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Von der McDonaldisierung der Lesekultur

Oktober 17, 2009

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/487972

„Das Buch, das immer auch eine Ware war, ist bei Thalia zur ausschließlichen Ware geworden. Die obersten Verkäufer sehen vollkommen von deren Inhalt ab.“

„Und das ist die eigentliche Geschichte: Wie das Buch jetzt verkauft wird, als wäre es ein Deo oder ein Schokoriegel oder ein Ohrring, wie es, als allerletztes Produkt, in den harten, effizienten kapitalistischen Warenkreislauf geschoben wird, und was daraus folgt für das Buch.“

„Die Kommunikation gestaltet sich jetzt folgendermaßen: Der Verlag fertigt eine extra Vorschau für jede Kette. Darin geht es nicht mehr um einen Buchinhalt, sondern, wie der Herr Handke sarkastisch sagt, „darum, ob man zwei Seiten in der Brigitte kriegt oder seinen Autor zu Kerner und wie viele Exemplare dieser Autor beim letzten Mal bei Thalia verkauft hat“. So was steht da drin. Und anhand dieses Materials ordert eine Gruppe von Einkäufern die ihrer Meinung nach wichtigsten Bücher für ganz Thalia. Nicht einmal die Anzahl jener sogenannten A-Titel darf von den Filialen selbst bestimmt werden. Sie wird von der Zentrale vorgegeben.“

„Und da das so ist, verliert die Frau Jelinek dann doch ihre Gelassenheit und erzählt von den Schmerzen, die es allen in ihrem Verlag jedes Mal bereitet, wenn sie die paar Autoren auswählen müssen, welche mit ihren Neuerscheinungen überhaupt in jene dünne, dem mächtigen Thalia-Einkauf mundgerecht servierte Extravorschau kommen. In die Verlosung, bei der die Bestseller gezogen werden. Nur etwa jeder Achte hat bei ihr das Glück. „Das ist schrecklich für die anderen.“

„Die Bestseller nämlich werden durch das Vorgehen der Ketten immer bestselleriger, der große Rest fällt immer schneller aus den Regalen in die Vergessenheit. (…) Was das alles fürs Leben & Sterben der eigentlichen Produzenten, der Schriftsteller, bedeutet, liegt auf der Hand.“

Diese Entwicklung beobachte ich auch seit ein paar Jahren mit wachsender Sorge. Bücher sind nunmal keine x-beliebige Ware, bei der es nur darauf ankommt, möglichst viel bedrucktes Papier über den Ladentisch zu schieben.
Bücher sind Fenster zu anderen Welten.
Klar stehen weiterhin alle bestellbaren Bücher der Welt zur Verfügung, theoretisch.
Aber das sichtbare, aufdringlich präsentierte Angebot in diesen Buchhandlungsriesenketten, die in den letzten Jahren ein ehemals unabhängiges Traditionsgeschäft nach dem anderen geschluckt haben, ist wirklich überall dasselbe: Best- und Fastseller haufenweise, die nach spätestens einem halben Jahr wieder aus den Regalen fliegen, durch die nächsten mit heisser Nadel zu Trendthemen gestrickten Hype-Bücher verdrängt. Und was nicht in den Bestseller-Regalen oder auf den Trend-Bücher-Haufen und Sonderposten-Tischen der Buchhandlungen liegt (und da liegen eben überall dieselben), von dessen Existenz erfahren die meisten Leser nie. Das zwingt auch die Verlage, entsprechend zu produzieren: einfaches, massenkompatibles literarisches Fastfood, billig produziert, schnell konsumierbar, fett, aber mit wenig geistgem Nährgehalt.

Ich kaufe meine Bücher deswegen bewusst möglichst in kleinen unabhängigen Buchläden mit interessantem Sortiment.
Und falls Sie ein bestimmtes Buch, das Sie suchen, dort nicht finden: Auch der kleinste Laden kann jedes gewünschte Buch für Sie bestellen.

Was einen so bewegt, beim lesen

November 4, 2008

Wenn 1000 Leute schreiben, ich bin mir sicher, gibt es zwar 1000 unterschiedliche Texte, aber sicher nicht 1000 unterschiedliche Themen und Meinungen. Es gibt den Mainstream, für den sich scheinbar alle interessieren, – und daneben ein paar Abweichler.

Und wenn dann diese 1000 Texte von, sagen wir mal, 10.000 Leuten gelesen wird. Dann schält sich heraus was ganz besonders Mainstream wird. Eben das was die meisten lesen wollen.

Wenn man also die Qualität von hippen und vielfrequentieren Webseiten bewerten will, oh mich schauderts, und dann frustriert den Seiten attestiert wird, dass früher mal alles besser war (oder alternativ in anderen Ländern) dann wirkt das auf mich wie ein Fingerzeit zurück. Gelesen wird, was gefällt. – der Rest grumpfelt irgendwo in seinem Dasein herum. Der Niedergang eines Mediums ist der Niedergang der Lesekultur. Womit wir wieder beim „früher war alles besser“ sind.

Darf ich für mich die Schuldigen anprangern? Naja, ich darfs, liest ja angeblich auf diesem kleinen Blog eh keiner. Es ist eine Frage der Lesegewohnheiten. Wer morgens Häppchenkost umsonst serviert bekommt verliert die Geduld und Konzentration für lange und schwere, aber gute Kost. (Ich weiss, auch das ist keine neue Erkenntnis, aber wer kann schon immer und stetig Neues denken). Die Welt in drei Sätze zu packen ist automatisch oberflächlich. Wer nur noch Stückwerk aufnimmt, hier ein Bröckchen, dort eine News zu einem völlig anderen Thema, verliert den Blick für das Ganze. Wenn alles aktuell und sofort berichtet werden muss und es nur noch auf das Wann und nicht mehr Wie ankommt, nimmt man sich nicht die Muse genauer hinzuschauen. Und wer liest schon gerne in einem Spiegel von letzter Woche. Geht das denn – interessiert das noch jemand?

Ich bekenne, auch ich schmeisse die Zeitungen von gestern, ab und zu mal ungelesen, am nächsten Tag weg. Ich lese auch gerne in der Tram den neuesten Gossip und ja, ich zwinge mich den kleingedruckten ganzseitigen Artikel über eine Provinz in China zu lesen von der ich früher noch nie gehört habe, wohin ich nie fahren werde und deren Namen wahrscheinlich nicht einmal die chinesische Führung richtig aussprechen kann. Und ja, diese für mich neue Welt ist spätestens ab der 10ten-Zeile spannend und wichtig, kurzweilig und superschnell zu lesen. Und ja, wow, danach fühle ich mich wirklich wie ein Mensch auf Erden.