Posts Tagged ‘Rezension’

Literatur-Nobelpreis für Herta Müller

Oktober 9, 2009

Ich freue mich sehr, dass diese mutige kleine Frau, die selbsterlebte und mitgelittene Repression und Gewalt zu so einem scharfsichtigen, sprachsensiblen und moralisch starken Menschen gemacht haben, für ihr Werk geehrt wird.

In ihrem Roman „Herztier“ beschreibt Herta Müller in einer beklemmend präzisen Sprache, wie Freundschaft und Vertrauen unmöglich werden in der klaustrophobischen Atmosphäre der Angst und Repression im Rumänien Ceaușescus. Ein real existierendes „1984“ mitten in Europa. Herztier ist ein Buch, das die Mechanismen totalitärer Macht und Lebenszerstörung so fühlbar und gegenwärtig macht, dass allein das Lesen schwer auszuhalten wäre, spürte man nicht in jedem Satz die unbeugsame Warmherzigkeit der Erzählerin, die der Autorin offensichtlich biographisch sehr nahe steht.
Wie fühlt sich der Terror hautnah an? Wenn die Staatsmacht in deiner eigenen Wohnung herumschleicht? Wenn du jederzeit damit rechnen musst, verhaftet und gefoltert zu werden? Wenn das eigene Leben an einem Haar hängt? An dem Haar, das du in den Brief an deinen Freund legst, um festzustellen, ob er vom Geheimdienst geöffnet und gelesen wurde?

Nein, sie sind nicht ausgestorben mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, die modernen Systeme der Terrors. Haben wir den Mut, gegen sie zu protestieren, wo es uns nichts kostet, nicht einmal ein Haar?

Über Herta Müller: http://de.wikipedia.org/wiki/Herta_M%C3%BCller
Über den Roman Herztier: http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-20877-3
Und das ist Herta Müllers neuester Roman Atemschaukel: http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23391-1

Bücherregal 2.0

Februar 9, 2009

So. Noch ein Nagel da rechts in die Pixel. Sitzt es gerade?  Naja, macht nichts. Hauptsache, es hält.
Ich hab hier in der Beiz mal ein virtuelles Bücherregal angenagelt. Da könnt ihr Bücher reinstellen, die ihr gerade lest, oder eure Lieblingsbücher. Oder Bücher, die ihr gar nicht mögt. Eure Leseeindrücke festhalten und teilen, diskutieren, Links zu interessanten Rezis posten, Bücher von befreundeten Autoren vorstellen…
Ich freue mich auf viele Lesetipps und kontroverse Diskussionen.

Barack Obama: „Hoffnung wagen“

Januar 20, 2009

2006 beschrieb Barack Obama in seinem Buch  „Hoffnung wagen: Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream“ (im Original: „The Audacity of Hope – Thoughts on Reclaiming the American Dream“) seine persönlichen Ansichten und politischen Ziele.

Ob er damals wohl schon daran gedacht hat, dass er einmal Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte? Hätte das damals irgend jemand für möglich gehalten?

Zumindest hat Obama schon damals, als Senator, klare Vorstellungen davon gehabt, was er besser machen würde als die Bush-Regierung und warum.

Von sehr persönlichen Erfahrungen seines eigenen Lebensweges ausgehend beschreibt Obama in dem Buch seine politischen Überzeugungen: Aufgewachsen ist er als Sohn eines kenianischen Vaters und einer weissen US-Amerikanerin im multikulturellen Hawaii und im überwiegend muslimischen Indonesien mit indonesischem Stiefvater und Halbschwester: Familientreffen bei Obamas würden an eine UN-Vollversammlung erinnern.

Beste Vorraussetzungen für eine Politik, die den veränderten Bedingungen der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts gerecht wird, die die Globalisierung als Chance begreift, nicht bloss als Bedrohung.

Aus solchen Erfahrungen rührt wohl auch die Überzeugung Obamas, die die Grundlage für alle Bereiche seines Denkens bildet: Dass wir Ziele nur gemeinsam erreichen können, mit einander, nicht gegen einander: Demokraten und Republikaner müssen gemeinsam Lösungen für die drängenden Probleme der amerikanischen Wirtschaft und des Gesundheits-, Renten- und Sozialsystems finden. Der Staat und die Reichen dürfen die ärmeren und benachteiligten Bürger nicht im Regen stehen lassen. Reiche und arme Länder müssen unter Mitwirkung funktionierender und von allen (auch den USA) respektierter internationaler Institutionen die Herausforderungen der Globalisierung bewältigen. Und auch im privaten Bereich der Familie spricht er sich für eine gleichberechtigte Partnerschaft aus, dafür, Voraussetzungen zu schaffen, die Frauen gleiche Lebenschancen bieten wie Männern.

Das ist für Obama der Kern des Amerikanischen Traums: Jeder Mensch soll die Chance haben, sein Leben zu gestalten, seine Talente zu entwickeln und einzusetzen und gesellschaftlich aufzusteigen.

Eigenverantwortung und harte Arbeit, aber auch Gemeinschaftsgefühl und Verantwortung für die anderen, das sind für Obama die entscheidenden  amerikanischen Werte. Dazu fordert er ein stabiles Sicherheitsnetz, dass auffängt, wenn der einzelne scheitert, den Job verliert, krank wird oder alt. Eine bezahlbare Krankenversicherung für alle Amerikaner, gerechte Löhne, Investitionen in Bildung, Forschung und Zukunftstechnologien, das sind ein paar der Reformen, die Obama als besonders wichtig anmahnt.

Dabei kennt er als ehemaliger Sozialarbeiter in Chicago die Probleme der amerikanischen Unterschicht und der African-American Community in den Inner Citys nicht bloss aus Statistiken. Den Hauptgrund für Kriminalität und Gewalt in diesen Bezirken sieht er in der ökonomisch aussichtslosen Situation und Hoffnungslosigkeit der Bewohner. Und das Gegenmittel folglich in besseren Schulen und Jobs, um den Teufelskreis vererbter Armut zu durchbrechen.

Ähnlich ist seine Ausrichtung übrigens auch in der Aussenpolitik: Die grösste Gefahr für die Zukunft sieht Obama nicht in nationalen Kriegen sondern in transnationalem Terrorismus, der auf dem Boden von Armut und Hoffnungslosigkeit gedeiht. Auch international sieht er Bildung und Bekämpfung von Armut als beste Medizin.

„Terror“ heisst ja „Angst“. Das Gegenteil von Angst ist Hoffnung.
Obama mag also Recht haben in dieser Diagnose, dass wir die Welt nur dann zu einem sichereren Platz machen können, wenn alle – privat, national und international – vom Fortschritt profitieren.

Dass das Opfer und harte Entscheidungen verlangen wird, ist ihm durchaus bewusst, und das verschweigt er seinen Lesern nicht.

Auch Zweifel und Selbstzweifel finden Raum in dem Buch.

Obama sieht sich gewiss nicht als „Messias“. Er ist kein göttliches Wesen. (Jedenfalls nicht mehr als andere Menschen auch.)

Was er hat, ist ein Programm.

Wer etwas darüber erfahren will, wie Obama tickt, über seine persönlichen Hintergründe, seine Ideale und Werte, auf die er seine Politik gründen möchte, darüber, was uns in den nächsten vier Jahren erwartet mit diesem Präsidenten, etwas, dass über Wahlkampfparolen und Projektionen hinausgeht, der sollte dieses Buch lesen.

Es lohnt sich.

Pro Krastination

November 13, 2008

lobo passig buecherfest 2009

Kathrin Passig und Sascha Lobo beim Tübinger Bücherfest 2009

Die guten Nachrichten:

1. Du bist nicht allein.

Jeder Mensch schiebt unangenehme Aufgaben vor sich her. Die einen weniger, die anderen ein bisschen mehr. Na gut, ein bisschen sehr viel mehr. Aber

2. es gibt welche, die noch schlimmer dran sind als du.

3. ist es wenig sinnvoll und wenig erfolgversprechend zu versuchen, die eigene Persönlichkeitsstruktur durch einen Weltrekord im Zusammenreissen umzukrempeln. Du darfst das deshalb bleiben lassen.

Das sagen zumindest Kathrin Passig und Sascha Lobo, die Autoren des Buches: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin„.

Ich wollte mir das Buch ja eigentlich schon lange mal zulegen, bin aber irgendwie immer nicht dazu gekommen.
Letzten Samstag hatte ich 15 Minuten Zeit bis zum nächsten Zug und da ist es mir im Bahnhofskiosk ganz spontan zugelaufen. Habe Im Zug sofort angefangen und es in 3 Tagen durchgelesen. Und nebenbei noch den Keller entrümpelt, das Bücher- und Zeitschriften-Regal umsortiert, 2-3 Artikel geschrieben, einen Multiuser-Blog administriert, Bankangelegenheiten geregelt und die Küche gegrundreinigt. LOBOs, also Leute mit einem „Lifestyle Of Bad Organisation„, können nämlich auch extrem produktiv sein, wenn sie nur richtig motiviert sind.

Es gibt auf dieser Welt nunmal Lerchen und Eulen, es gibt Wegschmeisser und Sammler, es gibt Macher und Mönche, es gibt Durchplaner und Prokrastinatoren. Wer sich zwingt, ein Leben zu führen, das nicht zu ihm passt, wird damit auf Dauer damit weder erfolgreich noch glücklich werden.

Wer an Prokrastination leidet, ist vermutlich deutlich leichter ablenkbar als der Durchschnittsmensch oder hat mehr Probleme mit Impulskontrolle,  Antriebssteuerung oder Entscheidungsschwäche. Das kann, muss aber nicht, Symptom von Syndromen wie ADS/ADHS oder Depressionen oder ähnlichem sein. Oder davon, dass sonst etwas Entscheidendes in seinem Leben nicht stimmt.

(Die Buch-Autoren halten übrigens den schweizerisch geprägten Protestantismus für eine Wurzel des Übels.)

Passig und Lobo raten dazu, aus Schwächen Stärken zu machen und die Kraft der Prokrastination produktiv in umzumünzen: Um sich vor einer hinreichend ungeliebten Tätigkeit zu drücken, erledigt man unter Umständen im Handumdrehen 10 andere, die viel schwieriger und anspruchsvoller sind als die vermiedene. (Unter Umständen erfindet ein Prokrastinierer gerade jetzt im Moment aus lauter Grauen vor dem Steuererklären ein geniales Steuererklärungsprogramm, das vollautomatisch nicht nur Formulare ausfüllt, sondern auch Belege eigenständig sucht und einscannt.)

Leider bleibt erfahrungsgemäss immer ein Bodensatz wirklich grässlicher Tätigkeiten übrig, zu denen man sich auch ohne Alternativen nicht aufraffen kann:
Duschabfluss enthaaren, MA-Arbeiten schreiben. Altglas wegbringen. (Tipp: Pfandflaschen kaufen: Die verflüchtigen sich von selbst, wenn man sie einfach ca. 10 Minuten unbeaufsichtigt vor der Tür stehen lässt.)

Besonders fies sind Verrichtungen, die erst wieder andere voraussetzen, die erst wieder, naja, und so weiter. Ich müsste endlich mal meinen abgelaufenen Pass erneuern lassen. Dazu müsste ich allerdings erstmal Passbilder machen lassen. Und mich hierfür vorher erkundigen, wie diese nach neuesten Antitterrorundso-Bestimmungen aktuell auszusehen haben. Und natürlich vor den Passbildern zum Frisör/Coiffeur. Der hat allerdings, seit ich vor ein paar Monaten das letzte Mal da war, den Laden aufgegeben. Wahrscheinlich wegen mir. Also erstmal einen neuen suchen. Preise vergleichen, gutfrisierte Bekannte nach Tipps befragen…

Oft hilft es schon, komplizierte Aufgabenberge in kleine, überschaubare und leicht zu bewältigende Arbeitsschritte einzuteilen, die weniger bedrohlich erscheinen.

Eine klare Aufgabenstellung (Self briefing) ist nützlich. Prioritäten setzen hilft, Wichtiges von wirklich Wichtigem zu unterscheiden. Routinemässig anfallende Tätigkeiten möglichst automatisieren. Wenn man nicht erst philosophische Studien darüber anstellen muss, ob man die linke oder die rechte Socke zuerst anziehen soll, geht manches unkomplizierter. Langweilige Aufgaben lassen sich versüssen, indem man z.B. ein Spiel daraus macht oder sie zu zweit erledigt mit jemandem, den man gernhat und/oder sich eine Belohnung in Aussicht stellt/stellen lässt.

Bei regelmässig anfallenden und regelmässig liegenbleibenden Aufgaben raten die Autoren zum Outsourcen. Das ist eine schöne Idee. Es gibt sicher irgendwo Menschen, die wahnsinnig gern Gartenarbeit machen. Die aber leider in einem Mietshochhaus ohne Garten wohnen und viel Geld dafür bezahlen würden, wenigstens einmal in der Woche in meinem Garten arbeiten zu dürfen. OK, während der Laubfallzeit gegen saftigen Aufpreis auch zweimal.

Körperliche Arbeit ist meiner Erfahrung nach übrigens häufig befriedigender, weil man da sieht, was man geschafft hat, während das bei geistiger Arbeit oft schwer zu quantifizieren ist. Auch wenn es für Aussenstehende nicht überzeugend nach Arbeit aussieht, wenn man im Bett  herumliegt – im Kopf könnte in der Zeit die Idee zu einem Bestsellerroman oder einer nobelpreiswürdigen Erkenntnis reifen!

Online-Versuchungen versuche ich zu widerstehen, indem ich  einen Ordner mit für die gerade zu verrichtende Arbeit benötigten und darum erlaubten Lesezeichen erstelle. Verboten dagegen sind: Handy, Spiele, Seiten, deren Informationsmenge sich minütlich vergrössert (Twitter, Chats, Foren), Programme, die Prokrastiniererkollegen anzeigen, dass ich gerade online bin und ihnen ermöglichen, mir Instant-Messenger-Popups auf den Bildschirm zu nötigen.

Aber auch wenn das völlig überraschend mal wieder suboptimal funktioniert hat: Nichts ist wirklich sinnlos.

Nicht einmal bloggen.

Aus Blogkommentaren beispielsweise entwickeln sich zuweilen Anstösse für Texte, die sich professionell verwerten lassen. Die Rückmeldungen, Anregungen, Kritik und Motivation, die man beim Schreiben in Blogs bekommt statt monatelang einsam und von Selbstzweifeln geplagt vor sich hinzuschreiben, sind unbezahlbar.

Es gibt übrigens auch nicht zu unterschätzende Vorteile des LOBO-LIfestyles. Die meisten  bahnbrechenden arbeitsersparenden  Erfindungen der Menschheit sind vermutlich von Prokrastinatoren gemacht worden: das Rad, der Webstuhl, die Waschmaschine, der Mähdrescher, der Skilift.

Arbeiterzeugende Erfindungen hingegen stammen mit ziemlicher Sicherheit auf keinen Fall von LOBOs: die Bürokratie, lose Knöpfe, ebay. Und Krieg  Allein schon, weil sie zu faul wären, das hinterher alles wieder aufzuräumen.

Und weil sie sich mit Sicherheit ums Verrecken nicht erinnern könnten, wo sie diese vermaledeite Kriegserklärung nun wieder hingelegt haben.

Und selbst wenn man sie zeitnah wiederfände, sowas kann man ja nicht einfach per Fax erledigen und die Post hat 138 Stunden in der Woche geschlossen.

Eine Welt mit mehr Prokrastinierern wäre sehr wahrscheinlich eine bessere Welt.