ja eigentlich wohl gerne als Journalist schreiben würde…

 

 

Und hier Beispiele von Kommentaren des Uertners (GG), die bei den „Freidenkern“ nicht freigeschaltet wurden. Zuerst eine Rückmeldung (feedback) an den lieben Freund und Kolumnisten-Kollegen Abgottspon im Kanton Wallis:

Als kleine Manöverkritik: 6000 Zeichen sind viel zu viel für einen polemischen Artikel. In der Kürze liegt die Würze. Positiv ist, dass der Verfasser einem durch die Brille gredi use anschaut, und nicht wie die Frau Caspar von unten her über den Brillenrand mustert, als habe die “gute Hausfrau” gerade beim Milchmann ein Joghurt mit abgelaufenem Verkaufsdatum entdeckt (denn dies ist das Christentum dem Freidenker!). Aber die 6000 Zeichen führen dazu, dass man zu geschwätzig wird. Der Mann fasst sich in 2000 Zeichen in Print. Um die Länge zu erreichen wiederholen sich jene Zitate, die man ohnehin schon kennt (Deschner et alios). Es entsteht so der unvorteilhafte Eindruck, der Verfasser habe wenig eigene Ideen, könne nicht auf den Punkt schreiben, aber eine Bauchlade mit verbilligtem Ramsch, aus der er noch dies und das an die Frau oder den Mann bringen will. Schade. So erreicht man kaum den eigenen Anhang und auch den wird man (der Inhalt der Bauchlade erschöpft sich schnell) bald langweilen.

wurde hier nicht aufgeschaltet: http://www.frei-denken.ch/de/2012/03/«ach-schon-wieder-huonder»/#comments

Oder die – zugegeben kritisch-humoristische – Anmerkung zur Kursausschreibung in „Ritualbegleitung“, wo Reta Caspar um „zwölf JüngerInnen“ aus dem Heer der „aktiven RitualbegleiterInnen“ wirbt, die dem Freidenkerverein beitreten und damit RC als „Autorität für weltliche Rituale“ anerkennen sollen. Für den „freien Geist“ der Reta Caspar schon „zu starker Tobak“. Ohjee: was blüht uns wenn solche „Freidenker“ tatsächlich in Machtpositionen kommen sollten?

GG (uertner) sagt:

Dein Kommentar wartet auf Freischaltung.

17. März 2012 um 23:55

Voraussetzungen

Mitgliedschaft FVS”

und

“Es hat 12 Plätze, Anmeldungen von aktiven RitualbegleiterInnen haben Vorrang.”

Hmm, diese Marketing-Idee mit den “zwölf” kommt mir irgendwie bekannt vor. Die Sache mit der Mitgliedschaft auch … hmm, hmm.

Könnte der Unterschied letztlich der sein, dass beim Original der Guru männlich war (und schon lange “tot”), und bei der Kopie er nun weiblich ist (und mit dem Blick über die Brille sagen will: 30 Jahre müsst ihr noch mit mir rechnen?). Ein Schelm der solches denkt.

wurde hier nicht aufgeschaltet:  http://www.frei-denken.ch/de/2012/03/fvs-seminar-ritualbegleitung/

Die Freidenker outen sich mit „unsere Blogregeln“ (wo stehen sie denn geschrieben?) als dünnhäutig und humorlos. Auch die – liebevolle – Kritik an Geschäftsführung und Gross-Märtyrern wird nicht ertragen. Ist das nicht typisch „katholisch“? Nein: menschlich, allzumenschlich.

 

The Heuss of Germany – die neue Bundespräsidenten-Castingshow

Februar 18, 2012

Gestern Abend startete in Berlin die neue Bundspräsi-Castingshow „The Heuss of Germany“. Hier der exklusive Bericht mit den Highlights der streng geheimen Deaf Auditions:

Die Juroren werden in den Saal geschoben: Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Joschka Fischer. Kai Diekmann und der Chefredakteur des Spiegel müssen sich dabei einen Rollstuhl teilen. Diekmann darf oben sitzen.

Moderator Thomas Gottschalk erklärt die Regeln: Die Kandidaten kommen einzeln auf die Bühne, es folgt ein kurzer Praxistest, um die Eignung des Bewerbers festzustellen: Ein paar Fragen der Juroren beantworten, Hände schütteln, Weihnachtsansprache halten, mit Menschen mit Migrationshintergrund reden, staatstragend oder betroffen gucken. Anschließend muss der Kandidat noch was singen. Die Juroren müssen während der Deaf Auditions ihre Hörgeräte ausschalten.

Der erste Kandidat betritt die Bühne. Frenetischer Applaus brandet auf.
Nicolas Sarkozy: „Onschälla at misch persönlisch sum Castingg eingeladän. Isch kann Presidont. Und isch abe demnäschst säär vill Seit. Und eine First Lady kann isch auch mitbingön.“
Joschka Fischer: „Na gut, ich nehm dich in mein Team.“
(Diekmann schreibt mit: „JOSCHKA UND CARLA BRUNI INTIM!“
Sarkozy singt „Je t’aime … moi non plus“ im Duett mit Angela Merkel.

Die nächste Kandidatin ist Ursula von der Leyen: „Warum ich hier bin? Naja, also die Angela hat gesagt ich muss. Da müsste jetzt mal eine Frau ran. Die Männer sind ihr doch alle nicht gewachsen. Die treten doch zurück wie die Fliegen…“
(Diekmann notiert: „SCHÖNE URSULA – BRUTAL MISSBRAUCHT VON DER EIGENEN MUTTI!“
Von der Leyen singt „Weil ich ein Mädchen bin“ von Lucilectric.

Als nächstes schreitet Karl-Theodor zu Guttenberg auf die Bühne.
Guttenberg: „Meine herausstechenden Charaktermerkmale? Nunja: Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit. Und ich bin brillant und sehe unverschämt gut aus, das sagt auch mein Freund Giovanni.“
(Diekmann kritzelt: „GUTTENBERG ENTHÜLLT: DI LORENZO SCHWUL!“)
Guttenberg: „Äh, eine Frage noch: Muss man hier eklige Tiere essen?“
Schmidt: „Nur, wenn Sie nach China eingeladen werden oder auf der Grünen Woche.“
Guttenberg singt sein selbst geschriebenes Lied „Oops I did it again“.

Der nächste Kandidat ist Wolfgang Schäuble, der derzeitige Schwarze-Kassen-Wart der Bundesregierung und im Nebenberuf Schattenwirtschaftsminister. Vorstellen braucht der sich nicht mehr.
Schäuble singt: „Hoch auf dem gelben Wagen“.
(„SKANDAL! KÜNFTIGER BP IM POST-FILZ?“ titelt Diekmann.)

So langsam verlieren die Juroren das Interesse. Schmidt will endlich eine rauchen, Kohl will Abendbrot.
Fischer: „Schade, dass Knut tot ist. Auf den konnten sich alle irgendwie einigen.“
Zustimmendes Gemurmel.
Käßmann singt: „Einer geht noch, einer geht noch rein“.
Gauck singt irgendwas von Bushido.
Das Publikum grölt: „Wir sind das Volk!“ und macht La-Ola.
„OK, ein Kandidat noch, sonst komme ich nicht auf meine Überzieh-Quote“, entscheidet Gottschalk.

Gerhard Schröder hüpft grinsend und winkend auf die Bühne.
Schröder: „Leute, jetz ma ehrlich, ich würds machen. Mit dreckigen Jobs kenn ich mich aus. Und wegen so nem Flohfurz wie der ollen Hütte da in Dingenskirchen würd ich doch nie zurücktreten! Da lach ich doch drüber. Hahaha. Und ich hab ne Menge gute Freunde: den Putin, den Maschmeyer, den Gaddhafi, hahaha, den Diekmann…. Hey Kai, alte Socke, alles klärchen? (Diekmann kniet hinter dem Stuhl des Spiegel-Chefredakteurs, dessen Namen uns immer noch entfallen ist und sucht seinen Stift. Georg Mascolo zeichnet derweil fiese Karikaturen von Diekmanns Hintern.)
Schröder singt: „Gute Freunde kann niemand trennen“. Das Publikum brüllt: „Du bist Deutschland!“ und wählt Schröder mit 87%.

Zum Abschluss singen alle die deutsche Nationalhymne „Es gibt nur ein Rudi Völler“ (3. Strophe).

Guttenberg: Nachhaltig gescheitert?

Dezember 3, 2011

Zugegeben, ich wäre schwer enttäuscht, wenn ausgerechnet Giovanni di Lorenzo, der seine Magisterarbeit über Berlusconi und die Medien geschrieben hat, sich von einem narzisstischen geistigen Hochstapler als Steigbügelhalter für dessen Comeback-Kampagne hätte einspannen lassen und das Paradepferd des deutschen Qualitätsjournalismus zur PR-Nutte herabgestuft hätte.

Originalplagiat aus der ZEIT

Originalplagiat aus der ZEIT

Nein, di Lorenzo hat journalistischen Instinkt bewiesen und ein gerüttelt Maß an Chuzpe: 1. Guttenberg und 2. Werbung für das eigene Produkt auf den Titel zu hieven war unfein und das Risiko, dass es deswegen (zu Recht) wutschnaubende Abo-Kündigungen hageln würde, absehbar.
Aber: Es hat funktioniert.
Weil wir alle so dankbar sind, uns mal über was anderes aufregen zu dürfen als über das tägliche Euro-Elend. Weil von Anne Will bis Maybrit Illner alle mitmachten und Gratis-Dauerwerbesendungen für das Büchlein schalteten. Weil die Printkonkurrenz der ZEIT sich vermutlich in den Allerwertesten beißt, dass sie die Exklusiv-Chance verpasst hat und nun von di Lorenzo abschreiben und unfreiwillig Werbung für die ZEIT machen muss.
Weil di Lorenzo einen sehr schwierigen Job sehr gut macht: Eine Qualitätszeitung verkaufen.

Ausgesprochen angenehm fällt übrigens auch der sachliche Ton auf, in dem das ZEIT-Interview geführt wurde: Weder distanzlos-anbiedernde Hochjubelei wie üblicherweise bei BILD, noch ätzende Häme wie bei beim vom gefallenen Polit-Kometen enttäuschten und deshalb tief gekränkten STERN, und auch keine Dämonisierung dieses Würstchens wie bei der FAZ.
Man kann ja gar nicht ermessen, wie schwer es di Lorenzo gefallen sein muss, angesichts der haarsträubenden Antworten ernst zu bleiben! Aber gut so, denn sich um Kopf und Kragen reden, das schafft Guttenberg ganz alleine: Er wirkt wie ein Dieb, der nicht bereut, das er gestohlen hat, sondern bloß, dass er erwischt worden ist.
Entweder ist Guttenberg also ein Betrüger, Lügner und hat nichts dazugelernt, dann disqualifiziert er sich damit moralisch für jedes politische Amt.
Oder er ist ein derart überforderter Chaot und Dummkopf, der eigene und fremde Gedanken nicht auseinanderhalten kann, wie seine Selbstdarstellung nahelegt, dann disqualifiziert er sich damit intellektuell für jedes politische Amt.

Vielleicht hatte di Lorenzo ja auf eine echte Beichte gehofft, als er den Buchdeal unterschrieb. Hätte Guttenberg glaubwürdige Reue gezeigt, dann könnte man ihm verzeihen, wie der Heiligen Margot. Ein image-strategischer Wechsel der Frisur und der Zeitung reicht eben nicht. Und auf Bußverweigerung steht bekanntlich traditionell die öffentliche Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Deswegen ist „gescheitert“ als Buchtitel ein guter Griff.

Ich mag mir übrigens gar nicht ausmalen, was dabei herausgekommen wäre, hätte die BILD das Buch produziert. Eine Hofberichterstattung mit dem Titel: „Gutti komm, zurück! Deutschland braucht dich!“ mit exklusiven Bildern der Gattin am Pool?
Vielleicht hat di Lorenzo uns einen deutschen Berlusconi erspart? Time will tell.

Denn voreilig abschreiben sollte man Guttenberg noch nicht.
Dass er eine rechtspopulistische Partei gründet, traue ich ihm nicht zu. Man sollte da nicht gleich den Sarrazin an die Wand malen.
Aber es gäbe ja noch die Möglichkeit, dass Guttenberg den Rennstall wechselt und sich als neuer Hoffnungsträger für die FDP geriert – eine notleidende Partei, die seit Jahren hauptsächlich damit beschäftigt ist, sich selbst ein neues Image zu verordnen, zuletzt als Anti-Europa-Partei, und bei der moralische Skrupel und politische Überzeugungen ohnehin eher im Weg wären. Wenn es ihm gelänge, mit seiner Popularität die (Neo)liberalen bei der nächsten Bundestagswahl auf 5,1% zu pushen, dann könnte dieser Mann künftig die Geschicke der Wirtschafts- und Finanzpolitik Europas bestimmen. Dass er dafür der richtige „Kopf“ ist und alle anderen für Idioten hält, das hat er ja hinlänglich deutlich gemacht. Und der CSU ans Bein pinkeln kann er schon wie ein echter FDPler.

Und wenn es da auch nicht klappen sollte mit dem Comeback, dann bliebe ihm immer noch das Dschungelcamp.

Wahlschicksal der „Rationalisten“ im Kanton Zürich

Oktober 29, 2011

Ein Vorteil des Schweizer Wahlverfahrens liegt darin, dass über die Panaschierstimmen (Stimmen die von einer Parteiliste auf einen Kandidaten einer anderen Partei abgezweigt werden) sich sehr genau Aufschlüsse auf die Popularität eines Politkers über die Parteigrenzen hinaus erhalten lässt. Ich habe das für die Kunden der Beiz vier verschiedenen Politkern gemacht: zwei wurden nicht gewählt, zwei wurden gewählt.

Wir verfolgten das elektorale Glück von Andreas Kyriacou (Grüner, kandierte aber als Spitzenkandidat der Konfessionslosen), dasjenige von Niklaus Scherr (Alternative Liste, lange Zeit Lobbyist der Mieter), dasjenige der Winterthurer Stadträtin Maja Ingold (EVP, die auch als Ständerätin kandidierte) und zum Vergleich – last but not least – Christoph Blocher.

Dies soll uns helfen den „Geist“ der Zürcher „Konfessionslosen“ und der „Piraten“ besser zu verstehen.

 

 

 

Wir sehen wie die polarisierenden Blocher und Scherr vor allem bei ihren nächsten „Verwandten“ Sympathien abholen können (FDP und ganz stark Scherr bei der SP). Auch die „neuer Kraft“ der Mitte, die GLP (Grünliberale Partei) hat Sympathien für beide Pole in schier gleichem Ausmass (etwas mehr für Blocher). Bei den Grünen und SP trennen sich die Wege der beiden deutlich. Interessant ist die Streuung bei den „leeren Listen“ die „ernsthaften Politiker“ mit Chancen erhalten hier fast dieselbe Unterstützung von parteiungebundenen Wählern: Blocher (1833) Maja Ingold (1879). Weniger erhält der Hoffnungsträger der „Alternativen Liste“ (809), der Konfessionslose Kyriacou nur noch (219).

Die „Rationalisten“ – Kyriacou die Listenverbindung von

Kyriacou der Cybermobber und Abgottspon das Opferlamm

September 26, 2011

Unlängst wurde in der Beiz eine Auseinandersetzung zwischen dem Uertner, meiner Wenigkeit Giorgio Girardet, und den durch Film, Funk und Fernsehen schweizweit bekannten „Freidenkern“ Valentin Abgottspon und Andrea Kyriacou dokumentiert. Der Zankapfel war ein Rohtext, den ich für das Feuilleton der „Basler Zeitung“ verfasst hatte, und den ich Valentin Abgottspon zur Berichtigung sachlicher Fehler in toto zusandte. Dies ist bei Porträts ein unübliches Verfahren, denn der Porträtierte hat nur eigentlich Anrecht direkte und indirekte Zitate zu kontrollieren und zu autorisieren. Sachliche Fehler gehen zulasten des Journalisten. Aber die menschliche Sympathie zu Valentin verleitete mich zu diesem generösen Schritt. Da mich Oberlehrer Abgottspon auf Facebook mit folgenden Sätzen traktiert:

Wenn du bereit bist, endlich zu deinem Schundartikel (BaZ-„Leserbrief“) zu stehen und ich den publizieren darf (du also sozusagen endlich mal deinen Mann stehst, aufrichtig und aufrecht handelst), würde ich dir den Artikel auch eingescannt zusenden. Da bei dir ein plötzliches Wachsen von Rückgrat oder eine Entwicklung eines minimalen journalisischen Ethos‘ aber nicht zu befürchten scheint, warte ich mal mit dem Einscannen.

Ich entgegnete dem Walliser Transparenz-Fanatiker auf folgende Weise:

Als ehemaliger Lehrer, würde ich dir raten: ein im Schuldienst stehender Lehrer, gewinnt wenig Ansehen in der Welt (und noch weniger bei den beaufsichtigenden Schulbehörden), wenn er sich mit „Möchtegern-Journalisten“ balgt. Schon gar nicht, wenn der Streitgegenstand ein nicht-veröffentlichter Text, an dessen Optimierung er nicht mithelfen wollte, ist. Das Ganze hat mit etwas Distanz betrachtet etwas ungemein Ridiküles. Ich würde mir an Deiner Stelle Gegner aussuchen, mit denen sich zu fighten lohnt, die auch bekannt sind (der Bischof von Sitten?). Der „Möchtegern-Journalist“ aus Bubikon fällt wohl definitiv nicht in diese Kategorie. Aber eben: man kann nicht für eine Gesellschaft im Schuldienst stehen, an deren Fundament man sägen will. Das ist weder sonderlich katholisch, noch walliserisch, sondern schlicht allzumenschlich.

Darum hier das ganze „making of“ dieses sagenumwitterten Textes. Gewissermassen als Geburtstagsgeschenk auf das 32. Wiegenfest Valentin Abgottspons, des grossen Walliser Winkelrieds des Säkularismus.

1. Die Idee und das Angebot an Medien

Diese Notiz auf der Seite der Freidenker machte mich „gluschtig“:

Begegnung mit Valentin Abgottspon, Präsident
Freidenker Sektion Wallis, Lehrer
„Das Kreuz mit dem Kreuz im Schulzimmer“
Referat und Diskussion
Rest. La Piazza, beim
SBB-Bahnhof Arth-Goldau, Goldau

Mit folgendem Schreiben bot ich den „Stoff“ der Hamburger „Zeit“ und der Zürcher „Weltwoche“ an:

Lieber Herr XXXXXX

für eine Nebi-Satire bin ich in Walliser Niederungen der Affaire Abgottspon gestiegen. Ein interessanter Fall, weil er exemplarisch die Unmöglichkeit aufzeigt, in einem liberalen Staat „Gewissensfreiheit“ zu gewähren. Der Konflikt wurde bei „Biedermann und den Brandstiftern“ exemplarisch aufgezeigt und deutsche Verfassungsrechtler haben sich angesicht der Islam-Konvertiten im Strafverfahren den Kopf darüber zerbrochen (sie anerkennen den Urteilsspruch des „Rechtsstaates“ aber ohne Reue und erklären, sie werden nach der Gefägnisstrafe den „Dschihad“ fortsetzen: schliesslich müsse der Staat „Gewissensfreiheit“ gewähren). Am Samstag abend erklärt Abgottspon den Freidenkern von Arth-Goldau seine Situation. Gerne würde ich diesen Abend für „Ihr Blatt“ schildern. Was meint der Chef dazu?

Gruss

Girardet

Die „Zeit“ antwortete:

Lieber herr girardet

Ein gutes thema, aber ich ertrinke in manuskripten. Sorry. Herzlich XXXXXXX

Die „Weltwoche“ antwortete:

Lieber Herr Girardet, besten Dank, wir verzichten. MfGXXXXXX

Interesse am Thema zeigte die „Basler Zeitung“

2. Vor Ort in Arth

Ich traf am besagten Tag leider zu spät in Arth ein. Der Vortrag hatte schon stattgefunden, ich hörte der Diskussion und beteiligte mich auch daran. Es waren 9 (neun) Freidenker aus der Innerschweiz anwesend (Durchschnittsalter wie bei einem Gottesdienst). Valentin stellte mir dann seinen Vortrag als audio-Datei zur Verfügung (er hatte ihn auf dem iPhone aufgenommen). Wir assen zusammen eine Pizza, ich lernte die Freidenker alle kennen: ein sympathischer Haufen.

Folgenden Artikel (der mögliche „Unwahrheiten“ enthält, den ich aber absichtlich so ins Netz stelle, damit meine ganze Niedertracht offenbar werden kann) sandte ich dann der Redaktion (und auch an Valentin) am 3. Mai 13:25 zu:

Die Stigmata des Apostaten Abgottspon
Das „Martyrium“ eines „freien Denkers“
Valentin Abgottspon erklärt das „Kreuz mit dem Kreuz in der Schule“

Der Walliser Student und Präsident der Freidenkersektion Wallis Valentin Abgottspon (31) hatte im letzten Jahr sein „Medienhoch“. Er war in der Sonntags- und in der Boulvardpresse er stand in der „Arena“ und sass im Sessel im „Club“ . Wie kam der kurzsichtige Atheist zu seinen Stigmatas, die er am Samstag in der Pizzeria „La Piazza“ seinen Innerschweizer Mit-Freinkern im Vortrag „Das Kreuz mit dem Kreuz in der Schule“ ausbreitete? Wir hörten ihm zu.

Apostat. „Es geht mit rechten Dingen zu“ war schon früh die Überzeugung des Knaben Valentin. Es braucht für ein „gutes und gelingendes Leben“ nicht den Glauben an ein „Höheres Wesen“. Im logischen Dreisatz: es gibt keinen Samichlaus, es gibt keinen Osterhasen ergo ist auch der Schöpfergott ein Hirngespinst fand Abgottspon Bestätigung. Ähnlich sehen es auch seine neun Zuhörer, die dem Ruf der Innerschweizer Sektionspräsidentin Grazia Annen in das „Dachstübli“ der Pizzeria gefolgt sind. Aus Rücksicht auf die fromme Grossmutter wurde Valentin aber erst nach deren Tod durch Kirchenaustritt zum Apostaten. Er wurde nach der Matura im Kollegium Student in Fribourg. Als ein Lehrer in seiner Heimatgemeinde Stalden durch Krankheit arbeitsunfähig wurde, bat man den Studenten Abgottspon mit einem Teilpensum (75%) einzuspringen. Abgottspon sprang ein und hängte im Frühjahr 2009 das Kruzifix von der Wand seines Schulzimmers und händigte es seinem Schulleiter aus. Es geschah nichts.

Säkularisation. Das mag mit dem grossen Mangel an Sekundarlehrkräften zusammenhängen oder mit dem verbreiteten Glauben unserer Epoche an das kommende „Ende der Religionen“. Diesen teilte auch das höchste Gericht Europas: im November 2009 kassierte die Erste Kammer des Menschengerichtshofs in Strassburg das Urteil des obersten Kassationsgerichts des laizistischen Staates Italiens: Wo immer in Europa ein Kind an einem in einem Schulzimmer aufgehängten Kruzifix Anstoss nimmt, muss es entfernt werden. Abgottspon sah: „Es geht mit Rechten Dingen zu“, wenigstens in Europa. Von der Geschäftführerin der Freidenker Magister of Law  Reta Caspar und Grazia Annen ermutigt, gründete er am 1. Mai 2010  in Visp die Walliser Sektion der Freidenker. Die Schulbehörde von Stalden war „not amused“. Abgottspon aber hatte als Präsident der neugegründeten Sektion eine Mission: „Das Wallis auch für vernunftbegabte Menschen bewohnbar zu machen“. Im Juni hatte die Lehrkraft den ersten Auftritt als Freidenker in „Schweiz Aktuell“.

High Noon. Der Präsident stellte eine Liste der Punkte zusammenzustellen, wo die Trennung von Kirche und Staat im Walliser Schulwesen nicht den Vorgaben des übergeordneten Rechts entspricht. Er verlangte einen Termin bei der Walliser Bildungsdirektion. Um die Beamten „nicht zu überfahren“, sandte er ihnen die Liste zu, „damit sie sich vorbereiten können“. 60 Minuten dauerte das Gespräch. Die Freidenker im „Dachstübli“ lachen aus vollem Hals, wenn Student Abgottspon seine Einschätzungen über Intelligenz und Kompetenz der Walliser Behörden zum Besten gibt. Nachdenklich stimmte ihn aber doch, dass lic. iur. Peter Margeilist nach der Unterredung Zweifel äusserte, ob ein so freidenkerischer Mensch überhaupt in der Lage sei, unter dem geltenden Recht des Kantons Wallis das Lehramt korrekt zu versehen. Zweifel, die er den Schulbehörden von Stalden mitzuteilen beabsichtige. Reta Caspar riet ihrem Schützling ein Gedächtnisprotokoll der Unterredung herzustellen. Abgottspon tat dies und stellte es auch – ganz der „Transparenz“ verpflichtet – online.

 Eskalation. „Ich bin kein Lamm und Untertan“ sagt Abgottspon „und wenn ich in die Ecke gedrängt werde, dann gebe ich nicht klein bei“. Abgottspon ging nun aufs Ganze und verlangte das Abhängen aller Kruzifixe, in Räumen, in denen sich der Atheist Abgottspon im Schuldienst aufhalten müsse. Die Schulkommission Stalden, der von Amtswegen auch der Gemeindepriester angehört, geriet unter Druck. Mit Schreiben vom 20. September wurde nun die provisorisch angestellte Teilzeitlehrkraft in Ausbildung angehalten, das Kruzifix in ihrem Schulzimmer wieder aufzuhängen und damit den in den Augen des eidgenössischen Standes Wallis gesetzmässigen Zustand der schulischen Infrastruktur wiederherzustellen.

Abgottspon forderte nun eine einklagbare Verfügung der Behörde ein. Um das berufliche Fortkommen des Junglehrers besorgte „gute Seelen“ hängten zweimal bei Nacht und Nebel ein Kruzifix ins Schulzimmer. Aber der „verstockte“ Abgottspon konnte darin keinen Wink erkennen, sondern sah seine „Persönlichkeitsrechte“ aufs gröbste verhöhnt. Mittlerweile interessierte sich der ordinierte Pfarrer der Zürcher Landeskirche und Journalist Matthias Herren für die Oberwalliser Kruzifix-Posse: sein Artikel für die „NZZ am Sonntag“ war schon im Stehsatz.

Exekution. Egon Furrer, Gemeindepräsident von Stalden und Walliser Grossrat, beschloss nun dem Kruzifix-Spuk ein Ende zu setzen. Begründet mit der mangelnden formalen Qualifikation, dem ob seiner Freizeit-Aktivitäten vernachlässigten Studium und des gestörten Vertrauensverhältnisses zur Lehrkraft, wurde Abgottspon am 8. Oktober kurz vor den Herbstferien die fristlose Kündigung ausgesprochen. In der Kündigung wird auch einem Rekurs die aufschiebende Wirkung entzogen. Die „NZZ am Sonntag“ berichtete am 10. Oktober national. Tags darauf waren wieder die Übertragungswagen von „Schweiz aktuell“ in Stalden. Medienstar Abgottspon ist nun im Wallis „der soziale Tod“ widerfahren. Anonyme Kirchgänger raten ihm von der einschlägigen Brücke zu springen oder Rattengift zu nehmen. Die Krankheit seiner Mutter gilt als Strafe Gottes. Die katholische Geistlichkeit lässt ihre Wutschäfchen gewähren. 25 Bewerbungen an Walliser Schulen verliefen im Sand. Abgottspon ist arbeitslos und hat einen Anwalt. Der Rekurs gegen die Kündigung an den Staatsrat und der Rekurs zur Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung an das kantonale Verwaltungsgericht wurden mit grosszügigem Zeitaufwand abschlägig beurteilt.
Allenfalls steht Abgottspon eine Entschädigung zu. Valentin Abgottspon hat es auf sich genommen, auf seiner Haut „more geometrico“ die Trennung von Kirche und Staat im bibelschwarzen Wallis durch ein Höchstrichterliches Urteil zu erwirken. „War es „vernünftig“ sich auf diesen Kruzifix-Streit im Wallis einzulassen“, fragt der Reporter. „Gute Frage“, lacht Grazia Annen. Abgottspon
sieht auch rückblickend keinen anderen Weg. Das Schul-Kruzifix ist das Kreuz, das er nun schultert.

Giorgio Girardet

Schon am gleichen Abend kam das Mail aus der Redaktion der „Basler Zeitung“:

Lieber Herr Girardet

Ich habe, wie gesagt, Probleme mit der Terminierung. Warum bringen wir das gerade jetzt? Ich glaube, die Zeit für eine derart ausgebaute Lebensbeschreibung ist vorbei.

Mit herzlichem Gruss

XXXXXXXXXXXXX


Die „Basler Zeitung“ sah den Sinn nicht mehr ganz, Leben und Leiden des Walliser Apostaten im Schuldienst am Rheinknie nochmals in extenso darzustellen. Im Angebotsschreiben wurden ja auch übergeordnete Gedankengänge angetönt, die im Text nun nicht realisiert waren. Die „Basler Zeitung“ bezahlte mir ein Ausfallhonorar.

Nicht erledigt war der Fall aber für Valentin Abgottspon, der nicht Textkorrekturen lieferte, sondern den Rohtext in seine Sekte kursieren liess. Am gleichen Tag erreichte mich um 22.04 ein Mail von folgender Tonalität: 

Hallo Giorgio,

meine Antwort (und somit auch deinen Artikelentwurf) habe ich soeben auch an Grazia gesendet, sie meldet Folgendes zurück:

Anfang der weitergeleiteten E-Mail:

>  Uebrigens, hat er tatsächlich gefragt, ob Valentins Vorgehen vernünftig war? Und habe ich tatschlich dermassen nichtssagend geantwortet? Kann ich mir, so wie ich mich kenne, kaum glauben, dass mir das nur 2 Worte wert war.

Ich kann mich daran beim besten Willen nicht erinnern. Jetzt weisst du jedoch, dass es mindestens eine weitere Unaufrichtigkeit darstellen würde, wenn du das einfach so als Artikelschluss stehen lassen würdest. Denn es ist dir ab jetzt klar, dass (falls Grazia denn so etwas geäussert hat) sie sich nicht adäquat dargestellt sieht, wenn du das so stehen lässt. Aber vielleicht ist dir das ja egal. Vielleicht hast du da etwas aus dem Zusammenhang gerissen, vielleicht war das auch beim Abendessen, wo man nicht immer alles ausdiskutieren konnte.

MfG, Valentin

Ich hatte keine Tonbandaufnahmen von Grazia, wir plauderten ja zwangslos bei einer Pizza in entspannter Atmosphäre. Erfunden habe ich den Dialog nicht. Aber mittlerweile hatte sich die Sache ja erledigt. Die „Basler Zeitung“ fand Abgottspon schlicht zu unrelevant für eine derartige publizistische Beleuchtung. Ich teilte dies Abgottspon mit. Aus diesen Informationen bastelte dann der Spezi und Kumpan von Valentin Abgottspon, der Präsident der Zürcher „Freidenker“, Andreas Kyriacou, am 8. Mai 2011 auf der Verleumdungsabteilung seines Blogs „Kyriacou über manches“ ein herzerfrischendes „Porträt“ meiner Wenigkeit, das er um 12:07 seinen „Freidenkerfreunden“ von nah und fern zur Verfügung stellte.

Ich hoffe, dass der nun seit ein paar Wochen in der Gemeinde Mörel tätige Oberstufenlehrer Valentin Abgottspon zufrieden ist: der schändliche Text mit den „Unrichtigkeiten“ kann nun von Krethi und Plethi gelesen werden. Und meine abgrundtiefe Doofheit, einem „Freidenker“ zu vertrauen ist nun der ganzen Welt offenbar. Insofern bin ich tatsächlich ein „Möchtegern-Journalist“, da hat der „klinische Linguist“ und „Wissensmanager“ auf ganz unbeabsichtigte Weise doch ein wahres Wort geblogt. Solche „Freidenker-Prosa“ aus der Feder des ewigen Doktoranden Kyriacou möge der Leser selber einordnen:

Eine Tirade gegen den Lehrer und Präsidenten der Walliser Freidenker, Valentin Abgottspon, wollte er diese Woche in der BaZ unterbringen – doch die wollte nicht. So muss Girardet auf sein serbelndes Hauspostillchen, den Nebelspalter, ausweichen. Im Gegensatz zur BaZ-Redaktion hat man dort offenbar noch nicht gemerkt, dass seine geifernden Hasspredigten kaum jemanden interessieren. Aber vielleicht merkt’s auch der Nebelspalter demnächst am weiteren Rückgang der Abonnentenzahlen.

Der Nebelspalter – soweit zu messbaren Fakten – legt – im Gegensatz zu anderen Print-Titeln – an Abonnenten zu.

Wer Valentin Abgottspon in seinem Kampf für ein säkulares Wallis gegen die Aprikosenrepublik bis ans Bundesgericht und bis nach Strassburg unterstützen will kann hier spenden:  Es lohnt sich, denn während der Schulzeit fallen jede Sekunde im Kanton Wallis  7 freidenkende Augenpaare auf ein Schulkruzifix und werden so religiös vergewaltigt. Die Folgeschäden für die Krankenkassen (delegierte Psychotherapie für traumatisierte Atheisten) sind enorm. Helft darum mit. (Spenden für Wohltätigkeit können von der Steuer abgesetzt werden!).

Nationalfeiertag in Print

Juli 30, 2011

Da am Montag keine Zeitungen erscheinen werden, wegen des 1. Augustes, wird schon heute in Leitartikeln auf das Grossereignis Bezug genommen. Die beiden grossen Zürcher Print-Medien „NZZ“ und „Tages-Anzeiger“ haben beide Leitartikel ihrer – vermeintlichen – Edelfedern auf der Front. Das Hause Tamedia erinnerte sich, dass es hinter seiner Glasfassade den Alt68er Res Strehle noch beschäftigt. Dieser leistet eine Meisterleistung gutmenschlicher Beschwichtigungsrethorik. Er sieht die Schweiz nicht mehr auf der „Zuschauerbank“ wie im 19. Jahrhundert, als die Reisläuferei eben verboten worden war und man sich auf die 1815 zugesprochene Neutralität kaprizierte (dass in der Schweiz damals liberale Agitatoren aller europäischen Mächte ein und aus gingen, unterschlägt der brave Korrektdenker), sondern wünscht sie sich – ähnlich wie Calmy-Rey – in einer „aktiven Neutralität auf alle Seiten hinaus engagiert. Denn wenn die Dänen die Grenzen schliessen: das kann nicht der Weg der Schweiz sein. Und auch was in Ungarn derzeit stattfindet, kann kein Massstab sein. „Rechtsstaat und Demokratie über alles“: dafür plädiert er.

In der NZZ, wo sich jüngst immer wieder der brillante Verwaltungsrat Konrad Hummler zu Wort meldete (als sei die „Alte Tante“ eine Art Rotations-Schnapsmatritzen-Druckerei für die Anleger-Kommentare der Bank Wegelin) kommt nicht der Chefredaktor zum Zuge, sondern der Stellvertreter und Inlandchef René Zeller, der als liberaler Haudrauf sich den Intellektuellen-Protest von 1991 zum Pappkameraden für seine geistigen Nationalfeiertagsexerzitien ausgesucht hat. Die Intellektuellen würden heute, schon gar nicht zum Schweigen mehr aufrufen, da sie ohnehin von der nationalen Begeisterung in den neuen Fussball-Grossstadien und von den Fans am Pistenrand des Lauberhornrennens überbrüllt würden. Auch Adolf Muschg dessen wunderliche Bekenntnis-Schrift 1998 „O Heimat, o mein Heimatland“ als weiteren Beweis für die „Antibürgerlichkeit“ und die erbitterte Gegnerschaft gegen Herrn B. aus Herrliberg herhalten muss wird herangezogen. René Zeller sieht sich und das FDP-Bürgertum von der Weltgeschichte bestätigt. Das ist alles etwas holzschnittartig und schlicht vorgetragen. Schade, einst war die „Alte Tante“ bei solchen Gelegenheiten in der Lage das polierte Tafelsilber auf dem Damastenen Tischtuch zu präsentieren. Aber ich fürchte die „unsichtbare Hand des Marktes“ von G.S. hat letzteres aus dem Haus an der Falkengasse getragen, oder es wurde für ein paar „Navy Boots“ verscherbelt.

Hier die Links auf die Artikel:

NZZ und  Tages-Anzeiger (nicht online)

Ecce Freidenker!

Mai 23, 2011

Der gekreuzigte Atheist Abgottspon

(aus dem Nebelspalter 2011/4, 14) (mit Veränderungen gegenüber der gedruckten Fassung)

Valentin Abgottspon, wie ihn die "Rote Anneliese" (Walliser, SP-Blatt) darstellt

Valentin Abgottspon, wie ihn die "Rote Anneliese" (Walliser, SP-Blatt) darstellt

O Abgottspon, wie jammert uns dein Anblick. Von Strassburger Richtern verraten, baumelst blutend du am Kreuz des Walliser Rechtsstaats in der Osterzeit. Du Kohlhaas des freien Denkens! Oh, Jammer! Ach weh! Und die Anwaltskosten laufen.

1979 geboren, hast du die 1980er und ihr «anything goes» mit der Muttermilch aufgesogen. Sobald Lesen und Schreiben gelernt, fiel die Mauer in Berlin: das vermeintliche Ende der Geschichte: Friede, Freude, Eierkuchen. 1990 dekretiert das Bundesgericht der Eidgenossenschaft ein Kurzifix im Schulzimmer sei – wenn es jemanden störe – mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates unvereinbar. 1992, Valentin war 13, gibt selbst das stockkatholische Wallis den Papstglauben auf dem geduldigen Papier als Staatsreligion preis. Aber damit die frommen Eidgenossen „Ja“ stimmen zur Bundesverfassung bleibt 1999 «Im Namen Gottes des Allmächtigen» als Chiffre des Gemeinsinns stehen. 1977 im Kanton Zürich, 1980 auf Bundesebene, 1995 wieder im Kanton Zürich: stets sagte der Souverän deutlich „Nein“ zur Trennung von Kirche und Staat.

Aber das Volk ist dumm und die Freidenker, Leuchten der Aufklärung,  wissen es besser, die EU – mit gottloser Verfassung –  machts uns vor. Valentin hats begriffen, Valentin tritt aus, aus der römisch-katholischen Kirche seiner toten Oma. Die Versöhnung im Menschensohn: irres Geflunker pädophiler Pfaffen. Vernunft, Menschenrechte,  Rechtsstaat: Die neue Dreieinigkeit der Moderne.

Im November 2009 das erste Strassburger Kruzifix-Urteil «Lautsi vs. Italien»: Das EMRK-Recht gibt den Freidenkern recht. Valentin hatte sein Kreuz im Schulzimmer schon im Frühjahr abgehängt und dem Schulvorsteher ausgehändigt. Man kennt den Abgottspon, ein hiesiger, «sehr zuverlässig», aber eigensinnig, will ihn nicht verlieren, ist christlich barmherzig: denn Lehrer sind rar. Im Mai 2010 wird Valentin Präsident der Freidenkersektion Wallis. Ein öffentliches Ärgernis. Man nimmt ihn ins Gebet: Etwas unauffälliger, bitte. Aber Abgottspon auf allen Kanälen. Die Pfaffen steigen auf die Kanzeln. Das Volk steckt ihm Zettel zu: «Das Kreuz wartet auf dich». (Hier helvetischer Volkszorn gegen den deutschen Kruzifix-Gegner von Triengen/LU)

Da beschliesst der Gemeindepräsident Furrer in Stalden, nun Nägel mit Köpfen zu machen. Der Abgottspon will «Rechtsstaat»? Soll er haben! Furrer hämmert mit einem ersten Nagel er Abgottspons Rechte am «Rechtsstaat» fest: (I) fristlose Kündigung, dem Rekurs aufschiebende Wirkung entzogen, mangelnde Ausbildung, noch Student, Studienabschluss in weiter Ferne, kein Vertrauen mehr da. Aua! Schreit Valentin! Und ‹Schweiz Aktuell› ist dabei und die ‹NZZ am Sonntag› auch. «Ich werde Rekurs einlegen, mir ist Unrecht geschehen!» Armer Valentin!

Doch Reta Caspar, die Geschäftsführerin der Freidenker ist Juristin und mit dir: «Das Recht kann heilen», spricht sie. Der Rekurs ist eingereicht, nun müsste der Staatsrat sich äussern. Valentin, dessen Rechte höllisch schmerzt, hält nun auch die Linke vertrauensvoll hin: Wie es sich geziemt einem frommen Bergler im säkularen Rechtsstaat. Aber die Verwaltung und Behörden rufen im Chor: «Wir haben ein Unterrichtsgesetz von 1962, wir haben Artikel drei:

 «Zu diesem Zwecke erstrebt sie [die Schule] die Zusammenarbeit mit den öffentlich-rechtlich anerkannten Kirchen. Sie bemüht sich, [den Schüler] auf seine Aufgabe als Mensch und Christ vorzubereiten».

Aus der ‹NZZ am Sonntag› erfährt Abgottspon: Der Staatsrat gibt dem Rekurs gegen die Kündigung keine aufschiebende Wirkung. Und so wird auch Abgottspons Linke an den Rechtsstaat genagelt: (II) Aufschiebende Wirkung des Rekurses gibts nicht. Oh weh, Valentin! Sie lassen dich strampeln mit den Füssen, du hast noch Rechtsmittel. Schöpf sie aus, Kohlhaas! Jetzt Verwaltungsbeschwerde ans Kantonsgericht! Professor Schefer im falschgläubigen Basel verfasst über Weihnacht ein Gutachten. 45 Seiten. Am 23. Januar 2011 ist das Gutachten da: Abgottspon hat recht, das Wallis folgt nicht den Gesetzen im EMRK-Raum, nicht der Bundesverfassung und nicht der Bundesgerichtspraxis. Hurra!

Aber was nützts? Am 28. Januar hat auch das Walliser Kantonsgericht die (III) Beschwerde bezüglich der Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung des Rekurses abgelehnt: Auch die Füsse werden dir ans Holz der «Vernunft» geschlagen. Allenfalls hat Abgottspon Anrecht – sollt ihm ein Gericht recht geben –  auf eine Entschädigung. Aber Valentin will keinen schnöden Mammon, er will sein kruzifixfreies Schulzimmer in Stalden wieder: sein „garantiertes Menschenrecht“. Heilige Einfalt! Valentin verblutet am Kreuz, aber der Kohlhaas der Freidenker hofft auf Auferstehung im irdischen Rechtsstaat.

Doch am 18. März 2011 stösst Strassburg das Urteil «Lautsi vs. Italien » vom November 2009 wieder um. Kruzifixe dürfen sein in Europas Schulstuben. Die Bischöfe jubeln. Wer auf EMRK-Recht baut, hat auf Sand gebaut! Dem Herrn vertraut!  Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Oh weh, Valentin. Nun kommt der fette Strassburger Centurio und fügt dir mit der Lanze grinsend die Seitenwunde zu. Alle Stigmata hast du nun empfangen, aber stolz  trägst du die blutige  Dornenkrone der „Vernunft“. Reta Caspar küsst dir barmherzig die Füsse und raunt dir zu: Es gibt noch das Bundesgericht: du wirst vom „sozialen Tod“ auferstehen. Du aber schreist: «Strassburg, oh Strassburg, warum hast du mich verlassen?»

Warum gabst du nicht im Oktober 2010 deinem Pferd die Sporen? Wie Albert Bitzius in der Neujahrsnacht 1831? Als der Vikar bei Nacht und Nebel aus dem feindseligen Bern  nach Lützelflüh galoppierte, um 1832 Gemeindepfarrer und 1837 „Jeremias Gotthelf“ zu werden. Oh Abgottspon! Überall suchen sie gute Lehrer! Aber Valentin, Apostel der Apostaten, harrt im Wallis der Katholen und Kampfkühe aus. Das paranoide Fastenfieber kommt über ihn: „Ich habe eine Mission, ein historisches Martyrium“. Solange deine Ehre nicht wieder hergestellt ist, beziehst du Arbeitslosengeld. Dann kommt der Fotograf vom Ringier- Blatt. Der Freidenker vor dem heimischen Bücherbord wurde am Palmsonntag von seiner eitlen Eselei ins hochglänzende Jerusalem der Ringier- Prominenz getragen.

Hosanna! Seht Abgottspon, das bibliophile Opferlamm des Laizismus!

Bedenke, was Gotthelf schon 1851 dem säkularen Bundesstaat in „Zeitgeist und Bernergeist“ nachgerufen:

«Gegenwärtig ist ein kindisches Renommieren an der Tagesordnung, ein sich Schämen alles Christlichen, daher die dumme Rederei, kein christlicher, sondern ein Rechtsstaat sein zu wollen. Darunter kann man nicht einen Staat verstehen, wo Recht und Gerechtigkeit herrschen. Denn wo sind diese, wo man nicht mehr christlich sein will? Das kann nichts anderes heissen, sollen als ein Staat voll Rechtsgelehrte und Rechtshändel! Dass Gott erbarm! Wären nicht Heuschrecken besser und allerlei Fieber?»
Giorgio Girardet

Alexamenos betet seinen Gott an (Spottkruzifix aus dem Palatin Rom)

Alexamenos betet seinen Gott an (Spottkruzifix aus dem Palatin Rom)

Niall Fergusons vergessene „7. Killerapp“ = Der jüdisch-christliche Monotheismus

Mai 22, 2011

Derzeit macht Niall Ferguson mit seinem Buch „The West & the Rest“ in den Feueilletons Furore. Die Auswahl der sechs Killer-Apps, ist in der Tat bestechend. Doch eine „unterschlägt“ Fergusson: die jüdisch-christliche Tradition einer monotheistischen Transzendenz. Es ist wie in der Bibel: nach der Formulierung jeder seiner 6 Killer-Apps sah Fergusson: „Und er sah, dass es gut war“. Aber die 7. Killer-App, die grundlegende, die Theologie des Westens, die ging vergessen, wie der Sonntag.

Hier darum die 6 Killer-Apps des Niall Fergusson und dazu-gesetzt den Beitrag, welcher die 7. Killer-Applikation, die „jüdisch-christliche Transzenden“ beigetragen hat.

1. Wettbewerb: Die Dezentralisation des politischen und ökonomischen Lebens ermöglichte das Aufkommen von Nationalstaaten und Kapitalismus.

Der erste Wettbewerb fand unter Gottesbildern statt: „Goldenes Kalb“ oder „Zehn Gebote“, „Moses“ oder „Pharao“, „Babylon“ oder „Israel“, „Mythras“ oder „Jesus“. Es setzte sich die christliche Religion im Westen durch (ab 325/381), die jeden Gläubigen anhielt, seine „Talente nicht zu vergraben“ sondern „mit ihnen zu wuchern“. Vorbild war darin gerade der Apostel Paulus, der stolz darauf war, sein Leben als Zeltmacher zu bestreiten und sich nicht von den Zuwendungen der Gemeinden aushalten liess. Dies Tradition wurde gerade im Calvinismus wieder offengelegt, als sich die Christenheit gegen die enorme Ressourcen-Verschleuderung der römischen Papstkirche wehrte. Darum wurden die calvinistischen Landstriche (Schweiz, Holland, Schottland, Vereinigte Staaten, Süd-Korea) überdurchschnittlich erfolgreich.

2. Naturwissenschaft: Das Verständnis und die drastische Veränderung der Natur stellte sich für den Westen als militärischen Hauptvorteil heraus.

Dadurch, dass der jüdische Gott ein Schöpfergott ist, der nicht in der Sonne, nicht im Mond und nicht in der Quelle oder einem Tier wohnt, wurde das ganze Universum dem forschenden Geist des Menschen zur „Gottsuche“ zur Verfügung gestellt (Physiko-Theologie). Diese „Gottsuche“ im „Buch der Schöpfung“ bescherte uns die Theorie Darwins (der in jungen Jahren Theologie studierte und dann sich auf Reisen machte) und die Relativitätstheorie Einsteins (der bekanntlich Jude war und „Gott in die Karten schauen“ wollte). Das Militär wurde stark durch den Kontakt mit der islamischen Kriegsreligion begünstigt. Im 8. bis 10. Jahrhundert wurde der Westen gezwungen Ritterheere, den berittenen „Gotteskrieger“ Allahs entgegenzustellen. Zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert zwang die Abwehr der muslimischen Türken zu technischen Militärinovationen. Der Kampf mit Hitler gab dem Westen die jüdischen Wissenschaftler in die Hand (Einstein, Teller, Oppenheim), welche dann auch die Atombombe bauten. Die neuesten Militär-Innovationen werden heute von Israel und den USA in Palästina und im Hindukusch gegen „Gotteskrieger“ eingesetzt.

3. Eigentumsrechte: Das Gesetz als Schutz für Privateigentümer bei Streitigkeiten und Uneinigkeiten bildete die Basis für die stabilste Form der stellvertretenden Regierung.

Dadurch, dass Jesus sprach: „gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“, wurde die „Weltrevolution“, der „blutige Umsturz“ als etwas nicht Wünschbares dargestellt. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“: darum hilft es auch nicht „in dieser Welt“ jemandem rechtmässig erworbenes Gut wieder abzunehmen und umzuverteilen. Diese christliche „Rechtssicherheit“ schafft ein gutes Umfeld für Investoren. Das Patentrecht sicherte auch das „geistige Eigentum“: es wurde im Einflussbereich des Calvinismus entwickelt.

4. Medizin: Eine Branche der Naturwissenschaft, die eine bedeutende Verbesserung für die Gesundheit und die Lebenserwartung in den westlichen Gesellschaften sowie deren Kolonien zur Folge hatte.

„Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan, das habt ihr mir getan“ (Mtth. 25, 40): Christus ruft auf das Leiden in der Welt zu vermindern, er ruft auf zu tätiger Nächstenliebe: verbunden mit dem Imperativ zur Erforschung von Gottes Schöpfung und damit auch des menschlichen Körpers, bekommt die Verbesserung von medizinischen Behandlungen einen hohen Stellenwert: Henri Dunant schuf 1864 im „Roten Kreuz“ eine Institution, die sich der Verminderung der Leiden der Kriegsopfer verschrieb und damit der Medizin einen neuen Schub verlieh, wie auch die Krankenschwester Florence Nightingale die Lazarette und die Pflege verbesserte. Albert  Schweitzer suchte in Lambarene bei den Schwarzafrikanern bewusst die „geringsten meiner Brüder“.

5. Die Konsumgesellschaft: Eine Art des materiellen Lebens bei welcher die Produktion und der Kauf von Konsumgütern eine ökonomisch zentrale Rolle spielt.

„Nimm Petrus, metzg und iss“ (Apg. 13, 1-18): Mit der Auslegung dieses Verses der Apostelgeschichte beginnt die Reformation in Zürich. Die Konsumenschränkungen der katholischen Kirche fallen weg: die Fastenzeit wird abgeschafft: aber auch das masslose Schlemmen der Fastnacht. Der freie Christenmensch darf die Früchte seiner Arbeit geniessen – mit Massen und bescheiden – wann und wo er will. Die Freiheit zu konsumieren verbunden mit dem Appell zur Bescheidenheit führt zu immer raffinierteren Konsumgütern. So wird der Westen zum Hort von „High-End“-Produkten. Die Schweizer Uhrenindustrie, oder der Apple-Konzern zeugen für dieses Bestreben. „Zur Ehre Gottes“  die Perfektion anzustreben.

6. Arbeitsmoral: Eine moralische Grundstruktur und die Aktivität der Gesellschaft, ableitbar vom protestantischen Glauben, dienten als Kleister für die dynamische und potenziell unstabile Gesellschaft.

Erst hier wird der theologische Bezug der Killer-Apps genannt. Ja, die „moralische Grundstruktur“ der Gesellschaft ist im Westen jüdisch-christlich oder eben  – gerade im erfolgreichen Westen – Calvinistisch geprägt. Das calvinistische Arbeitsethos machte den reformierten Norden des Globus erfolgreicher als den im katholischen Rentenkapitalismus organisierten Süden mit seinen von Franzosen, Portugiesen, Spaniern und Italienern beherrschten Kolonien.

7. Theologie der Toleranz, der Nächstenliebe und des Gewaltverzichts.

Ohne den „Gottesfrieden“, welche die Kirche immer wieder innerhalb der Gesellschaft gepredigt hat und auf die Beine geholfen (etwa im 10. Jahrhundert in der Gottesfriedensbewegung) wäre die westliche Toleranz (die durch die schmerzliche Prüfung der Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts ging) nicht denkbar. Der Streit wird geschlichtet, alle sind „in Christo“ versöhnt. Gerechte und Ungerechte werden erst am „Jüngsten Gericht“ bestraft oder belohnt. Bis dahin soll man brav seine Arbeit im Dienst des Nächsten tun. Diese Haltung erlaubte es dem Inder Mahatma Gandhi die Lehre vom Gewaltlosen Widerstand zu entwickeln, der nur gegen die christlichen Briten zum Erfolg führte. Gegen die unchristlichen Nazis hätte der „gewaltlose Widerstand“ keine Hauch der Chance gehabt.

Gleichstellungsbüro , das (Girardets kleines Lexikon der Schweiz)

Mai 16, 2011

Da nun in der SP ein Wandel und Generationenwechsel stattfindet, stelle ich hier eine Kolumne von 2005 online, welche meine Erfahrung mit Gleichstellungsbüros schildert.

Randgruppe. Anno 1989 stellte ich an der Universität Zürich eine «dumme Frage». Im Seminar «Randgruppen im Spätmittelalter» hatte sich eine eingeschworene Gruppe junger Feministinnen für das Thema «Die Frauen als Randgruppe» vorbereitet. Mir schien die Frage klärenswert, wie man/frau den soziologischen Begriff «Gesellschaft» sinnvollerweise verwenden will, wenn die Frauen von vornherein neben Bettlern, Siechen und Zigeunern als «Randgruppe» zu betrachten sind. Die angehenden Historikerinnen waren wenig erfreut über die Frage, die am Axiom des Feminismus rüttelte. Der Professor, der 1968 auf Schienen sitzend erfolgreich den öffentlichen Verkehr in Paris blockiert hatte, schwieg, der homosexuelle Assistent klemmte die Grundsatzfrage «aus Zeitgründen» ab und ich «machte kein Büro auf».

Bürokratie. Das Büro aber, das dem Randgruppendasein des «schwachen Geschlechts» in der Schweiz ein Ende bereiten sollte, war schon ein Jahr zuvor gegründet worden: das «Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann». Und da in unserem Bundesstaat Frauen- und Männertrachten in jedem Kanton verschieden sind und sich eine Appenzellerin dem Appenzeller kaum so wie eine Tessinerin dem Tessiner gleichstellen lässt, entstanden in föderaler Vielfalt Filialen des trendigen Verwaltungszweiges in Basel-Landschaft und St. Gallen (>Lucrezia) (1989), in Bern und Zürich (1990), Tessin (1991), Waadt (1991), Basel-Stadt (1992), Wallis (1993), Freiburg (1994), Luzern (1995), Aargau (1995), Neuchâtel (1996), Graubünden (1996), Appenzell Ausserrhoden (1999). Und 2003 gelang Nid- und Obwalden, was die Basler nicht schafften: ein Büro für zwei Halbkantone.

Konkordat. Der Souverän katholischer (Uri, Schwyz, Zug,  Appenzell Innerrhoden) und konfessionell gemischter (Glarus, Solothurn, Thurgau) Landkantone entwickelte kein Bedürfnis für die neue Institution, die im 1979 neu gegründeten Kanton Jura als «Bureau de l’égalité» pionierhaft verankert wurde. Es folgten die calvinistischen Metropolen Zürich und Genf 1987, und nur reformierte Stadtkommunen wie Zürich, Winterthur, Bern und Lausanne leisten sich den Luxus eigener Büros. Die 4 kommunalen, 20 kantonalen und das eidgenössische Büro werden in der «schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten» einem Verein mit Sitz in Liestal (>Konkordat) koordiniert.

Kundennutzen. Als protestantischer Hausmann testete ich jüngst, da es in Basel nur den Telefonbeantworter gab, das Büro des Kantons Zürich. Ich hätte, so gab ich vor, einen Göttibuben, einen «Karriere-Macho», leider, der eben den Leutnant abverdient, mit einer Juristin in den Ehestand zu treten gedenke und dem ich, angesichts des verbreiteten Elends von Kampfscheidungen und Kindsentführungen, zur Hochzeit gerne eine >Wegleitung zur Praxis der gleichgestellten Partnerschaft in Sexualität, Hausarbeit, Kindererziehung und Milizdienst geschenkt hätte. Die Fachfrau war von der Anfrage ebenso überrascht wie erfreut. Gleichwohl prüfte sie zuerst, ob mein Göttibub als Stadtzürcher oder Winterthurer in die Kompetenz jener Büros abgeschoben werden könne. Er konnte nicht. Eine Broschüre, die Rat bietet, wie das «Kunststück Familie» unter Gleichstellungsbedingungen glücken könne, hatte sie leider nicht. Zum Thema Sexualität gebe es in jeder Buchhandlung stapelweise Bücher, die Gleichstellungsbüros hätten keine eigenen Richtlinien, zur Hausarbeit gebe es die Kampagne des eidgenössischen Büros (fairplay-at-home.ch). Wegen der Vereinbarkeit von Milizverpflichtungen und Familie verwies sie mich an die «Beratungsstelle für Dienstverweigerer». Was sie vom Buch «Die neue Schweizer Familie» (>Bernergeist) des Ökonomen Beat Kappeler halte, wollte ich wissen. Die Fachfrau hatte das Buch nicht gelesen, meinte aber, Kappeler sei halt nur Ökonom, nicht eigentlich «von der Branche», er habe «nur» aus seiner persönlichen Betroffenheit als Vater ein Buch geschrieben. Vielen Dank! Hat Christoph Mörgeli vielleicht Recht, der die Gleichstellungsbüros kürzlich als «wohlalimentierte Schnarchzellen» bezeichnete? Und, frage ich mich nun plötzlich, bin ich als ausgemusterter Trainsoldat, haushaltender Teilzeitkolumnist mit Vaterpflichten nicht auch eine Art «Randgruppe»?

Giorgio Girardet ist Historiker und Hausmann. Sein Lexikon der Schweiz erscheint alle 14 Tage. girardet@uerte.ch

Erschien zuerst als Kolumne im „Kulturmagazin“ der „Basler Zeitung“ im September 2005.