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Blogs haben ihre eigene Kultur!

November 5, 2008

Auch ich bin immer wieder erstaunt, wie lebendig und pointiert die Blogger-Reaktionen auf Print-Artikel über Blogs sind (Vorsicht, die SZ stellt Artikel i.d.R. nur einen Monat online zur freien Verfügung) . Und gleichzeitig fallen mir zwei Dinge auf:

Schmalbrüstig nennt Frau Müller den Artikel von David Bauer, in dem sicher nicht ich allein einen an sich talentierten Journalisten sehe. Und in der Tat scheint es so, dass Artikel über die Blogger in Printmedien mit der mindestens so schnellen und oberflächlichen Feder geschrieben werden, die man uns genau vorwirft. Warum ist das wohl so?

Ich lass das mal stehen und zerbreche mir lieber den Kopf zur blogger-eigenen Frage, die da wäre:

(Und zweitens)

Wir Blogger reagieren pointiert, und ich geniesse es sehr wohl, die Reaktionen zu lesen. Gleichzeitig aber kommt mir nicht selten der Gedanke, dass noch sehr viel mehr möglich wäre, wenn unsere Antworten jeden Anflug von „Beleidigtsein“ vermeiden würden. Ich denke, wir erleben unter uns sehr wohl, dass wir eine Stimme haben, Gehör finden und uns, wie es sich in einer Demokratie gehört, frei äussern können. Und wie man sieht, finden wir auch zusammen, bei allen Differenzen und Unterschieden im Stil. Wir wollen die eigene Meinung einbringen, argumentieren nach Herzenslust, wir wollen keinen Einheitsbrei, aber auch kein „Du mich auch“. Und was wir überhaupt nicht wollen, ist irgendwelchen Dünkel, der sich darin erschöpft, ob wir „etabliert“ sind. Bruder Bernhard hat zudem aufgezeigt, dass dies sehr wohl im Einzelfall Wirkung nach aussen generiert, und das ist sehr viel mehr als nichts und desavouiert jede oberflächliche Journi-Verbal-Klatsche als das, was sie ist: Hochnäsige Arroganz.

Natürlich wünschen wir uns, dass wir „ernst“ genommen werden. Das erschöpft sich aber nicht in irgendwelchen Nennungen in Publikationen mit bekanntem Titel, sondern meint ein Lesen, das sich nicht darin genügt, schnell noch mal die eigene Meinung bestätigt zu finden. Wir wünschen uns Leser, die genauer sind, kritisch sein dürfen und dies auch einbringen können. Wir lassen kommentieren und wollen diskutieren. Ich weiss nicht, was wir bewegen können. Aber vielleicht versuchen Blogger mehr, Menschen anzuschubsen, auf dass sie sich dann selbst bewegen, statt dass sie sich damit begnügen würden, willfähriges Clickvolk vor sich her zu schieben.

Ja, es gibt Blogs, die nicht (sehr) auf Traffic schielen. Die sich ihre eigenen Themen erhalten. Es gibt Blogger, die nicht vergessen, warum sie angefangen haben zu schreiben. Aber es wäre schlecht, würden sich Blogger nicht auch dadurch weiter entwickeln, dass sie aufnehmen und verarbeiten, was sie an Reaktionen erhalten. Dass sie dies alles als Freizeittäter bewältigen müssen, macht es für sie tatsächlich nicht einfacher, dabei „professionell distanziert“ zu bleiben. Und es ist – mit Verlaub – auch nicht gefragt. Denn Blogs bleiben doch meist eben gerade privat und persönlich, und spiegeln die eigene Meinung. Wenn sie das tun und nicht mehr wollen, dann respektieren sie auch den Gegenpart in einer ganz anderen Art, als dies Printmedien in ihren Online-Publikationen meist tun.

Oh ja, Blogs sind ein junges Phänomen, vielleicht ursprünglich hochgejubelt und dann relativiert – beides aber in erster Linie von Beobachtern. Die, welche mittendrin stehen, machen einfach weiter, was sie bisher taten: Bloggen. Und ich finde, dass das Vielen immer besser gelingt. Und so kann der Blog-Artikel auch zu einer eigenen Form finden, die sich sehr wohl von einem Zeitungsartikel unterscheidet, ja unterscheiden muss. Ich freue mich auf meine nächsten vier Bloggerjahre, und ich freue mich explizit auch über die Menschen, die hier zusammen finden. Und, ehrlich gesagt, es ist mir im Moment so was von egal, wie viele Leser wir hier erreichen. Ich freue mich einfach an der Art des Austausches und den unzähligen Anregungen, die ich selbst hier bekomme. Auch für mein eigenes Ursprungsblog.

Bla-Bla-Journalisten vs. Blogger

November 2, 2008

Eigentlich sollte man dazu ja nix mehr schreiben, das Thema ist sowas von abgekaut. Die Bla-Bla-Journalisten, auch genannt Medienwichser (TM Peter Hogenkamp), versinken anscheinend reflexartig immer, wenn ihnen so rein gar nichts Gescheites mehr einfällt, um das eigene Dasein zu rechtfertigen, in Bloggerbashing. Idiotensichere Strategie, um in den Blogs ein bisschen Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen.

So schreibt David Bauer in der SonntagsZeitung:

„Man muss bis Rang 101 der meist gebloggten Begriffe gehen, um abseits des Mainstreams zu landen: bei «Thinkabout», einem Blogger.“

Was für eine bestechende Logik: Man sucht nach den statistisch meistdiskutierten Themen und stellt fest, dass sie die statistisch meistdiskutierten Themen sind. Man moniert also, dass sich unter den dicksten Fischen im See so wenige Sardinen befinden.

Zweiter Fehler: Private Blogs zu vergleichen mit professionellen Seiten, etwa von Holzmedien, die es auf einmal schick finden, das Blogformat als Vehikel zu benutzen, ist ungefähr so wie privaten Sex mit Professionellem zu vergleichen und festzustellen, dass es bei Letzterem mehr Traffic gibt.
Über die jeweilige Qualität sagt das nur sehr bedingt etwas aus.

Es gibt durchaus interessante Blogs in der Schweiz. Beispielsweise all diejenigen, die bei Facts 2.0 nicht mehr aggregiert werden. Waren den Facts-Redaktoren wohl zu mainstreamig gewesen… 😉

Update: Auch in unserem Lieblings-Blogazensier -Newsaggregier-Portal ist der Artikel von David Bauer ganz oben (aufgeschaltet von einem User namens „Redaktion„). Fein, wie man dort für ehemalige Mitarbeiter sorgt.

Oliver Reichenstein kommentiert ihn dort auch gleich:

Ein Schweizer Blog kommt unter Aufbietung enormer schreibender und zeitlicher und marketingtechnischer Kraefte auf etwa 60 Leser pro Tag.

Wow! Da scheinen wir in der Beiz ja eine wahnsinnsmarketingtechnische Arbeit zu leisten! Und das schon nach nur 3 Wochen Blog-Betrieb! Und das Tolle ist: Unsere Leser kommen sogar wieder! Und da bin ich auch ein bisschen stolz drauf.  Zugegeben. Ich lasse mich trotzdem ungern einen „jämmerlichen Lügner“ schimpfen:

Die Behaupung, dass es nicht draufankomme, wieviel Traffic man habe, ist bei dem ganz ganz offensichtlichen Trafficfishing und dem althergebrachten Narzissmus, der jeden(!) Schreiber–wenn auch nicht immer gleich selbstreflektiert–antreibt, nichts anderes als eine jaemmerliche Luege.

aber, lieber Oliver, es kommt mir wirklich nicht darauf an wie viele Leute sich versehentlich durch einen zufälligen Googleklick in unseren kleinen Blog verirren.  Sondern, dass die richtigen Leute kommen. Und wiederkommen. Und kritisch hinterfragen, Diskussionen anstossen, bei denen am Ende alle ein kleines bisschen schlauer sind als vorher. Denn wenn man nur mit Leuten redet, die eh so denken wie man selbst, dann lernt man ja nichts dazu.