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Finanzkrise: Sehr beschränkter News-Gehalt

November 26, 2008

Je länger die Finanzkrise andauert, um so klarer wird einmal mehr: Die Qualität der Nachrichten, die nach einem solchen Ausbruch produziert werden, ist höchst durchschnittlich – um es höflich zu formulieren.

Die Medien sind eine Art „Opfer“ des eigenen Flusses, der, reissend geworden, nach und nach jeden mit sich talwärts spült. Kritischer Journalismus ist alsbald nur noch Wadenbeissertum, wobei man im Rudel allenfalls wetteifern mag, wer ein bisschen mehr knurrt als der andere, bevor er beisst.

Manchmal stellt sich dann heraus, dass die bellenden Hunde zwar gebissen haben – aber eher den Falschen, während sich zum System als ganzes niemand den Kopf zerbrechen mag. Das kann in einer solchen Situation allerdings fatale Folgen haben, und die Zeche zahlen jene, die – gezwungen oder freiwillig – in der Öffentlichkeit kommunizieren. Und die Medien tragen dabei unter Umständen zu einem destabilisierenden Ungleichgewicht und damit zu einer Wettbewerbsverzerrung bei.

So habe ich in praktisch allen Medien stets lesen können, dass die Interventionen des Staates bei der UBS Sie und mich, also uns Bürger, mehr als 60 Milliarden gekostet haben – oder, im besten Fall, kosten werden. Schon das Wörtchen „bis zu“ fehlte meistens. Dabei ist Fakt, dass bisher nur rund 6 Milliarden geflossen sind oder besser fliessen sollen (GV der UBS ist erst morgen) – und die mit 12 % verzinst werden.

Also, wenn man mich gefragt hätte, ob ich mich an diesem Darlehen beteiligen wolle, ich hätte liebend gerne und sofort mitgemacht. Fakt ist: In normalen Zeiten würden die Aktionäre ihren Verwaltungsrat psychiatrisch beurteilen lassen, wenn er einem solchen Deal zustimmt. Aber normale Zeiten haben wir tatsächlich nicht.

Weiter weiss niemand, wie hochgradig faul die ausgelagerten Kredite tatsächlich sind. Und das meine ich hier positiv. Sie werden kaum im Ausmass von 60 Milliarden abgeschrieben werden müssen. Darunter dürften sich – zum Beispiel – auch Studentendarlehen befinden. Die sind zwar langfristig zu veranschlagen, haben aber gute Rückzahlungsperspektiven. Überhaupt ist das Wesentliche dieses Deals der Zeitfaktor: Indem diese maroden Kredite aus der Bilanz eines volatilen Geschäftsfeldes heraus gelöst wurden, werden die Chancen verbessert, sie zu retten, statt sie definitiv abschreiben zu müssen. Wer sich Zeit lassen kann, hat mehr Einfluss auf das ideale Timing.

Während eine UBS also im Fokus der Presse stand, weil man sich an den Staat wandte, gingen die Geschäftsgänge der Credit Suisse in der Presse fast unter. Ich bin mal gespannt, wie sich die Situation in ein paar Wochen darstellen wird, würde aber in keinem Fall behaupten, eine Bank wäre „sicherer“ als die andere.

Sicherheit könnte uns aber die nüchterne Einschätzung des ganzen Schweizer Finanzplatzes machen, inklusive der Einsicht, dass es sich die Schweiz nicht leisten kann, auch nur eine der beiden Grossbanken vor die Hunde gehen zu lassen. Dazu gehörte dann aber auch die korrekte Wiedergabe der Fakten, die, ständig aufgeweicht, einen Nachhall in der Bevölkerung behalten, der dramatisiert bleibt.

Dazu passen auch die Episoden um die Frage der Boni:
Ich habe in der Presse sehr viel weniger über sinnvollere Entlöhnungs-Systeme lesen können, als über die Jagd nach Rückzahlung einzelner Super-Ausschüttungen.

Im ersten Fall würde man sich mit konzeptionellen Vorschlägen einer möglichen Kritik aussetzen, im zweiten Fall hechelt man selber „kritisch“ einer Geschichte hinterher, die in einem Schuldigen ein Gesicht hat.

Das illustriert wunderbar das aktuelle Beispiel des UBS-Verwaltungsrates Rainer-Marc Frey, über dessen Haupt ein kollektiver Aufschrei der Presse niederging, gefolgt von der Empörung aller Bürger und Blogger: Was für ein Beweis mangelnden Vertrauens, wenn der Verwaltungsrat Aktien „seiner eigenen“ Bank verkauft!

Das war in der Tat unklug und ein schlechtes Signal. Dabei ging aber unter, dass Frey alle seine Aktienbestände verkaufte, nicht nur UBS, und der Entscheid auch viel mit der Situation seiner eigenen Finanzfirma Horizon21 zu tun haben dürfte, die komplett mit Eigenmitteln finanziert wird. Und auch in Herrn Freys eigener Schatulle dürfte in diesen Monaten die Schwindsucht zu Besuch gekommen sein.

Alle diese Beispiele besagen eines:

Es ist nicht falsch, Missstände anzuprangern und solche Transaktionen zu geisseln. Es fehlt aber das Hinterfragen, das Nachhaken und Nachbohren. Es ist für uns normalen News-Konsumenten nicht nur deshalb schwierig, die Substanz von Nachrichten zu gewichten, weil die Vorgänge tatsächlich sehr komplex sind, sondern auch deshalb, weil immer weniger Energie in die Ergründung der Ursachen fliesst.

In Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, wirkt die Presse daher oft wie ein zusätzlicher Brandbeschleuniger. Überhaupt macht sich die Presse für „ein bisschen guten Stoff“ viel zu leichtfertig zum Instrument von Spekulanten und Manipulatoren an den Börsen, wo sehr viel vom Schüren oder Dämpfen der Erwartungen abhängt.

Was also ist von der weiteren Finanzkrise wie von der Presse zu erwarten?

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