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Guttenberg: Nachhaltig gescheitert?

Dezember 3, 2011

Zugegeben, ich wäre schwer enttäuscht, wenn ausgerechnet Giovanni di Lorenzo, der seine Magisterarbeit über Berlusconi und die Medien geschrieben hat, sich von einem narzisstischen geistigen Hochstapler als Steigbügelhalter für dessen Comeback-Kampagne hätte einspannen lassen und das Paradepferd des deutschen Qualitätsjournalismus zur PR-Nutte herabgestuft hätte.

Originalplagiat aus der ZEIT

Originalplagiat aus der ZEIT

Nein, di Lorenzo hat journalistischen Instinkt bewiesen und ein gerüttelt Maß an Chuzpe: 1. Guttenberg und 2. Werbung für das eigene Produkt auf den Titel zu hieven war unfein und das Risiko, dass es deswegen (zu Recht) wutschnaubende Abo-Kündigungen hageln würde, absehbar.
Aber: Es hat funktioniert.
Weil wir alle so dankbar sind, uns mal über was anderes aufregen zu dürfen als über das tägliche Euro-Elend. Weil von Anne Will bis Maybrit Illner alle mitmachten und Gratis-Dauerwerbesendungen für das Büchlein schalteten. Weil die Printkonkurrenz der ZEIT sich vermutlich in den Allerwertesten beißt, dass sie die Exklusiv-Chance verpasst hat und nun von di Lorenzo abschreiben und unfreiwillig Werbung für die ZEIT machen muss.
Weil di Lorenzo einen sehr schwierigen Job sehr gut macht: Eine Qualitätszeitung verkaufen.

Ausgesprochen angenehm fällt übrigens auch der sachliche Ton auf, in dem das ZEIT-Interview geführt wurde: Weder distanzlos-anbiedernde Hochjubelei wie üblicherweise bei BILD, noch ätzende Häme wie bei beim vom gefallenen Polit-Kometen enttäuschten und deshalb tief gekränkten STERN, und auch keine Dämonisierung dieses Würstchens wie bei der FAZ.
Man kann ja gar nicht ermessen, wie schwer es di Lorenzo gefallen sein muss, angesichts der haarsträubenden Antworten ernst zu bleiben! Aber gut so, denn sich um Kopf und Kragen reden, das schafft Guttenberg ganz alleine: Er wirkt wie ein Dieb, der nicht bereut, das er gestohlen hat, sondern bloß, dass er erwischt worden ist.
Entweder ist Guttenberg also ein Betrüger, Lügner und hat nichts dazugelernt, dann disqualifiziert er sich damit moralisch für jedes politische Amt.
Oder er ist ein derart überforderter Chaot und Dummkopf, der eigene und fremde Gedanken nicht auseinanderhalten kann, wie seine Selbstdarstellung nahelegt, dann disqualifiziert er sich damit intellektuell für jedes politische Amt.

Vielleicht hatte di Lorenzo ja auf eine echte Beichte gehofft, als er den Buchdeal unterschrieb. Hätte Guttenberg glaubwürdige Reue gezeigt, dann könnte man ihm verzeihen, wie der Heiligen Margot. Ein image-strategischer Wechsel der Frisur und der Zeitung reicht eben nicht. Und auf Bußverweigerung steht bekanntlich traditionell die öffentliche Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Deswegen ist „gescheitert“ als Buchtitel ein guter Griff.

Ich mag mir übrigens gar nicht ausmalen, was dabei herausgekommen wäre, hätte die BILD das Buch produziert. Eine Hofberichterstattung mit dem Titel: „Gutti komm, zurück! Deutschland braucht dich!“ mit exklusiven Bildern der Gattin am Pool?
Vielleicht hat di Lorenzo uns einen deutschen Berlusconi erspart? Time will tell.

Denn voreilig abschreiben sollte man Guttenberg noch nicht.
Dass er eine rechtspopulistische Partei gründet, traue ich ihm nicht zu. Man sollte da nicht gleich den Sarrazin an die Wand malen.
Aber es gäbe ja noch die Möglichkeit, dass Guttenberg den Rennstall wechselt und sich als neuer Hoffnungsträger für die FDP geriert – eine notleidende Partei, die seit Jahren hauptsächlich damit beschäftigt ist, sich selbst ein neues Image zu verordnen, zuletzt als Anti-Europa-Partei, und bei der moralische Skrupel und politische Überzeugungen ohnehin eher im Weg wären. Wenn es ihm gelänge, mit seiner Popularität die (Neo)liberalen bei der nächsten Bundestagswahl auf 5,1% zu pushen, dann könnte dieser Mann künftig die Geschicke der Wirtschafts- und Finanzpolitik Europas bestimmen. Dass er dafür der richtige „Kopf“ ist und alle anderen für Idioten hält, das hat er ja hinlänglich deutlich gemacht. Und der CSU ans Bein pinkeln kann er schon wie ein echter FDPler.

Und wenn es da auch nicht klappen sollte mit dem Comeback, dann bliebe ihm immer noch das Dschungelcamp.

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Steinbrück zeigt sein wahres Gesicht

April 28, 2009

Für alle, die schon mit den zwei aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten so viel Spass hatten, gibts hier eine ganze Stunde lang Steinbrück zum Geniessen.

http://www.sf.tv/sendungen/visavis/
(bitte rechts auf den Video-Link klicken, um das Video zu starten)

Es lohnt sich, die Zeit zu investieren, sich das Video bis zum Ende anzuschauen! Da werden eine Menge Missverständnisse geradegerückt.

Und nun warte ich dringend auf ein paar Schweizer Schriftsteller, die mir die dänische Mentalität erklären…

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Edit: Ich fände es wirklich sehr schade, wenn diejenigen, die sich so leidenschaftlich im Zuge dieser völlig einseitigen medialen Anti-Steinbrück-Kampagne aufgeregt haben, sich nicht einmal eine Stunde Zeit nehmen, um sich über die Fakten zu informieren.
Und nebenbei die Chance vertun, ihre Vorurteile zu überprüfen und Steinbrück  eventuell als durchaus humorvoll, selbstironisch, nachdenklich und ein richtig sympathisches Kerlichen kennenlernen. 🙂

Um ein paar Zitate herauszugreifen:

Frage: „Herr Minister Steinbrück, ich beginne nicht mit dem Indiander-Vergleich (…) sondern mit der Peitsche, die Sie den Schweizern angedroht haben.“

Steinbrück: „Das ist auf einer Pressekonferenz gewesen in Paris nach einer Sitzung mit OECD-Vertretern (…) und ich glaube, ich habe ein englisches Idiom benutzt: „sticks and carrots“. Und das kann man übersetzen mit: „Zuckerbrot und Peitsche“ und das hat für diese Dramatik gesorgt. Wenn ich „push and pull“ gesagt hätte, dann hätten das viele als sehr höflich empfunden, aber die wenigsten hätten es verstanden.“

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Frage: „Haben Sie sich das vorgestellt, dass die Schweizer so reagieren könnten?“

Steinbrück: „Nein, offengestanden nicht. Und das mag an meiner etwas zu gering ausgebildeten Sensibilität liegen, dass ich das nicht gesehen habe.“

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Frage: „Ich komme aber noch auf die Indianer, weil das ist das lustigere Beispiel.“

Steinbrück: „Das war noch nicht einmal auf die Schweiz bezogen. Die Schuhe haben sich die Schweizer selber angezogen. Das war bezogen auf die OECD-Liste. Ist aber sehr schnell verfremdet worden dahingehend, damit wäre die Schweiz gemeint.“

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Frage: „Sind Sie vorsichtiger geworden, was Blider angeht?“

Steinbrück: „Ich glaube, ich werds mir nicht abschminken, gelegentlich Bilder zu verwenden, die anecken können, aber wo Sie auch den Eindruck haben, dass sie nicht diesem gestanzten Politiker-Gestammel entsprechen.“

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Frage: „Nun kommen wir zur Sache: Was Wollen Sie von der Schweiz, ganz konkret?“

Steinbrück: „Fairness. Einen fairen Umgang. Den Respekt nicht nur gegenüber der Schweiz, den einzufordern legitim ist, auch bezogen auf ein Bild, mit dem ich mich gegebenenfalls vergalloppiert habe. Aber es gehört auch der Respekt gegenüber dem Interesse des Steuerstaates Deutschland dazu und unser Interesse zu akzeptieren, dass ich die Steuerbasis in Deutschland nicht erodieren lassen kann. (…)

Das heisst: Ich möchte einen fairen Informationsaustausch um deutsche Steuerbürger – nicht Schweizer! – deutsche Steuerbürger dazu zu veranlassen, ihre Pflicht zu erfüllen, und ihre Pflicht ist es, in Deutschland Steuern zu bezahlen.“

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Frage: „Wie viel Geld glauben Sie denn, das sich in der Schweiz verborgen hält?“

Steinbrück: „Es gibt plausible Schätzungen, dass von deutschen Steuerzahlern bis zu 200 Milliarden Euro in der Schweiz liegen.“

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Auf die Frage, wie ein solcher Informationsaustausch konkret ablaufen soll:

Steinbrück: „Ich habe einen bestimmten Namen  – ich habe nicht eine Rasterfahndung, ich habe nicht ein allgemeines Netz, das ich versuche zu füllen! -, sondern ich habe einen bestimmten Namen, und aus den Daten, die wir hierhaben, haben wir den Eindruck, dass diese Person ein Konto inder Schweiz hat und auf diesem Konto arbeitet Geld, in diesem Fall zunächst einmal Zinseinkünfte, eines Tages Kapitaleinkünfte insgesamt (die in Deutschland versteuert werden müssen), und ich möchte gerne wissen, ob dieser Verdacht berechtigt ist, ja oder nein.“

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Frage: „Die OECD-Gruppe wird sich treffen in Berlin, die Schweiz ist nicht eingeladen, sie war schon letztes Jahr nicht eingeladen. in Paris…“

Steinbrück: „Das ist einer der Irrtümer, der kolportiert wird. Die Schweiz war selbstverständlich eingeladen. Österreich auch, Luxemburg auch, und sie werden wieder eingeladen. Sie sind nur nicht gekommen. Ja, selbstverständlich laden wir die Schweiz ein!“

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Steinbrück: „In dem Augenblick, wo die Schweiz den Artikel 26 des Musterabkommens mit der OECD anerkennt und zu einem solchen geregelten Informationsaustausch mit uns kommt, in dem Augenblick ist das Problem beseitigt. (…) Ich möchte nichts anderes, als dass die Spielregeln, die in der OECD verabredet sind, angewandt und akzeptiert werden.“

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Steinbrück: „Sie müssen aber Ihre Kompromisse auch aus Überzeugung machen. Die Art, wie die Kompromissfindung zunehmend auch diffamiert wird, weil es immer „faule Kompromisse“ sind, empfinde ich als sehr falsch. Weil ich glaube, dass Kompromisse in einer Demokratie konstitutiv Wichtiges sind. Anders kriegen Sie ja keinen Interessenausgleich hin.“

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Und wer jetzt doch neugierig geworden ist und wissen möchte, wie das mit den Dänen ist und wie Steinbrück die Gründe, Entwicklung und mögliche Folgen der Krise analysiert, was er zur aktuellen deutschen Politik sagt und was ihn in der deutschen Geschichte geprägt hat, was er zu Willi Brandt sagt und zu Helmut Schmidt, welche Bücher er liest und warum er nicht auf seine Frau hört, der muss sich das Video wohl doch selber anschauen. 🙂