Ecce Freidenker!

Mai 23, 2011 by

Der gekreuzigte Atheist Abgottspon

(aus dem Nebelspalter 2011/4, 14) (mit Veränderungen gegenüber der gedruckten Fassung)

Valentin Abgottspon, wie ihn die "Rote Anneliese" (Walliser, SP-Blatt) darstellt

Valentin Abgottspon, wie ihn die "Rote Anneliese" (Walliser, SP-Blatt) darstellt

O Abgottspon, wie jammert uns dein Anblick. Von Strassburger Richtern verraten, baumelst blutend du am Kreuz des Walliser Rechtsstaats in der Osterzeit. Du Kohlhaas des freien Denkens! Oh, Jammer! Ach weh! Und die Anwaltskosten laufen.

1979 geboren, hast du die 1980er und ihr «anything goes» mit der Muttermilch aufgesogen. Sobald Lesen und Schreiben gelernt, fiel die Mauer in Berlin: das vermeintliche Ende der Geschichte: Friede, Freude, Eierkuchen. 1990 dekretiert das Bundesgericht der Eidgenossenschaft ein Kurzifix im Schulzimmer sei – wenn es jemanden störe – mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates unvereinbar. 1992, Valentin war 13, gibt selbst das stockkatholische Wallis den Papstglauben auf dem geduldigen Papier als Staatsreligion preis. Aber damit die frommen Eidgenossen „Ja“ stimmen zur Bundesverfassung bleibt 1999 «Im Namen Gottes des Allmächtigen» als Chiffre des Gemeinsinns stehen. 1977 im Kanton Zürich, 1980 auf Bundesebene, 1995 wieder im Kanton Zürich: stets sagte der Souverän deutlich „Nein“ zur Trennung von Kirche und Staat.

Aber das Volk ist dumm und die Freidenker, Leuchten der Aufklärung,  wissen es besser, die EU – mit gottloser Verfassung –  machts uns vor. Valentin hats begriffen, Valentin tritt aus, aus der römisch-katholischen Kirche seiner toten Oma. Die Versöhnung im Menschensohn: irres Geflunker pädophiler Pfaffen. Vernunft, Menschenrechte,  Rechtsstaat: Die neue Dreieinigkeit der Moderne.

Im November 2009 das erste Strassburger Kruzifix-Urteil «Lautsi vs. Italien»: Das EMRK-Recht gibt den Freidenkern recht. Valentin hatte sein Kreuz im Schulzimmer schon im Frühjahr abgehängt und dem Schulvorsteher ausgehändigt. Man kennt den Abgottspon, ein hiesiger, «sehr zuverlässig», aber eigensinnig, will ihn nicht verlieren, ist christlich barmherzig: denn Lehrer sind rar. Im Mai 2010 wird Valentin Präsident der Freidenkersektion Wallis. Ein öffentliches Ärgernis. Man nimmt ihn ins Gebet: Etwas unauffälliger, bitte. Aber Abgottspon auf allen Kanälen. Die Pfaffen steigen auf die Kanzeln. Das Volk steckt ihm Zettel zu: «Das Kreuz wartet auf dich». (Hier helvetischer Volkszorn gegen den deutschen Kruzifix-Gegner von Triengen/LU)

Da beschliesst der Gemeindepräsident Furrer in Stalden, nun Nägel mit Köpfen zu machen. Der Abgottspon will «Rechtsstaat»? Soll er haben! Furrer hämmert mit einem ersten Nagel er Abgottspons Rechte am «Rechtsstaat» fest: (I) fristlose Kündigung, dem Rekurs aufschiebende Wirkung entzogen, mangelnde Ausbildung, noch Student, Studienabschluss in weiter Ferne, kein Vertrauen mehr da. Aua! Schreit Valentin! Und ‹Schweiz Aktuell› ist dabei und die ‹NZZ am Sonntag› auch. «Ich werde Rekurs einlegen, mir ist Unrecht geschehen!» Armer Valentin!

Doch Reta Caspar, die Geschäftsführerin der Freidenker ist Juristin und mit dir: «Das Recht kann heilen», spricht sie. Der Rekurs ist eingereicht, nun müsste der Staatsrat sich äussern. Valentin, dessen Rechte höllisch schmerzt, hält nun auch die Linke vertrauensvoll hin: Wie es sich geziemt einem frommen Bergler im säkularen Rechtsstaat. Aber die Verwaltung und Behörden rufen im Chor: «Wir haben ein Unterrichtsgesetz von 1962, wir haben Artikel drei:

 «Zu diesem Zwecke erstrebt sie [die Schule] die Zusammenarbeit mit den öffentlich-rechtlich anerkannten Kirchen. Sie bemüht sich, [den Schüler] auf seine Aufgabe als Mensch und Christ vorzubereiten».

Aus der ‹NZZ am Sonntag› erfährt Abgottspon: Der Staatsrat gibt dem Rekurs gegen die Kündigung keine aufschiebende Wirkung. Und so wird auch Abgottspons Linke an den Rechtsstaat genagelt: (II) Aufschiebende Wirkung des Rekurses gibts nicht. Oh weh, Valentin! Sie lassen dich strampeln mit den Füssen, du hast noch Rechtsmittel. Schöpf sie aus, Kohlhaas! Jetzt Verwaltungsbeschwerde ans Kantonsgericht! Professor Schefer im falschgläubigen Basel verfasst über Weihnacht ein Gutachten. 45 Seiten. Am 23. Januar 2011 ist das Gutachten da: Abgottspon hat recht, das Wallis folgt nicht den Gesetzen im EMRK-Raum, nicht der Bundesverfassung und nicht der Bundesgerichtspraxis. Hurra!

Aber was nützts? Am 28. Januar hat auch das Walliser Kantonsgericht die (III) Beschwerde bezüglich der Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung des Rekurses abgelehnt: Auch die Füsse werden dir ans Holz der «Vernunft» geschlagen. Allenfalls hat Abgottspon Anrecht – sollt ihm ein Gericht recht geben –  auf eine Entschädigung. Aber Valentin will keinen schnöden Mammon, er will sein kruzifixfreies Schulzimmer in Stalden wieder: sein „garantiertes Menschenrecht“. Heilige Einfalt! Valentin verblutet am Kreuz, aber der Kohlhaas der Freidenker hofft auf Auferstehung im irdischen Rechtsstaat.

Doch am 18. März 2011 stösst Strassburg das Urteil «Lautsi vs. Italien » vom November 2009 wieder um. Kruzifixe dürfen sein in Europas Schulstuben. Die Bischöfe jubeln. Wer auf EMRK-Recht baut, hat auf Sand gebaut! Dem Herrn vertraut!  Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Oh weh, Valentin. Nun kommt der fette Strassburger Centurio und fügt dir mit der Lanze grinsend die Seitenwunde zu. Alle Stigmata hast du nun empfangen, aber stolz  trägst du die blutige  Dornenkrone der „Vernunft“. Reta Caspar küsst dir barmherzig die Füsse und raunt dir zu: Es gibt noch das Bundesgericht: du wirst vom „sozialen Tod“ auferstehen. Du aber schreist: «Strassburg, oh Strassburg, warum hast du mich verlassen?»

Warum gabst du nicht im Oktober 2010 deinem Pferd die Sporen? Wie Albert Bitzius in der Neujahrsnacht 1831? Als der Vikar bei Nacht und Nebel aus dem feindseligen Bern  nach Lützelflüh galoppierte, um 1832 Gemeindepfarrer und 1837 „Jeremias Gotthelf“ zu werden. Oh Abgottspon! Überall suchen sie gute Lehrer! Aber Valentin, Apostel der Apostaten, harrt im Wallis der Katholen und Kampfkühe aus. Das paranoide Fastenfieber kommt über ihn: „Ich habe eine Mission, ein historisches Martyrium“. Solange deine Ehre nicht wieder hergestellt ist, beziehst du Arbeitslosengeld. Dann kommt der Fotograf vom Ringier- Blatt. Der Freidenker vor dem heimischen Bücherbord wurde am Palmsonntag von seiner eitlen Eselei ins hochglänzende Jerusalem der Ringier- Prominenz getragen.

Hosanna! Seht Abgottspon, das bibliophile Opferlamm des Laizismus!

Bedenke, was Gotthelf schon 1851 dem säkularen Bundesstaat in „Zeitgeist und Bernergeist“ nachgerufen:

«Gegenwärtig ist ein kindisches Renommieren an der Tagesordnung, ein sich Schämen alles Christlichen, daher die dumme Rederei, kein christlicher, sondern ein Rechtsstaat sein zu wollen. Darunter kann man nicht einen Staat verstehen, wo Recht und Gerechtigkeit herrschen. Denn wo sind diese, wo man nicht mehr christlich sein will? Das kann nichts anderes heissen, sollen als ein Staat voll Rechtsgelehrte und Rechtshändel! Dass Gott erbarm! Wären nicht Heuschrecken besser und allerlei Fieber?»
Giorgio Girardet

Alexamenos betet seinen Gott an (Spottkruzifix aus dem Palatin Rom)

Alexamenos betet seinen Gott an (Spottkruzifix aus dem Palatin Rom)

Niall Fergusons vergessene „7. Killerapp“ = Der jüdisch-christliche Monotheismus

Mai 22, 2011 by

Derzeit macht Niall Ferguson mit seinem Buch „The West & the Rest“ in den Feueilletons Furore. Die Auswahl der sechs Killer-Apps, ist in der Tat bestechend. Doch eine „unterschlägt“ Fergusson: die jüdisch-christliche Tradition einer monotheistischen Transzendenz. Es ist wie in der Bibel: nach der Formulierung jeder seiner 6 Killer-Apps sah Fergusson: „Und er sah, dass es gut war“. Aber die 7. Killer-App, die grundlegende, die Theologie des Westens, die ging vergessen, wie der Sonntag.

Hier darum die 6 Killer-Apps des Niall Fergusson und dazu-gesetzt den Beitrag, welcher die 7. Killer-Applikation, die „jüdisch-christliche Transzenden“ beigetragen hat.

1. Wettbewerb: Die Dezentralisation des politischen und ökonomischen Lebens ermöglichte das Aufkommen von Nationalstaaten und Kapitalismus.

Der erste Wettbewerb fand unter Gottesbildern statt: „Goldenes Kalb“ oder „Zehn Gebote“, „Moses“ oder „Pharao“, „Babylon“ oder „Israel“, „Mythras“ oder „Jesus“. Es setzte sich die christliche Religion im Westen durch (ab 325/381), die jeden Gläubigen anhielt, seine „Talente nicht zu vergraben“ sondern „mit ihnen zu wuchern“. Vorbild war darin gerade der Apostel Paulus, der stolz darauf war, sein Leben als Zeltmacher zu bestreiten und sich nicht von den Zuwendungen der Gemeinden aushalten liess. Dies Tradition wurde gerade im Calvinismus wieder offengelegt, als sich die Christenheit gegen die enorme Ressourcen-Verschleuderung der römischen Papstkirche wehrte. Darum wurden die calvinistischen Landstriche (Schweiz, Holland, Schottland, Vereinigte Staaten, Süd-Korea) überdurchschnittlich erfolgreich.

2. Naturwissenschaft: Das Verständnis und die drastische Veränderung der Natur stellte sich für den Westen als militärischen Hauptvorteil heraus.

Dadurch, dass der jüdische Gott ein Schöpfergott ist, der nicht in der Sonne, nicht im Mond und nicht in der Quelle oder einem Tier wohnt, wurde das ganze Universum dem forschenden Geist des Menschen zur „Gottsuche“ zur Verfügung gestellt (Physiko-Theologie). Diese „Gottsuche“ im „Buch der Schöpfung“ bescherte uns die Theorie Darwins (der in jungen Jahren Theologie studierte und dann sich auf Reisen machte) und die Relativitätstheorie Einsteins (der bekanntlich Jude war und „Gott in die Karten schauen“ wollte). Das Militär wurde stark durch den Kontakt mit der islamischen Kriegsreligion begünstigt. Im 8. bis 10. Jahrhundert wurde der Westen gezwungen Ritterheere, den berittenen „Gotteskrieger“ Allahs entgegenzustellen. Zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert zwang die Abwehr der muslimischen Türken zu technischen Militärinovationen. Der Kampf mit Hitler gab dem Westen die jüdischen Wissenschaftler in die Hand (Einstein, Teller, Oppenheim), welche dann auch die Atombombe bauten. Die neuesten Militär-Innovationen werden heute von Israel und den USA in Palästina und im Hindukusch gegen „Gotteskrieger“ eingesetzt.

3. Eigentumsrechte: Das Gesetz als Schutz für Privateigentümer bei Streitigkeiten und Uneinigkeiten bildete die Basis für die stabilste Form der stellvertretenden Regierung.

Dadurch, dass Jesus sprach: „gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“, wurde die „Weltrevolution“, der „blutige Umsturz“ als etwas nicht Wünschbares dargestellt. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“: darum hilft es auch nicht „in dieser Welt“ jemandem rechtmässig erworbenes Gut wieder abzunehmen und umzuverteilen. Diese christliche „Rechtssicherheit“ schafft ein gutes Umfeld für Investoren. Das Patentrecht sicherte auch das „geistige Eigentum“: es wurde im Einflussbereich des Calvinismus entwickelt.

4. Medizin: Eine Branche der Naturwissenschaft, die eine bedeutende Verbesserung für die Gesundheit und die Lebenserwartung in den westlichen Gesellschaften sowie deren Kolonien zur Folge hatte.

„Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan, das habt ihr mir getan“ (Mtth. 25, 40): Christus ruft auf das Leiden in der Welt zu vermindern, er ruft auf zu tätiger Nächstenliebe: verbunden mit dem Imperativ zur Erforschung von Gottes Schöpfung und damit auch des menschlichen Körpers, bekommt die Verbesserung von medizinischen Behandlungen einen hohen Stellenwert: Henri Dunant schuf 1864 im „Roten Kreuz“ eine Institution, die sich der Verminderung der Leiden der Kriegsopfer verschrieb und damit der Medizin einen neuen Schub verlieh, wie auch die Krankenschwester Florence Nightingale die Lazarette und die Pflege verbesserte. Albert  Schweitzer suchte in Lambarene bei den Schwarzafrikanern bewusst die „geringsten meiner Brüder“.

5. Die Konsumgesellschaft: Eine Art des materiellen Lebens bei welcher die Produktion und der Kauf von Konsumgütern eine ökonomisch zentrale Rolle spielt.

„Nimm Petrus, metzg und iss“ (Apg. 13, 1-18): Mit der Auslegung dieses Verses der Apostelgeschichte beginnt die Reformation in Zürich. Die Konsumenschränkungen der katholischen Kirche fallen weg: die Fastenzeit wird abgeschafft: aber auch das masslose Schlemmen der Fastnacht. Der freie Christenmensch darf die Früchte seiner Arbeit geniessen – mit Massen und bescheiden – wann und wo er will. Die Freiheit zu konsumieren verbunden mit dem Appell zur Bescheidenheit führt zu immer raffinierteren Konsumgütern. So wird der Westen zum Hort von „High-End“-Produkten. Die Schweizer Uhrenindustrie, oder der Apple-Konzern zeugen für dieses Bestreben. „Zur Ehre Gottes“  die Perfektion anzustreben.

6. Arbeitsmoral: Eine moralische Grundstruktur und die Aktivität der Gesellschaft, ableitbar vom protestantischen Glauben, dienten als Kleister für die dynamische und potenziell unstabile Gesellschaft.

Erst hier wird der theologische Bezug der Killer-Apps genannt. Ja, die „moralische Grundstruktur“ der Gesellschaft ist im Westen jüdisch-christlich oder eben  – gerade im erfolgreichen Westen – Calvinistisch geprägt. Das calvinistische Arbeitsethos machte den reformierten Norden des Globus erfolgreicher als den im katholischen Rentenkapitalismus organisierten Süden mit seinen von Franzosen, Portugiesen, Spaniern und Italienern beherrschten Kolonien.

7. Theologie der Toleranz, der Nächstenliebe und des Gewaltverzichts.

Ohne den „Gottesfrieden“, welche die Kirche immer wieder innerhalb der Gesellschaft gepredigt hat und auf die Beine geholfen (etwa im 10. Jahrhundert in der Gottesfriedensbewegung) wäre die westliche Toleranz (die durch die schmerzliche Prüfung der Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts ging) nicht denkbar. Der Streit wird geschlichtet, alle sind „in Christo“ versöhnt. Gerechte und Ungerechte werden erst am „Jüngsten Gericht“ bestraft oder belohnt. Bis dahin soll man brav seine Arbeit im Dienst des Nächsten tun. Diese Haltung erlaubte es dem Inder Mahatma Gandhi die Lehre vom Gewaltlosen Widerstand zu entwickeln, der nur gegen die christlichen Briten zum Erfolg führte. Gegen die unchristlichen Nazis hätte der „gewaltlose Widerstand“ keine Hauch der Chance gehabt.

Gleichstellungsbüro , das (Girardets kleines Lexikon der Schweiz)

Mai 16, 2011 by

Da nun in der SP ein Wandel und Generationenwechsel stattfindet, stelle ich hier eine Kolumne von 2005 online, welche meine Erfahrung mit Gleichstellungsbüros schildert.

Randgruppe. Anno 1989 stellte ich an der Universität Zürich eine «dumme Frage». Im Seminar «Randgruppen im Spätmittelalter» hatte sich eine eingeschworene Gruppe junger Feministinnen für das Thema «Die Frauen als Randgruppe» vorbereitet. Mir schien die Frage klärenswert, wie man/frau den soziologischen Begriff «Gesellschaft» sinnvollerweise verwenden will, wenn die Frauen von vornherein neben Bettlern, Siechen und Zigeunern als «Randgruppe» zu betrachten sind. Die angehenden Historikerinnen waren wenig erfreut über die Frage, die am Axiom des Feminismus rüttelte. Der Professor, der 1968 auf Schienen sitzend erfolgreich den öffentlichen Verkehr in Paris blockiert hatte, schwieg, der homosexuelle Assistent klemmte die Grundsatzfrage «aus Zeitgründen» ab und ich «machte kein Büro auf».

Bürokratie. Das Büro aber, das dem Randgruppendasein des «schwachen Geschlechts» in der Schweiz ein Ende bereiten sollte, war schon ein Jahr zuvor gegründet worden: das «Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann». Und da in unserem Bundesstaat Frauen- und Männertrachten in jedem Kanton verschieden sind und sich eine Appenzellerin dem Appenzeller kaum so wie eine Tessinerin dem Tessiner gleichstellen lässt, entstanden in föderaler Vielfalt Filialen des trendigen Verwaltungszweiges in Basel-Landschaft und St. Gallen (>Lucrezia) (1989), in Bern und Zürich (1990), Tessin (1991), Waadt (1991), Basel-Stadt (1992), Wallis (1993), Freiburg (1994), Luzern (1995), Aargau (1995), Neuchâtel (1996), Graubünden (1996), Appenzell Ausserrhoden (1999). Und 2003 gelang Nid- und Obwalden, was die Basler nicht schafften: ein Büro für zwei Halbkantone.

Konkordat. Der Souverän katholischer (Uri, Schwyz, Zug,  Appenzell Innerrhoden) und konfessionell gemischter (Glarus, Solothurn, Thurgau) Landkantone entwickelte kein Bedürfnis für die neue Institution, die im 1979 neu gegründeten Kanton Jura als «Bureau de l’égalité» pionierhaft verankert wurde. Es folgten die calvinistischen Metropolen Zürich und Genf 1987, und nur reformierte Stadtkommunen wie Zürich, Winterthur, Bern und Lausanne leisten sich den Luxus eigener Büros. Die 4 kommunalen, 20 kantonalen und das eidgenössische Büro werden in der «schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten» einem Verein mit Sitz in Liestal (>Konkordat) koordiniert.

Kundennutzen. Als protestantischer Hausmann testete ich jüngst, da es in Basel nur den Telefonbeantworter gab, das Büro des Kantons Zürich. Ich hätte, so gab ich vor, einen Göttibuben, einen «Karriere-Macho», leider, der eben den Leutnant abverdient, mit einer Juristin in den Ehestand zu treten gedenke und dem ich, angesichts des verbreiteten Elends von Kampfscheidungen und Kindsentführungen, zur Hochzeit gerne eine >Wegleitung zur Praxis der gleichgestellten Partnerschaft in Sexualität, Hausarbeit, Kindererziehung und Milizdienst geschenkt hätte. Die Fachfrau war von der Anfrage ebenso überrascht wie erfreut. Gleichwohl prüfte sie zuerst, ob mein Göttibub als Stadtzürcher oder Winterthurer in die Kompetenz jener Büros abgeschoben werden könne. Er konnte nicht. Eine Broschüre, die Rat bietet, wie das «Kunststück Familie» unter Gleichstellungsbedingungen glücken könne, hatte sie leider nicht. Zum Thema Sexualität gebe es in jeder Buchhandlung stapelweise Bücher, die Gleichstellungsbüros hätten keine eigenen Richtlinien, zur Hausarbeit gebe es die Kampagne des eidgenössischen Büros (fairplay-at-home.ch). Wegen der Vereinbarkeit von Milizverpflichtungen und Familie verwies sie mich an die «Beratungsstelle für Dienstverweigerer». Was sie vom Buch «Die neue Schweizer Familie» (>Bernergeist) des Ökonomen Beat Kappeler halte, wollte ich wissen. Die Fachfrau hatte das Buch nicht gelesen, meinte aber, Kappeler sei halt nur Ökonom, nicht eigentlich «von der Branche», er habe «nur» aus seiner persönlichen Betroffenheit als Vater ein Buch geschrieben. Vielen Dank! Hat Christoph Mörgeli vielleicht Recht, der die Gleichstellungsbüros kürzlich als «wohlalimentierte Schnarchzellen» bezeichnete? Und, frage ich mich nun plötzlich, bin ich als ausgemusterter Trainsoldat, haushaltender Teilzeitkolumnist mit Vaterpflichten nicht auch eine Art «Randgruppe»?

Giorgio Girardet ist Historiker und Hausmann. Sein Lexikon der Schweiz erscheint alle 14 Tage. girardet@uerte.ch

Erschien zuerst als Kolumne im „Kulturmagazin“ der „Basler Zeitung“ im September 2005.

Auch dem Zürcher „Freidenker“ Andrea Kyriacou eine offene Antwort.

Mai 13, 2011 by

Dem Züricher Freidenker Kyracou ist nicht mehr so ganz wohl bei der Sache. Aber auch ihm können wir hier gerne eine Antwort geben.

Werter Kyriacou

für Entschuldigungen – gerade wenn die Aufforderung von Ihnen ausgeht – sehe ich keinen Anlass. Der Kommentar im Mama-Blog wurde ja umgehend entfernt, ich bezog mich in „guten Treuen“ auf einen Artikel, den das Haus Tamedia ins Netz stellte und der dann sogleich vom juristischen Kettenhund der Freidenker, MagLaw Reta Caspar, weggebissen wurde. „Möchtegern“ ist allenfalls das Haus Tamedia. Sie können diesen Sachverhalt gerne in ihrem Blog richtigstellen. Es wäre ein Beweis von publizistischem Mut als Winterthurer Schulpfleger und „Möchtegern“-Grossratskandidat der Grünen (was sie sonst noch alles als „Möchtegern“ betreiben entzieht sich meiner Kenntnis) (Korrektur: der Blogger Kyriacou hat kein öffentliches Amt, ist Mitglied und im Vorstand der GSoA, Grünen, Freidenker), das Haus Monopolhaus-Tamedia des „Möchtegern“-Journalismus zu bezichtigen. Ich hole derweil einen Sack Zweifel-Chips und warte auf ihre Reaktion.

Gruss

Girardet

—-Ursprüngliche Nachricht—-
Von: andreas@kyriacou.ch
Datum: 13.05.2011 07:15
An: <girardet@uerte.ch>
Betreff: Persönliche Korrespondenz mit Valentin Abgottspon bitte direkt führen

Als Mailverteiler eignet sich mein Blog nicht. Zum Blogbeitrag selbst kann im Kommentar gerne irgendwas stehen.

Eine Girardetsche Entschuldigung für die Verdrehungen und Verleumdungen zum Hindu-Fall wäre übrigens ebenfalls öffentlichkeitswürdig.

(hier hat Kyriacou sich ironisch? als „Feind“ bezeichnet)

PS: Die „richtige Darstellung“ des Hindu-Falls im Blick: http://www.blick.ch/news/schweiz/irre-hindu-fundis-planen-aktion-auf-bundesplatz-159948

Auf die falsche Darstellung des Hindu-Falles durch „News-Netz“ der Tamedia kann (aus einsichtigen Gründen) nicht mehr gelinkt werden.

Das WebRep-Rating von Avast gibt dem Blog „Kyriacou über Manches“ eine Stufe I. „gute Bewertung, anhand einer geringen Anzahl von Stimmen“

Die Beizzweinull hat eine II. „gute Bewertung, anhand einer begrenzten Anzahl von Stimmen“

Wikipedia hat eine III.

Eine offene Antwort an den Walliser „Freidenker“ Valentin Abgottspon

Mai 13, 2011 by

Es gibt Zeitgenossen, die nach „Transparenz“ lechzen, die „Wiki-Leaks“ bejubeln, welche Ihre Notizen zu jeder vertraulichen Unterredung ins Netz stellen. Der Uertner durfte mit dem Transparenz-Bedürfnis der Schweizer „Freidenker“ Bekanntschaft machen. In diesem Sinne der „Transparenz“ erlaubt er sich eine Antwort-Mail an den Walliser Studenten, Ex-Lehrer und Präsidenten der Walliser Sektion der „Freidenker“, Valentin Abgottspon,  in diesen Blog zu stellen. Eigentlich wurde diese Mail schon im Blog des Präsidenten der Zürcher Sektion der „Freidenker“ gepostet, leider wurde der Kommentar dort sehr schnellt entfernt. Die Freidenker haben halt ein sehr einseitiges Transparenz-Bedürfnis: Ihre Freiheit. Meine Freiheit ist es, auch darüber „Transparenz“ zu schaffen.

Lieber Valentin
 
Möchtegern-Journalisten“ haben eben – wie das Epitheton nahe legt – auch anderes zu tun, als abgelehnten Texten nachzugraben. Im Sinne der „goldenen Regel“ ist es mir das erste Mal passiert, dass ich für einen Text, den ich A vertraulich zur Verfügung stelle, am nächsten Tag von B öffentlich traktiert werde. Dies macht die Auseinandersetzung unübersichtlich und mich wenig geneigt, dem Kalender von heut zu folgen: Römer 12, 14: „Segnet, die euch verfolgen; segnet und fluchet nicht.“
 
Wenn die Freidenkerei eine Art ameisenstaathafte „Kollektiv Intelligenz“ ist, wo es unmöglich wird mit einem Exponenten, etwa mit V.A., ein indidividuelles verbindliches Vertrauensverhältnis aufzubauen, weil alles, was man ihm im Vertrauen zuschickt per Rundbrief weitergeleitet wird (und dann genüsslich ausgeschlachtet), dann wird eine journalistische Zusammenarbeit etwas schwierig (obschon gerade Journalisten gerne „schräge Vögel“ haben). Noch weniger geneigt, bin ich dann im Wallis für Transparenz zu kämpfen (zumal die Mittel des Staatskirchenrechts ja logischerweise nur Kirchenmitgliedern offen sind, was du aber nicht mehr bist: aus eitler Idiotie), wenn ich dies an der Seite einer Organisation tun soll, dessen downloadbares Kirchenaustrittsformular ich schier bei jeder Kirchenpflegesitzung ansichtig werde. Die öffentlichen Aktivitäten der Freidenker und ihr individuelles ethisches Verhalten (siehe oben) sind wenig geneigt einen gemeinsamen Sinnhorizont jenseits des Niceanums für gemeinsames gesellschaftliches Handeln aufscheinen zu lassen. Ich hoffe, dass Du dies mir mit etwas Empathie nachfühlen kannst. Du könntest – dies wäre ja ein Akt der „Transparenz“ – im Blog vom grossen Kyriacou den Kommentar posten, dass Du einen vertraulichen Entwurf dem Kyriacou zur Verfügung gestellt hast, den dieser – Dein Vertrauen missbrauchend? – sogleich für publizistische Verleumdungsaktionen gebraucht hat, was Du als um Ethik bemühter Freidenker aufrichtig bedauerst. Wäre mal was. Lasse mich überraschen.
 
In der Nebi-Satire versuchte ich durchaus das Rudel-Verhalten der Walliser Katholen satirisch darzustellen, aber Hauptgegenstand der satirisch durchleuchtet werden muss, ist das treudoofe Vertrauen der Freidenker in den EMRK-„Rechtsstaat“, wenn man schon vorher allen „common sense“ vermissen lässt.
 
Das Thema „V.A.“ findet die Baz derzeit zu irrelevant. Falls es mir gelingt Dich noch in einen anderen, grösseren Zusammenhang einzuflechten, werde ich Dir die Textpassagen selbstverständlich vorher zukommen lassen: und ich weiss nun, dass sie dann automatisch auch an Reta Caspar, Kyriacou und Kumpanen gehen werden und ich mit entsprechenden Verleumdungen aus unbekannter Ecke wieder rechnen muss.
 
Gruss
 
Giorgio“

Duftender Niedergang des Abendlandes

Januar 18, 2011 by

Folgenden Ausschnitt haben wir im News-Netz der Tamedia im Artikel

„Warum chinesische Mütter besser sind“

gefunden:

„Sei (sic!) dürfen erst dann das Klavier verlassen, um ein Glas Wasser zu trinken, wenn sie eine heikle Passage perfekt beherrschen. A propos üben: Die ersten halbe Stunde ist nur zum Warmlaufen, unter vier Stunden läuft gar nichts – pro Tag wohlverstanden. iPhones und ähnliche Geräte? Vergessen Sie es. Amy Chua hat einer Tochter sogar gedroht, ihr Plüschtier zu verbrennen, wenn sie nicht diszipliniert genug arbeitet. Wenn (sic!) wundert es also, dass asiatische Kinder in der Schule brillieren und überproportional an amerikanischen Elite-Universitäten vertreten sind?“

Ich zähle zwei Fehler. Es ist aber eine grosse Erleichterung aus denselben Redaktionsräumen zu erfahren, dass die Feminisierung des Online-Journalismus in Siebenmeilenstiefeln voranschreitet. So rapportiert Mamabloggerin Michèle Binswanger via iPhone von der Arbeit ihren FB-Freunden:

„stellt fest: je mehr Frauen bei Newsnetz arbeiten, desto besser riecht es im Büro.“

Der geneigte Leser schliesst daraus: Newsnetzlerinnen müssen nicht die Fehler ausmerzen, bevor sie das Eau de Cologne  erneuern! Bleibt die Frage, ob in der Tagesschule – wo der Nachwuchs dieser journalistischen Leuchttürme versorgt wird – auch jemand zu vier Stunden Instrumentenspiel anhält, oder ob die Kids gerade den Papa-Tag am Game-Boy geniessen. Wie auch immer: Wir blicken dem Untergang des Abendlandes wohlparfümiert entgegen.

PS: Verfasser des Artikels ist natürlich keine Online-Journalistin sondern ein solides Urgestein: Philipp Löpfe … hmm beunruhigend

Antwort auf „Killerargumente“ im mamablog

Januar 7, 2011 by

Lob und Dank, dem Mamablog, der hier auch die Denke und Schreibe der Befürworterinnen der Waffeninitiative ausbreitet. Dazu einige Feststellungen.

  1. Öffentlich/Privat. Die Argumentation, die vom Kern- und Angelpunkt des ehelichen Unholdes mit Offiziersgrad, Dienstpistole und angesehener öffentlicher Stellung ausgeht, verwischt eben genau die grosse Errungenschaft des römischen Staatsrechtes und der bürgerlichen Moderne: die strikte Trennung von Privat und öffentlich. Diese Trennung ist durch den Eintritt der Frau in die öffentliche Debatte tatkräftig verwischt worden: ich denke an die Einführung des Offizialdeliktes der Vergewaltigung in der Ehe, der staatlichen Zuständigkeit für die Alimentierung der arbeitenden Mütter im Kindsbett (Mutterschaftsversicherung), die staatliche Zuständigkeit für eine garantierte pädagogische Tagesstruktur für die Wunschkinder gendermaingestreamten Korrekt-Partnerschaften auf Gemeinde-Ebene (Forderung der SP). Die Waffeninitiative will ein sozialpsychologisches, privates, individuelles Problem mit einem generellen Paradigmenwechsel von welthistorischer Bedeutung beheben. Denn wenn die Schweiz (das geistige Vorbild der USA) den „Tellenmythos“ Schillers verrät, dann ist er für immer aus dem „freien Westen“ verschwunden (das „chinesische Zeitalter“ lässt grüssen).

 

  1. Reflexionshorizont. Klar spricht die Autorin die Zeitumstände, die zur Petition und zur Waffeninitiative führten, an:

Der Mord an der ehemaligen Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet vor viereinhalb Jahren war der tragische Höhepunkt einer Serie von neun «Familiendramen», bei denen innerhalb von sechs Monaten 18 Menschen erschossen wurden. Die Täter: Ehemänner und Väter der Opfer.“

Es ist immer heikel aus einem populistischen Alarmismus heraus grundsätzliche Prinzipien über Bord zu werfen (die peinliche Ausschaffungsinitiative lässt grüssen!). Sozialpsychologisch lässt sich feststellen, dass die Menschen in den letzten zwanzig Jahren – paradoxerweise seit 1989! –  zunehmendem Stress ausgesetzt sind: Medienbeschleunigung, Globalisierung, berufliche Existenzängste, verunklarte Geschlechterrollen, Liberalisierung von Polizeistunde, Vergnügungsindustrie, Geld- und Glücksspielen, Drogen.  Das „Ratsherrenschiessen von Zug“ anno 2001, dieser abscheuliche Schandfleck im Eidgenossenschaft erwähnt die Autorin bezeichnenderweise nicht  (denn 14 tote  Politiker sind weniger „herzig“ als „Teddybären, Frauen und Kinder“> Emotionalkitsch). Aber unsere Politiker bewiesen Haltung: Die Kontrollen wurden verschärft, aber Regierungs- und Bundesräte bewegen sich immer noch freier im Volk als alle anderen Politiker Europas. Der schillersche Tellenmythos wurde 1804 formuliert. Die Schweizer Frauen waren 1798 bis 1803 auf Gnade und Verderben den französischen, österreichischen und russischen Truppen ausgeliefert. Manche Schweizerin hat da eine französische Vorderladerflinte an den Schläfen gehabt, ein russisches Bajonett an der Kehle als sie geschändet wurde. Seit 1989 glauben wir im „ewigen Frieden“ zu leben. Auch Friedrich Schiller glaubte in einer Epoche „ewigen Friedens“ zu Leben, als er im Mai 1789 seine Antrittsrede als Geschichtsprofessor in Jena hielt. Am 14. Juli 1789 begann mit dem Sturm auf die Bastille eine neue, unglaublich blutige Epoche der Geschichte. Wer eine Einrichtung die sich über 136 Jahre von Ururgrossvater zu Urgrossvater, über Grossvater, zu Vater und Sohn erhielt, wegen einer Häufung von Fällen in „ein paar Monaten“ umstossen will, muss sehr trifftige Gründe haben.  Seit 1874, als die „Waffe in der Hand des Wehrmanns“ eingeführt wurde, wurde keine einzige Schweizer Frau von fremden Soldaten auf Schweizer Boden vergewaltigt. Italienerinnen, Deutsche und Französinnen, Däninen, Holänderinnen, Belgierinnen etc. pp.  können das von sich nicht behaupten.

  1. Der „böse Mann“. Interessant, dass die Autorin folgende Gesichtspunkte ausblendet: Feministinnen haben sich jahrelang eingesetzt auch als Frauen „an den Waffen“ ausgebildet zu werden. Wir haben jetzt weibliche „top guns“, weibliche „AdAs“ („Wehrfrauen“) die ebenso von der Initiative in ihrem Stolz getroffen und pauschal vorverurteilt werden. Die Sozialpsychologisch angespannte Situation unserer Übergangsepoche führt dazu, dass auch Frauen nun in exponierten beruflichen Verantwortungen „Männergewalt“ und „erweiterten Suizid“ ausüben. Ich denke da an jene Polizistin, die mit ihrer Dienstwaffe ihre schlafenden Kinder erschoss (wäre nach der Waffeninitiative immer noch möglich) und jene Lörracher Anwältin (eine top-rationale Karrierefrau), die in einem rasenden „Amoklauf“ ihren Ex-Partner, ihren Sohn und wahllos Pfleger im Spital von Lörrach niederschoss (obwohl in Deutschland das Waffenrecht viel strenger ist), bis sie im Feuer der Ordnungskräfte starb.  
  2. Empathiefähigkeit. Es ist aus der Militär- und Männerforschung unbestritten, dass der Militärdienst die Empathiefähigkeit der Männer enorm fördert. Kameradschaft, Zusammenhalt in Widrigkeiten sind Werte die in einer Rekrutenschule, in Weiterbildungen und WKs erlebt und eingeübt werden. Zur Ausbildung gehört auch die drastische Aufklärung über die Durchschlagskraft der Projektile und verheerenden Folgen von Schusswunden im Rahmen der „Kameradenhilfe“. Wenn zusammen geschossen wird, wird der „7. Sinn“ für die Waffe des Nebenmannes geschärft. In Schützenständen herrscht eine angespannte Ruhe, ein „vaterländerischer Ernst“, manche Schweizerin weiss woran sie erkennt, ob die Waffen geladen ist oder nicht. Weil meine Frau mit dem Gewehr im Haus etwas unwohl war (sie selber wuchs mit verschiedenen Waffen auf und übte mit dem Luftgewehr als Kind), haben wir das Schloss beim Schwiegervater deponiert. Jedes Paar kann hier eine individuelle Lösung finden: wenn heute über Verhütung und Familienplaung und Budget in guten ehelichen Treuen partnerschaftlich verhandelt wird (ohne „Oberhaupt der Familie“), dann wird es auch für die Waffenfrage einvernehmliche und kreative Lösungen geben.
  3. Erniedrigung und Haltung. Hillary Clinton zeigte sich in der Öffentlichkeit an der Seite ihres Mannes während der „Lewinsky-Affäre“. Wurde je eine westliche Frau vor der Weltöffentlichkeit mehr gedemütigt? Warum hielt die jetzige Aussenministerin der USA das durch? Weil sie sich sagte, auch wenn mein Mann ein Schwein ist, bleibt er „My President“ und als Bürgerin der USA, ist es meine Pflicht, den Präsidenten zu stützen. Ausserdem imponiert ihr die Haltung einer saudischen Prinzessin, die vom „soldierung on!“ sprach („aufstehen, weiterkämpfen“). Der aufrechte Mensch in Freiheit, ist jederzeit seines Glückes Schmid und: ja, wenn der Mann – oder die Frau – eine öffentliche Rolle im Staat spielt, gibt es komplexere Güterabwägungen zu treffen, als im lärmenden Unterschichtsfernsehen auf RTL („Das geile Schwein, hat mich verascht, so einem Abschaum gehört die Fresse poliert, also … “). Auch der Vater Bellet, der Sohn, Enkel und Schwiegertochter verlor, hat sich in der Presse zitieren lassen: „Ich bin Wehrmann, was mein Sohn getan hat, kann ich nur verurteilen, aber deswegen müssen nicht die Gesetze geändert werden.“
  4. Reifeprüfung des Frauenstimmrechts. Der Bundesrat (mit Frauenmehrheit) und viele weiblichen Eidgenössischen Räte (Ida Glanzmann (CVP), die Mehrheit der  FDP-Frauen) haben sich gegen die Intiative gestellt, die aus SP-Frauen- und Pazifistenkreisen kommt, welche die Armee ohnehin abschaffen wollen. Vielleicht wäre auch dies eine staatsbürgerliche Überlegung wert: Wird da nicht der erste Bundesrat mit Frauenmehrheit vom Stimmvolk desauvouiert, wenn in der grundlegenden Frage der Waffeninitiative der Regierung die Gefolgschaft verweigert wird? Es könnte sich zum geistigen „Waterloo“ des Frauenstimmrechts ausweiten. Giovanni Rostagno, ein protestantischer Prediger, der 1925 im Eröffnungsgottesdienst der 6. Völkerbundssession in Genf unter dem Titel „La Paix!“ predigte und das Ende des Prinzips „si vis pacem, para bellum“ (wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor) verkündete, musste als alter Mann kurz vor seinem Tod im Advent 1944 die von den Nazis an Laternen zur Abschreckung erhängten Partisanen betrachten.
  5. Mögen wir Schweizer vor unserem Gewissen die richtige Entscheidung treffen mit kühlem Mute, und möge Gott uns gnädig sein, wenn es die Konsequenzen dieser staatspolitischen Grundsatzfrage auszubaden gilt. 

Franz Hohlers Europa-Realismus

Dezember 11, 2010 by

Schweizer Kabarettisten sind nicht nur Commedians, die besten unter Ihnen sind wahre Propheten und Analytiker. So auch Franz Hohler. Im Angesicht der Euro-Krise lohnt es sich seine Prophezeiung für Europa aus dem Jahre 1993 hervorzuholen. Zur Erinnerung: 1991 feierte die Schweizerische Eidgenossenschaft ihr 700jähriges Bestehen, 1992 lehnte der Souverän mit einer hauchdünnen Mehrheit den Beitritt der Schweiz zum EWR (Erweiterter Wirtschaftsraum) ab. Rückblickend haben nicht die Fundamental-Grünen gesiegt (die gegen die laschen europäischen Umweltnormen waren), sondern … Genau.

1993 erschien das Buch „Halbzeit. Fünzig 50jährige zur Schweiz: Provokationen, Optionen, Visionen“. Während deutsche Männer vor Stalingrad verbluteten, wurden in der Schweiz u.a. folgende Menschen gezeugt: Mario Botta, Iwan Rickenbacher, Rudolf Strahm, Thomas Wagner, Bruno Stanek, und (unter vielen anderen) auch den Hohler Franz.

Sein Beitrag war 1993 die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten Pushparajah Alabaplanalpya auf das Jahr 2050. Daraus die Europa-politischen Auszüge:

„Dann können wir heuer, auch dies ein Anlass zur Freude, das 50jährige Jubiläum des schweizerischen Beitritts zur EG (so hiess damals noch die EU, GG) feiern, und ich glaube, vieles von dem, was in den letzten Jahrzehnten erreicht wurde, wäre ohne diesen Beitritt nicht denkbar gewesen. All denjenigen, die heute die Rückkehr der Schweiz zur Neutralität, zur eigenen Währung und zur eigenen Armee fordern, möchte ich zurufen: Sollen wir das, was unsere Väter und Mütter mühsam erarbeitet haben, einfach leichtsinnig über Bord werfen? (…) Die ältesten unter uns erinnern sich wohl noch der mühseligen Zeiten, das sie die Sonntage damit verbracht haben, wegen irgendwelcher Ministerialbeschlüsse wie Bodenrecht, Zuckersubventionen oder Tunnelbauten an die Urne zu gehen.“

So weit der Teil der Prohphetie, der nicht eingetreten ist. Der zweite Teil, könnte aber durchaus ein realistisches Szenario sein:

„Dass die Mittelmeerländer aus dieser Gemeinschaft ausgetreten sind, können wir ihnen nicht verargen, und auch dass sich der ebenfalls ausgetretenen skandinavischen Föderation die Beneluxstaaten und letztes Jahr noch Polen und das Baltikum angeschlossen haben, kann für die Schweiz kein Signal sein, es diesen Ländern gleichzutun. Die Schweiz ist und bleibt europäisch, sie ist, das dürfen wir in aller Bescheidenheit festhalten, das Herz Europas, und dieses Herz darf nichts zu schlagen aufhören.“

Soweit die Einschätzung Franz Hohlers von 1993. Selbst er, als Europa-Freund, glaubte nicht, dass Griechenland, Spanien, Italien und Protugal auf Dauer in einer Union mit den Skandinavischen Ländern bestehen könnten. Was bleibt ist ein Rumpf-Europa: Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich und Grossbritannien. Gerade im Lichte der Euro-Krise wäre eine solche Aufstellung Europas realistisch. Sie entspräche auch dem „Plan B“ für Europa, den der St. Galler Privat-Bankier, Konrad Hummler, verschiedentlich vorgetragen hat: Europa wird als Währungsunion untergehen, aber die tüchtigen Regionen könnten sich dem Frankenraum anschliessen. Der Kabarettist 1993 und der Bankier 2009 sind sich hier auf eigentümliche Weise einig.

Satiriker haben sich schon immer mit Europa beschäftigt. Schon Kurt Tucholsky, der die Europa-Aufbrüche der 1920er Jahre miterlebte und scheitern sah, meinte 1926 in seinem „Gruss nach vorn“ an den Leser des Jahres 1985:

„Selbstverständlich habt ihr die Frage „Völkerbund oder Pan-Europa“ nicht gelöst. Fragen werden von der Menschheit ja nicht gelöst, sondern liegen gelassen.“

Was meint die Beiz-Leserschaft?

Die Angstmacher

November 10, 2010 by

Ausschafen? Näh!

Das eigentliche Ziel der SVP-Kampagne zur Ausschaffungs-Initiative ist es, in den Köpfen der Leute zu verankern, dass „Ausländer“ und „kriminell“ (=gefährlich, bedrohlich) automatisch mit einander assoziiert werden. Und ich fürchte, das wird bei vielen, die diese Botschaft durch Plakate, Anzeigen, Umfragen und Abstimmungen immer wieder eingehämmert bekommen, erfolgreich sein.
Bitte setzt ein Zeichen für die Vernunft und Rechtsgleichheit und gegen die Angstmacher.

Kabale und Liebe 2007 (Nebelspalter 8/2008)

November 9, 2010 by

Der erste Akt des Dramas findet sich hier. Das Drama spielt im Sommer 2007 bis Frühjahr 2008. Es erschien vollständig im „Nebelspalter“ (8/2008). Die Handlung und die Orte sind frei erfunden, die Fakten wurden vollständig im Internet recherchiert und sind hier mit den Quellen verlinkt. Den „Nebelspalter“ kann man hier abonnieren.

Dramatis Personae:

Daniel Jositsch (42) Dr. iur. Professor, Major, Nationalratskandidat

Chantal Gallade (35) „angehende Erziehungswissenschafterin“, Ständeratskandidatin

2. Akt

Die Sache mit der Waffe

15. Juli 2007 im Hotel Baur au Lac

SIE (erschöpft): So schön, Dani. So nah ist der kleine Tod am grossen. Die kalte Mündung des Laufes an meiner Schläfe im Moment unserer glühenden Explosion. So schön wars noch nie. Wenn ich nur das schon früher einmal versucht hätte! Heirate mich, mein Major!

ER: Tatsache ist, wir sind ein <Winnng Team>: Politisch und privatim. Die Pressekonferenz war der Knüller. Du bist der Zürcher Medienstar, du schaffst es noch in den Ständerat!

SIE: Und du hast die scharfe Sachkompetenz. Was haben die gestaunt, die Journis. Ob sie wohl bemerkt haben …?

ER: Schreiberlinge sind dumme, faule Hunde, und sie stehen sowieso eher auf unserer Seite. Ausserdem bin ich auf den Wahlunterlagen noch verheiratet.

SIE: Und dort auch kein Major der Militärjustiz, du Schlingel: Das ist ja schon fast Betrug am Wähler, nicht?

ER: Wir müssen die Chance packen! Ich meine, du mit deiner Ständeratskandidatur: Du bist zwar sexy, …. ?

SIE: Ja, das bin ich, und das neiden mir all die Hyänen. Dani, meinst du es ernst, dann musst du die Dienstwaffe abgeben, denn seit jenem emotionalen Auftritt im Nationalrat habe ich mich als Waffengegnerin exponiert. Ich will nicht mit einem Mann unter einem Dach leben, der eine Dienstwaffe hat …

ER: Aber Chantal, du vertraust mir doch. Eben hast du noch ….!

SIE: Ja, habe ich, und es war sehr schön! Frauen sind irrationale Wesen, aber Politik muss rational und konsequent sein. Hast du nicht Unterschriften für die Armee-Abschaffung gesammelt, damals? Wie könnte man diesen eidgenössischen Waffenmythos besser aufbrechen, als wenn ein Offizier der Militärjustiz den Bann bricht …

ER: Chantal, ich habe unserer Liebe schon meinen Bund fürs Leben geopfert, nun geht es um die Offiziersehre, ich kann doch nicht einfach – ich bin Jurist! Was werden sie im Studentenverein denken?

SIE: Die erfahren doch nichts , deine CVP-Saufkumpanen. Ist doch Privatsache.

(herrisch:) Oder soll ich mit unserer Affäre an die Presse? Ob du als Ehebrecher auf Listenplatz 17 noch eine Chance hast?

ER: Okay, okay … (kleinlaut:) … ich werde die Dienstwaffe nächsten Monat beim Zeughaus abgeben.

SIE: Schwöre es! Auf unsere Liebe – nein, das taugt nicht. Auf Jahwe, den Gott deiner Väter – nein du bist Atheist. Auf die Weltrevolution! Ach, an die glaube ich ja selbst nicht. Auf deine eheliche Treue? Auf deine Offiziersehre?

ER: Nein: So wahr ich Bundesrat werde!

SIE: Gut, mein Major, das gilt, vor dem nächsten Treffen will ich die Empfangsquittung vom Zeughaus sehen. Besser kannst deinen Bubentraum, die Armee-Abschaffung, gar nicht betreiben. (maliziös:) Ich werden den Gutschein bei <agent provovateur> einlösen.