Posts Tagged ‘Finanzkrise’

Was haben wir eigentlich aus der Krise gelernt?

März 7, 2010

Nichts. Meint zumindest die Zeit in einem lesenswerten Artikel.

„Dieses Versagen der Politik zeigt an, dass weit mehr auf dem Spiel steht als Konjunktur und Staatsfinanzen. Je länger die Finanzoligarchen die Regierungen derart vorführen, umso mehr verkommt die Demokratie zu einem Schauspiel der Ohnmacht, das die Bürger gefährlichen Populisten in die Arme treibt. „

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Die (neuen) drei Eidgenossen

September 11, 2009

johann-heinrich-fuessli_die-drei-eidgenossen-beim-schwur-auf-dem-ruetli„Alles was die Schweizer wurden, wurden sie durch Einigkeit“
Ein groser Moment wird hier festgehalten:

Die UBS sucht unser Vertrauen

April 15, 2009

Die grösste Schweizer Bank, die krisengeschüttelte UBS, führt heute ihre Generalversammlung durch. Ich habe mir die Berichterstattung heute um 12h30 im Radion bei DRS 1 kurz angehört.
Wiederum wurden langatmig und ausführlich die falschen Fragen gestellt. Und dennoch ist genau dies der Indikator des grössten Problems.

Dieses grösste Problem ist nicht, dass die UBS weiter Boni bezahlt (bzw. nicht kommunizieren mag, dass sie vertraglich gar nicht anders kann, weil das niemand hören oder glauben will, obwohl das sehr gut nachzuvollziehen ist).

Das wirkliche Problem ist der Abfluss der Kundengelder. Darin spiegelt sich der Verlust an Vertrauen bei jenen Menschen, die das Betriebskapital für Gewinne zur Verfügung stellen müssten: Geld. In Form von Anlagen. Und die sollen, bitteschön, möglichst sicher sein. Oder möglichst Rendite versprechen. Leider wird nicht kommuniziert, wo welches Geld abgezogen wird. Ist es Geld, für das den Anlegern nach ihrer Meinung nicht mehr genügend Rendite winkt, oder ist es Geld, für das nach wie vor Sorge besteht, dass es verloren gehen könnte? Ist es eher ersteres, so ist das eine Krux, aber das kleinere Problem, als wenn der zweite Grund überwiegt.

Tja, wie stellt eine Bank – oder überhaupt eine Firma – neues Vertrauen her? Es ist eine an sich schon heikle Aufgabe. Bei einem Unternehmen, das so in den Fokus der Medien (nicht nur der Justiz) geraten ist, wird sie noch schwieriger.

Dabei kommt auch der Zeitpunkt, wo eine solche Firma bei der Basis ihrer Kunden wieder neu auf deren richtiges Augenmass vertrauen können muss. Die Klagetöne über gemachte Fehler müssen Fragen zur Zukunft weichen und sich mit jenen Personen beschäftigen, die das Steuer jetzt in die Hand nehmen. Vertrauen muss nicht nur geschaffen werden, es muss sich auch neu bilden.

Die Bedeutung, die dabei die Medien haben, ist gross. Sie wird hoffentlich von Medienschaffenden wahr genommen, die nicht dem Rausch der plötzlich gefühlten eigenen Bedeutung unterliegen und nicht klüger sein wollen, als man es in dieser Situation sein kann.

Der grosse Rest wird „sich informieren“. Und nicht so sehr viel dagegen tun können, dass sich eine persönliche Meinung festsetzt – und man selbst nicht so genau weiss, wie viel die taugt.

Und darum ist hier auch höchste Zeit für den Schluss dieses Beitrags.

Die Welt verbessern

Dezember 17, 2008

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass das Geld inzwischen so global agiert, dass solche Krisen schon lange nicht mehr national zu bewältigen sind.
Absehbar ist, dass wieder einmal viel geredet werden wird, und dann alles wieder genau so weitergeht wie bisher, weil diejenigen, die die Macht und das Geld haben, darüber zu entscheiden wie es weitergeht, logischerweise kein Interesse daran haben, dass sich etwas ändert.

Aber angenommen, wir könnten tatsächlich etwas ändern, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, was wäre das?

Zum Beispiel

– eine gerechtere Verteilung von Reichtum und Ressourcen in der Welt.
Da wird man jetzt schulterzuckend sagen: Da kann man eh nix machen.
Kann man nicht? Muss man nicht? Können wir uns zivilisiert nennen, während Millionen von Kindern verhungern, an verseuchtem Wasser sterben, an vermeidbaren Krankheiten, durch vergiftete Umwelt und durch Krieg und Terror? Werden die Menschen in späteren Zeiten sich nicht fragen, wie wir das so lange tolerieren konnten? So wie wir uns heute fragen, wieso die Menschen früherer Zeiten nichts gegen die Sklaverei in Amerika oder gegen die Massenermordung der Juden in Deutschland getan haben
Etwas zu verändern wird eine tiefgreifende Veränderung der globalen Zusammenhänge nötig machen.
Die Menschen, die von der derzeitigen Verteilung von Macht und Geld profitieren, werden sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen eine Umverteilung zu ihren Ungunsten zu wehren wissen. Man erwarte von Hedgefondsmanagern, Ölmilliardären, Rüstungslobbyisten und Diktatoren keine Einsicht. Aber oft ist ja das normale Volk klüger als diese Leute. Das stimmt mich mittelfristig zuversichtlich.

– Umwelt. Treffen die Voraussagen der überwiegenden Mehrheit der Klimaforscher ein, wird der Klimawandel in nicht allzu ferner Zukunft weitaus schlimmere Auswirkungen haben, als so eine niedliche kleine Bankenkrise. Das mag und kann sich heute noch gar niemand vorstellen. Wenn wir diese Prognosen aber ernst nehmen, müssen wir nicht nur drüber reden, sondern endlich wirklich was tun.

– Krieg. Wir müssen endlich dazu kommen, Krieg als legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer und wirtschaftlicher Interessen weltweit zu ächten und Menschen, die Kriege ausbrechen dort unterzubringen, wo sie hingehören: In einer geschlossenen Einrichtung mit geregelten Besuchszeiten.

– Religion. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Mehrheit der Menschen einsehen würde, dass Gott nicht Christ ist und nicht Muslim und nicht Atheist oder Anhänger irgendeiner Stammesreligion. Betrachtet man die Gottesvorstellungen der Geschichte der Menschheit in den letzten paar Zigtausend Jahren, drängt sich die Vermutung auf, dass unsere Religionen wahrscheinlich alle ungefähr gleich richtig oder gleich falsch sind. Dass ausgerechnet Klaus-Heinrich Obermüller im Besitz der alleinigen und unteilbaren Wahrheit sich befindet, erscheint mir auf diesem Hintergrund eher unwahrscheinlich. Lassen wir doch einfach andere Menschen so glauben wie sie wollen, ohne uns gleich gegenseitig zu morden deswegen.

– Kultur. Die Menschen sind von Natur aus ein bisschen geisteskrank. Sie neigen zu Übertreibungen und Zwangshandlungen.
Kultur ist toll.
Was die Menschheit alles an Sprachen, Künsten, Musiken, Schriften, Techniken, Lebensmitteln, Religionen, Werten, Regeln und Ritualen erfunden und tradiert hat, ist atemberaubend.
Gerade diese Vielfalt aber ist das, was sie so wertvoll macht. Bemühen wir uns doch bitte, nicht immer gleich zu werten, nicht immer das Eigene als allem anderen überlegen und wertvoller einzustufen und das Fremde gering zu schätzen oder als Bedrohung zu betrachten.

Versuchen wir doch lieber, ein bisschen was von einander zu lernen.

Finanzkrise: Welche Art Presse wollen wir?

November 29, 2008

Frau Zappadong hat als Kommentar zum letzten Artikel interessante und berechtigte Fragen gestellt, und ich versuche gerne, darauf zu antworten, auch, um zu zeigen, dass aus der gleichen Sorge und Unruhe heraus man sich sehr verschiedene Umgangsformen mit der Krise vorstellen und wünschen kann:

Soll / muss / darf die Presse über Schalterhallen berichten, in denen die Leute in meterlangen Schlangen anstehen, um ihr Geld abzuheben?

Ja. Die Frage ist eine des Timings und der Distanz: Wie ein Radioreporter zu rapportieren, was einem die Empfangsdame in der Eingangshalle eingeflüstert hätte, finde ich billige Sensationshascherei. Wenn, wie in diesem Fall, eine Bewegung zum Abfluss der Gelder auszumachen ist, so beginnt eine solche meist schleichend. Und wenn etwas an einer Finanzkrise ganz besonders unkalkulierbar ist, dann ist es der Herdentrieb: Ab wann ist die Bewegung nicht mehr zu stoppen? Für die Medien ist dies eine hohe Herausforderung. Was bedeutet der Informationsauftrag? Die Sorglosen aufrütteln? Oder das Verhalten der Besorgten hinterfragen? „Einfach nur berichten“ funktioniert gar nicht mehr: Es gibt so viele Informationshäppchen, dass schon die Selektion gesteuerte Information bedeutet. Hat ein einziger Journalist gezielt nach UBS-Kunden gesucht und gefragt, die NICHT an der Sicherheit ihrer Gelder gezweifelt haben? Man könnte meinen, es gäbe sie nicht.

Was ich erwarte: Diversifikation. Reportage und Reflexion. Und manchmal, und das ist wohl das Naive daran, auch den Versuch, eine Havarie zu entschleunigen. Man kann z.B. über besorgte Kunden berichten, die ihr Geld abziehen – und gleichzeitig darüber schreiben, was tatsächlich passierte, würde eine UBS Konkurs gehen. Ein positives Beispiel gibt es dazu auch: Der Bundesrat hat über die eigenen Überlegungen zur Krise, über vorbereitete Massnahmen etc. sehr lange sehr wenig gesagt. Und die Presse hat über weite Strecken mitgespielt und dieses Verhalten nicht laut kritisiert. Ich nehme an, dass es Signale gab aus der Führung des Landes, die in diese Richtung um Unterstützung baten, und sie wurden verstanden.
In der Wahl der Themen und in der Art, wie diese angegangen werden, bleiben die Journalisten die Experten – und die Verantwortlichen.

Soll / muss / darf die Presse über jene Banken berichten, die im Geld schwimmen, weil plötzlich alle bei ihnen ihr Geld lagern wollen?

Ja. Sie soll aber auch über die Probleme berichten, die solche Banken haben, um überhaupt dieses Geld anzulegen und sich plötzlich in Anlage-Geschäften zu betätigen, in denen sie keine Kernkompetenzen haben. Und sie soll z.B. darüber aufklären, dass Pensionskassengelder, die aus Konstrukten der 3. Säule der UBS abgezogen werden, unter Umständen vom neuen Hüter des eigenen Altersvermögen genau dort wieder angelegt werden: Die Postfinance z.B. darf, laut eigenen klein gedruckt nachlesbaren Regeln, gar keine Produkte dieser Art selbst auflegen. Sie ist keine Bank. Solches ihr anvertrautes Geld gibt sie – u.a. – an die UBS als Auftragsnehmerin weiter. Ist das jetzt ein Skandal? Nein. Es ist nur ein Beispiel für Desinformation. Und vielleicht zudem eines dafür, dass die UBS selbst nach den Anlagekriterien der Postfinance keine Lotterbude ist.

Die Presse soll z.B. die Problematik beleuchten, die sich ergibt, wenn Kantonalbanken mit umfassender Staatsgarantie mit dem Thema Sicherheit aktiv um Kunden werben: Sollen Wettbewerbsvorteile, die nicht auf eigenem Knowhow, sondern auf Staatsgarantien beruhen, aktiv beworben werden dürfen?

Soll / muss / darf die Presse über meinen Büezer Nachbarn schreiben, der als direkte Auswirkung der Krise seinen Job verloren hat?

Oh ja. Unbedingt! Nicht nur der Büezer liest Zeitung. Der Bankmanager auch. Und die Folgen von Fehlern dürfen nicht blutleer und ohne Gesicht bleiben. Wir alle haben ein Anrecht darauf, dass individuelles Gewinnstreben nicht in dieser Art und Weise auf Kosten anderer geht.

Soll / muss / darf die Presse schreiben, dass jeder Schweizer rund 10′000 Franken an etwas bezahlt, das er freiwillig niemals bezahlt hätte (lieber thinkabout, ich hätte NICHT bezahlt).

Ich vermisse in der Frage die Worte „unter Umständen bis zu“. Ist genau das Thema des letzten Artikels. Ja, sie soll darüber berichten, bei diesen Umrechnungsbeispielen aber genau bleiben. Natürlich ist es störend, dass wir gar nicht gefragt werden und faktisch ja auch gar nicht anders können. Auf letzteres müsste aber mehr eingegangen werden. Man könnte einmal darlegen, was geschähe, die UBS würde tatsächlich illiquid: Die UBS ist in jedes zweite Bankgeschäft in der Schweiz involviert. Sämtliche Geldflüsse würden austrocknen, wie in einem Herzen, in dem kein Blut mehr fliesst, käme es zu einem Infarkt. Wir würden ihn wohl überleben – aber nicht unbeschadet und nicht nur ärmer an Vermögen.

Soll / muss / darf die Presse über die ganz konkreten Auswirkungen schreiben, welche dieser Finanzcrash hatte – auch wenn diese Auswirkungen zum Teil horrend sind und jeden noch einigermassen gelassen gebliebenen Bürger ins nackte Grauen und die Panik stürzen? (Ich bin froh, dass ich nicht in Island wohne!)

Sind die Auswirkungen denn schon abzuschätzen? Was daran ist Prognose, was Realität? Was kann und soll als nächstes getan werden? Dieser Teil der Berichterstattung ist besonders schwierig. Panik? Die ist oft im Zentrum des Hurrikans bereits vorbei. Weil sie nicht weiter hilft. Ich habe aus Island gerade in den letzten Wochen auch manche erstaunlich besonnene Stimme gehört. Die Menschen dort werden mehr zusammen rücken. Sie werden sich auf ihre Ursprünge besinnen, den Gürtel sehr eng schnallen, aber sie werden nicht untergehen. Island könnte in der Geschichte dieses weltweiten Fiaskos als kleiner Kosmos nicht nur Beispiel für das Entstehen der Krise sein, sondern auch die Vorlage für deren Überwindung liefern. Die Zukunft wird es zeigen. Sie wird die Isländer und uns fordern, aber vielleicht auch erden.

Ich frage mich schon längere Zeit, ob mir wirklich alles erzählt wird oder ob da hinter verschlossenen Türen irgendwelche Monster lauern. Es gibt nämlich nicht nur das “Die Leute direkt in die Panik treiben” Schreiben. Es gibt auch noch das “Das schreiben wir besser nicht, weil die Leute sonst ausflippen” Nicht-Schreiben. Das Unbehagen ist da. Und es geht auch nicht so schnell weg.

Es wird bestimmt nicht alles erzählt. Vielleicht kann hier der Stil der Regierung und die Beziehung des Volkes zur Regierung ein bisschen Leitfaden sein. Augenscheinliches Beispiel:
Der Unterschied, wie in Deutschland kommuniziert wird, und wie in der Schweiz. Deutschland ist in einen regelrechten Wettbewerb mit den Euro-Ländern eingetreten: Wer gibt wie schnell welche Garantien ab? Garantien, die in ihrer Konsequenz zu Ende gedacht, kein Staat wirklich leisten kann. Deutsche Minister regieren nie nur. Sie machen immer auch Wahlkampf. Das weiss auch der Bürger – und ist entsprechend skeptisch.

In der Schweiz lief das doch ziemlich anders ab:

Der Bundesrat hat zu den Folgewirkungen eigener Erklärungen ein ganz anderes Verhältnis als ein deutscher Minister. Denn er wird nicht vom Volk gewählt. Er ist dem Parlament verantwortlich und einer überparteilichen Konkordanz verpflichtet. Also sind unsere Chancen viel besser, dass unser Bundesrat tatsächlich regiert. Und darum erklärt er sich viel eher erst dann, wenn er konkrete Massnahmen vorstellen kann. Ja, manchmal kann man bei uns eine richtige Aversion gegen blosse Abichtserklärungen feststellen.  Ein Land mit dieser politischen Kultur kann sich auch eine Presse leisten, die eine Eigenverantwortung wahr nimmt: Wir alle können nicht wissen, wie sehr die Selektion spielt. Aber wir können erwarten, dass unser Unbehagen ernst genommen wird. Und ich denke, wir wünschen uns Medien, die dies im Spannungsfeld zwischen lockender Primeur und fehlender Hintergrundinformationen so hinkriegen, dass wir informiert, aber nicht desinformiert werden.

Und ich denke, wir alle wünschen uns gerade in diesen Tagen Verleger, die wieder mehr ihren eigentlich sehr ideellen Auftrag sehen, mit den Instrumenten der Presse eine uns Lesern, Zuhörern und Zuschauern verpflichtete vierte Macht im Staat zu bilden. Diese Macht, wenn sie denn Macht hat, trägt dann auch eine Verantwortung. Ohne geht es nicht.

Finanzkrise: Sehr beschränkter News-Gehalt

November 26, 2008

Je länger die Finanzkrise andauert, um so klarer wird einmal mehr: Die Qualität der Nachrichten, die nach einem solchen Ausbruch produziert werden, ist höchst durchschnittlich – um es höflich zu formulieren.

Die Medien sind eine Art „Opfer“ des eigenen Flusses, der, reissend geworden, nach und nach jeden mit sich talwärts spült. Kritischer Journalismus ist alsbald nur noch Wadenbeissertum, wobei man im Rudel allenfalls wetteifern mag, wer ein bisschen mehr knurrt als der andere, bevor er beisst.

Manchmal stellt sich dann heraus, dass die bellenden Hunde zwar gebissen haben – aber eher den Falschen, während sich zum System als ganzes niemand den Kopf zerbrechen mag. Das kann in einer solchen Situation allerdings fatale Folgen haben, und die Zeche zahlen jene, die – gezwungen oder freiwillig – in der Öffentlichkeit kommunizieren. Und die Medien tragen dabei unter Umständen zu einem destabilisierenden Ungleichgewicht und damit zu einer Wettbewerbsverzerrung bei.

So habe ich in praktisch allen Medien stets lesen können, dass die Interventionen des Staates bei der UBS Sie und mich, also uns Bürger, mehr als 60 Milliarden gekostet haben – oder, im besten Fall, kosten werden. Schon das Wörtchen „bis zu“ fehlte meistens. Dabei ist Fakt, dass bisher nur rund 6 Milliarden geflossen sind oder besser fliessen sollen (GV der UBS ist erst morgen) – und die mit 12 % verzinst werden.

Also, wenn man mich gefragt hätte, ob ich mich an diesem Darlehen beteiligen wolle, ich hätte liebend gerne und sofort mitgemacht. Fakt ist: In normalen Zeiten würden die Aktionäre ihren Verwaltungsrat psychiatrisch beurteilen lassen, wenn er einem solchen Deal zustimmt. Aber normale Zeiten haben wir tatsächlich nicht.

Weiter weiss niemand, wie hochgradig faul die ausgelagerten Kredite tatsächlich sind. Und das meine ich hier positiv. Sie werden kaum im Ausmass von 60 Milliarden abgeschrieben werden müssen. Darunter dürften sich – zum Beispiel – auch Studentendarlehen befinden. Die sind zwar langfristig zu veranschlagen, haben aber gute Rückzahlungsperspektiven. Überhaupt ist das Wesentliche dieses Deals der Zeitfaktor: Indem diese maroden Kredite aus der Bilanz eines volatilen Geschäftsfeldes heraus gelöst wurden, werden die Chancen verbessert, sie zu retten, statt sie definitiv abschreiben zu müssen. Wer sich Zeit lassen kann, hat mehr Einfluss auf das ideale Timing.

Während eine UBS also im Fokus der Presse stand, weil man sich an den Staat wandte, gingen die Geschäftsgänge der Credit Suisse in der Presse fast unter. Ich bin mal gespannt, wie sich die Situation in ein paar Wochen darstellen wird, würde aber in keinem Fall behaupten, eine Bank wäre „sicherer“ als die andere.

Sicherheit könnte uns aber die nüchterne Einschätzung des ganzen Schweizer Finanzplatzes machen, inklusive der Einsicht, dass es sich die Schweiz nicht leisten kann, auch nur eine der beiden Grossbanken vor die Hunde gehen zu lassen. Dazu gehörte dann aber auch die korrekte Wiedergabe der Fakten, die, ständig aufgeweicht, einen Nachhall in der Bevölkerung behalten, der dramatisiert bleibt.

Dazu passen auch die Episoden um die Frage der Boni:
Ich habe in der Presse sehr viel weniger über sinnvollere Entlöhnungs-Systeme lesen können, als über die Jagd nach Rückzahlung einzelner Super-Ausschüttungen.

Im ersten Fall würde man sich mit konzeptionellen Vorschlägen einer möglichen Kritik aussetzen, im zweiten Fall hechelt man selber „kritisch“ einer Geschichte hinterher, die in einem Schuldigen ein Gesicht hat.

Das illustriert wunderbar das aktuelle Beispiel des UBS-Verwaltungsrates Rainer-Marc Frey, über dessen Haupt ein kollektiver Aufschrei der Presse niederging, gefolgt von der Empörung aller Bürger und Blogger: Was für ein Beweis mangelnden Vertrauens, wenn der Verwaltungsrat Aktien „seiner eigenen“ Bank verkauft!

Das war in der Tat unklug und ein schlechtes Signal. Dabei ging aber unter, dass Frey alle seine Aktienbestände verkaufte, nicht nur UBS, und der Entscheid auch viel mit der Situation seiner eigenen Finanzfirma Horizon21 zu tun haben dürfte, die komplett mit Eigenmitteln finanziert wird. Und auch in Herrn Freys eigener Schatulle dürfte in diesen Monaten die Schwindsucht zu Besuch gekommen sein.

Alle diese Beispiele besagen eines:

Es ist nicht falsch, Missstände anzuprangern und solche Transaktionen zu geisseln. Es fehlt aber das Hinterfragen, das Nachhaken und Nachbohren. Es ist für uns normalen News-Konsumenten nicht nur deshalb schwierig, die Substanz von Nachrichten zu gewichten, weil die Vorgänge tatsächlich sehr komplex sind, sondern auch deshalb, weil immer weniger Energie in die Ergründung der Ursachen fliesst.

In Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, wirkt die Presse daher oft wie ein zusätzlicher Brandbeschleuniger. Überhaupt macht sich die Presse für „ein bisschen guten Stoff“ viel zu leichtfertig zum Instrument von Spekulanten und Manipulatoren an den Börsen, wo sehr viel vom Schüren oder Dämpfen der Erwartungen abhängt.

Was also ist von der weiteren Finanzkrise wie von der Presse zu erwarten?

Das grösste Finanzgenie der Welt: Gisela M aus A, 73, Rentnerin und Hausfrau

Oktober 31, 2008

Ein Exklusiv-Interview.

Beiz 2.0: Liebe Frau M, Banken fahren global gegen die Wand wie die Fliegen, neoliberale Markt-Schreier betteln um Staatshilfen, die Aktienkurse weltweit spielen verrückt, erwachsene Hedgefonds-Manager weinen. Und Sie haben es geschafft, mit einem Investment von weniger als 15 Euro einen Gewinn von 1005 Euro zu erzielen, also eine Steigerung von 6700 Prozent. Wie in aller Welt haben Sie das geschafft?

Frau M: Naja, wissen Sie, mein Mann war Beamter, der war immer sparsam und sehr fürs Solide. Also Aktienspekulation und so ein Zeug, das war eigentlich gar nicht sein Stil. Wir hatten ja auch kein Geld zu verschenken! Deshalb hat es mich dann auch schon ein bisschen gewundert, als mein Mann vor 15 Jahren starb, dass er mir diese Wertpapiere da hinterliess. Naja, VW war damals ja auch ein solides deutsches Unternehmen, das muss man sagen. Die Aktien waren 1993 30 D-Mark das Stück wert. Weil ich von Aktien und dem ganzen Zeug nichts verstehe, habe ich die Papiere auf die Seite gelegt, als Notgroschen.

Beiz 2.0: Und dann?

Frau M: Und dann habe ich sie, ja irgendwie, einfach vergessen.

Beiz 2.0: Und als der Aktienkurs von VW auf 150 Euro stieg, da ist Ihnen nicht der Gedanke gekommen, zu verkaufen?

Frau M: Aber nein, das habe ich ja gar nicht mitbekommen. Je nu die Aktienkurse gehen mal rauf und dann wieder runter, aber den Wirtschaftsteil in der Zeitung überblättere ich immer, und mit dem Internet und solchen neumodischen Sachen, da kenne ich mich nicht aus. Ich habe mir halt gedacht, in meiner Sparkasse, da sind die Papierchen schon sicher, da fressen sie keine Mäuse.

Beiz 2.0: Und als dann am Montag dieser Woche der Aktienkurs auf über 500 Euro in die Höhe schoss, da haben Sie trotzdem nicht sofort verkauft? Sie sind mir ja eine ganz coole ausgebuffte Zockerin!

Frau M: Dass der Kurs so gestiegen war, das habe ich doch erst am Abend in der Tagesschau gehört. Und da hatte die Sparkasse doch schon zu!

Beiz 2.0: Und am nächsten Morgen?

Frau M: Da habe ich erstmal gut gefrühstückt und dann habe ich einen kleinen Spaziergang hinunter ins Dorf zu meiner Sparkasse gemacht. Da haben sie mir gesagt, sie hätten schon auf mich gewartet, weil ich die letzte VW-Streuaktionärin sei. Nuja, da hab ich die Dinger halt verkauft, für 1005 Euro das Stück. Aber dass ich dafür jetzt diese Auszeichnung bekomme als Finanzexpertin des Jahres, das finde ich doch ein bisschen übertrieben.

Beiz 2.0: Liebe Frau M., bitte verraten Sie unseren Lesern: Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Frau M: Hauptsächlich Desinteresse und Unwissenheit.

Beiz 2.0: Ähm, ja, Ehrlichgesagt, das überrascht uns jetzt doch alle ein wenig.

Frau M: Und mich erst einmal!

Beiz 2.0: Und was sagen Sie dazu, dass der Chef der Freudschen Bank, Johann Mackermann, Sie nun zu seinem persönlichen Berater machen will?

Frau M: Das ist sicher nett gemeint von dem jungen Mann, aber ich habe es ja nicht mehr notwendig zu arbeiten. Ich arbeite höchstens noch ein bisschen in meinem Schrebergarten, das macht mir Freude, wenn da alles ordentlich und gepflegt ist und schön blüht.

Beiz 2.0: Sie sind so natürlich und bescheiden geblieben, bewundernswert! Was werden Sie denn jetzt machen mit Ihrem Geld? Haben Sie einen heissen Anlagetipp für unsere Leser?

Frau M: Ach, wissen Sie, ich gehe jetzt erstmal ein paar Tulpenzwiebeln für meinen Schrebergarten kaufen. Die müssen ja noch unter die Erde, bevor der Frost kommt.