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Lexikon zur zeitgenössischen Kunst von Com&Com

Februar 11, 2010

Und wo wir grad ein bisschen bei Werbung in eigener Sache sind: Manchmal wundert man sich ja, wie man in ein Buch gerät. In ein Kunstlexikon noch dazu.
Das kam so: Beim Blogcamp Zürich lernte ich einen Typen kennen, der gerade seine ersten Schritte in die Blogwelt wagte, so wie unsere Beiz im Jahr zuvor. Dieser nette Mensch opferte seine Mittagspause für mich, weil ich durch einen fiesen Bänderriss auf Krücken unterwegs und gehandicapt war und erzählte mir bei der Gelegenheit von einem Projekt namens Postirony. Das ich wiederum so spannend fand, dass ich eine Weile später was darüber bloggte.
Und nun gibt es also ein Buch, ein Kunstlexikon genauer gesagt, und die Beiz steht da drin und der uertner und ich als Autoren bzw. Redaktorin/Lektorin.
Aber wer den Thread gelesen hat und Com&Com kennt, der wird möglicherweise den Verdacht hegen, dass das kein gewöhnliches Kunstlexikon sein kann.
Stimmt.
Im ersten Teil des „Lexikons zur zeitgenössischen Kunst von Com&Com“ sind 220 Artikel zu Begriffen versammelt, die in der zeitgenössischen Kunst eine zentrale Rolle spielen – von Adbusting und Authentizität über Globalisierung, Identität, Inszenierung, Kollaboration, Kunstbetrieb, Manipulation, Marketing, Öffentlicher Raum, Partizipation, Provokation, Social Media, Spiel und Sponsoring, bis Zukunft und Zweifel. Verfasst wurden diese Artikel von 160 Autoren, aber keineswegs nur Kunstwissenschaftler und Fachexperten, wie man es von einem klassischen Lexikon erwarten würde. So kommen neben Kunsthistorikern auch Philosophen, Soziologen, Juristen, Marketingexperten, Journalisten, Blogger, Politiker, Historiker, Biologen, Pädagogen, Psychologen, Unternehmer, Künstler, Musiker und viele mehr zu Wort. Das führt zu – auch für die Redaktorin – überraschenden Verknüpfungen und vor allem auch zu überraschend erfrischenden Statements zu aktuellen Themen und Aspekten der zeitgenössischen Kunst. Die multiplen Verlinkungen der Artikel untereinander laden ein zum „surfen“ im Buch und so entsteht ein vielstimmiges Bild. Gerade diese Erweiterung des Kunstdiskurses in Richtung Soziologie, Wirtschaft, Pop und Alltag ist ja auch charakteristisch für die gegenwärtigen Tendenzen in der Kunst. Und deshalb, denke ich, ist das Buch auch nicht nur für Kunstfreeks interessant, sondern für alle, die sich für die aktuellen Entwicklungen und Diskurse in verschiedensten kulturellen Bereichen zu Beginn des 21. Jahrhunderts interessieren. Passt also recht gut in unser Beiz-Bücherregal. 🙂

Zweitens ist die Publikation ein umfassender Ausstellungs- und Oeuvrekatalog des Künstlerduos Com&Com (Marcus Gossolt / Johannes M. Hedinger), das seit 14 Jahren zusammenarbeitet, und dessen Werk bei der Retrospektive „La réalité dépasse la fiction“ im Kunsthaus CentrePasquArt in Biel/Bienne (CH) aktuell erstmals umfassend zu sehen ist. Am 21.2. gibt es die Buchvernissage in Biel und eine exklusive Führung durch die Ausstellung, und die Beizer sind herzlich dazu eingeladen!

Lexikon zur zeitgenössischen Kunst von Com&Com

Mit Essays, Artikeln und Zitaten von:
Jamila Adeli, Silke Andris, Anne-Kathrin Auel, Dirk Baecker, Barbara Basting, Christian Bauer, Thomas Bauer, Clemens Bellut, Timon Beyes, Tobia Bezzola, Daniel Binswanger, Elke Bippus, Bernhard Bischoff, Konrad Bitterli, Christoph Blase, Frank Böckelmann, Alexander Böckli, Frank Bodin, Matthias Böttger, Elisabeth Bronfen, Georg Brunold, Hannelore Bublitz, Sabeth Buchmann, Kathleen Bühler, Vera Bühlmann, Nicole Antoinette Büttner, Lucius Burckhardt, Com&Com, Paul Davies, Gilles Deleuze / Félix Guattari, Christian Demand, Dolores Denaro, Denis Diderot, Diedrich Diederichsen, Gregor Does, Piroschka Dossi, Tim Dührkoop, Heike Eipelhauer, Harald Falckenberg, Thomas Feuerstein, Anselm Franke, Anne Marie Freybourg, Thomas Friemel, Sven Gächter, Giorgio Vittorio Girardet, Bruno Glaus, Marcy Goldberg, Andreas Göldi, Christoph Görg, Marcus Gossolt, Simon Grand, Walter Grasskamp, Peter Gross, Boris Groys, Thomas Grüebler, Peter Hanke, Jürgen Häusler, Vinzenz Hediger, Johannes M. Hedinger, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Elke Heidenreich, Wolfhart Henckmann, Matthias Henkel, Adrian Heuberger, Caspar Hirschi, Medea Hoch, Jens Hoffmann, Joan Jonas, Peter Hogenkamp, Tom Holert, Hanna Hölling, Anaïs Hostettler, Kornelia Imesch, Theres Inauen, Helga Isak, Harald Kimpel, Udo Kittelmann, Stefan Klein, Pius Knüsel, Antje Kraus, Karl Kraus, Sophie-Therese Krempl, Verena Krieger, Tom Kummer, Dominique Lämmli, Philipp Lämmlin, Markus Landert, Astrid Lange, Remo H. Largo, Aldo Legnaro, Anna Lehninger, Helga Leiprecht, Anton Leist, Thomas Lemke, Silvia Ricci Lempen, Claude Lévi-Strauss, Franz Liebl, Holger Liebs, Konrad Paul Liessmann, Konrad Lotter, Wolf Lotter, Karl Marx, Philipp Meier, Malte Mertz, Torsten Meyer, Yana Milev, Irene Müller, Sighard Neckel, Kathrin Neuburger, Adrian Notz, Novalis, Barack Obama, Sibylle Omlin, Karl-Josef Pazzini, Joachim Penzel, Herbert Pfortmüller, Tina Piazzi, Karl Heinz Pichler, Sebastian Plönges, Jeannette Polin, Diana Porr, Ulf Poschardt, Hanno Rauterberg, Hans Ullrich Reck, Thomas Reinhard, Suzann-Viola Renninger, Christian Rentsch, Hans Peter Riegel, Theresa Riess, Stefan Römer, Lea Salis, Sabine Schaschl, Steven Schepurek, Imanuel Schipper, Camille Schlosser, Enno Schmidt, Steffen Schmidt, Ansgar Schnurr, Birte Carolin Sebastian, Heribert Seifert, Richard Sennett, Bernadett Settele, Stefan Seydel, David Signer, Manuel Stagars, Res Strehle, Bettina Steinbrügge, Peter Studer, Wey-Han Tan, Karin Thomas, Oliviero Toscani, Wolfgang Ullrich, André Utzinger, Friedrich von Borries, Petra von Gerr, Roger Walch, Klaus Wassermann, Petra Wegener, Birk Weiberg, Jeannette Weiss, Thomas Wimmer, Gereon Wulftange, Thomas Zacharias, Jörg Reinhard Zielinski, Slavoj Zizek.

628 Seiten, 1512 farbige Abbildungen, 54 schwarzweiss Abbildungen
17 x 23 cm, Hardcover, Leinen, deutsch
Euro (D) 42.-, CHF 68.-
ISBN 978-3-7212-0-734-7
Niggli Verlag Sulgen/Zürich
http://www.niggli.ch/buecher/items.php?cat=5

Erscheinungsdatum: 21.2.2010

Endlich mal was Schönes

Juli 27, 2009

rainbow postirony

Wir sind beileibe nicht die einzigen, die diese Systemdiskussion führen. Die nicht einfach so weitermachen wollen wie vor der Krise.
Wir haben Verbündete. LOVOS, LOHAS, ATTAC, Obama, ja, wenn ich mich sogar mit dem Uertner mal auf etwas einigen kann, bin ich geneigt, von einem breiten gesellschaftlichen Konsens zu sprechen. 🙂

Ein spannendes Projekt in diesem Zusammenhang finde ich den Postirony-Blog des Schweizer Künstlers Johannes M. Hedinger (den kennen manche von euch ja vom letzten Blogcamp in Zürich). Der Blog ist entstanden bei einem Projekt mit Studenten der Uni Hamburg.

Zitat:

„Wir verstehen Postironie  als Übungsfeld und Entwurf für eine Welt, in der sich eine neue vereinte globale Kultur und ein weltoffenes Stammessystem zu formieren beginnt, in der Gattungen gemischt und Ordnungen durchbrochen werden.

Für uns steht Postironie für:
– Wandel und Hoffnung auf eine bessere Welt, frei von Sarkasmus und Zynismus.
– Emotionalität und Mut zum Pathos und grossen Gefühlen.
– Authentizität, Nähe und Direktheit.
– eine Wiederkehr des Realen, des Einfachen und den Zauber des Alltags.
– die Feier des Lebens, die Schönheit, die Liebe und die Wahrheit.
– ganzheitliche, emotionale wie spirituelle Nachhaltigkeit und Verantwortung.
– Selbstdarstellung, als Individuum, wie in Kollaboration oder Partizipation.
– völlige Vorstellungs- und Gestaltungsfreiheit.“

http://postirony.com/blog/?page_id=48

Das Postironische Manifest:

http://postirony.com/blog/wp-content/dateien/postirony-web1.jpg

Ich glaube da ist was dran. In unserer Kultur der Fragmentierung und der Copy-and-Paste-Identitäten, der medialen Vermittlung und massenhaften Reproduzierbarkeit von einfach allem, in der alles nur noch Zitat eines Zitats ist, in der wir uns selber zu einer Marke und Ware machen und unsere Haut zu freiem Markte tragen müssen (und wehe dem, der sich nicht rechnet), ist uns die Eigentlichkeit verloren gegangen.

Wir können uns nicht mehr authentisch zu irgend etwas verhalten, weil wir, entfremdet vom direkten Erleben, diesen ganzen medienkulturellen Rattenschwanz immer schon mitzudenken und nur noch ironisch darauf reagieren können. Wir sind umzingelt von „Erlebniswelten“, „Einkaufsparadiesen“, „Spassfaktoren“, „Sensationen“ und „Megaevents“, die uns Konsumenten Gefühle, die jetzt Emotionen heissen, versprechen und Sinnleere verkaufen.

Wenn du dich jetzt gerade im Moment einmal umschaust, wie viele Dinge siehst du um dich herum und an dir, die keine beliebig reproduzierbare Massenware sind?

Wenn eine ironische Haltung bedeutet, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint, hiesse Postironie: Genau das zu sagen, was man meint.

So simpel. Und erstaunlich befreiend.

Eine Gegenbewegung also mit einer Sehnsucht nach Unmittelbarkeit, Natürlichkeit, Echtheit, Ganzheit, Menschlichkeit, Herzenswärme. Wahrheit. (Anstelle von „Wahrheit“ würde ich allerdings den Begriff „Wahrhaftigkeit“ vorziehen, weil die „Wahrheit“ ein Maulesel ist, der sich noch vor jeden Karren hat spannen lassen.)

Das Ziel wäre die Entfremdung der Konsum- und Arbeitswelt zu ersetzen durch eine neue Identität mit sich selbst.
Auch die Krisen vor 1968 und 1989 haben ja jeweils tiefgreifende soziokulturelle globale Veränderungen nach sich gezogen.
Und wenn genügend Menschen so denken, warum sollte es nicht gelingen?