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Die (neuen) drei Eidgenossen

September 11, 2009

johann-heinrich-fuessli_die-drei-eidgenossen-beim-schwur-auf-dem-ruetli„Alles was die Schweizer wurden, wurden sie durch Einigkeit“
Ein groser Moment wird hier festgehalten:

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Wegleitung, die (aus dem Lexikon der Swissness)

März 23, 2009

Dieser Beitrag wird mit Fr. 270.- brutto honoriert (inkl. Fr. 20.- Urheberrechte). 13.65 gehen an AHV, IV und EO (Mutterschaftsversicherung), 2.70 an die Arbeitslosenversicherung, was der Buchhaltungscomputer der Tamedia erledigt. Damit wird unserem Vierpersonenhaushalt (Verheiratetentarif) nahe gelegt, den Betrag von Fr. 253.65 mit anderen derartigen Beträgen summiert unter Ziff. 2.2 in unsere Steuererklärung einzutragen. Die 253.65 sind zu einem Grenzsteuersatz von 18 Prozent zu versteuern, macht also Fr. 45.65. Uns bleiben Franken 208.-. Unser Haushalt gewönne also 45.65, würde ich diesen Betrag bei der Summierung für Ziff. 2.2 «vergessen» (>Hinterziehung). Lucrezia Meier-Schatz (CVP), die uns im oberen unteren Mittelstand einteilt, verspricht mir im Rahmen des Steuerpakets eine Erleichterung im Rahmen des Nettohonorars dieses Beitrags, sollte das «Ja» am 16. Mai obsiegen. Im mittleren Mittelstand siedelt uns Jacqueline Fehr (SP) an, die mir rät, «Nein» zu stimmen, da das Steuerpaket am fehrschen Mittelstand (70 000-120 000 Bruttoeinkommen) vorbeiziele. Beträge in Ziff. 2.2 berechtigen aber auch zu Abzügen: Doppelverdiener (Ziff. 17), Berufsauslagen (Ziff. 11.1). Im Kanton Zürich kann ich die Spielgruppenkosten (Ziff. 24.3) meiner im Moment nicht störenden Jüngsten schon jetzt in Abzug bringen. Da würde Ihnen das Steuerpaket auch bei der Bundessteuer helfen, meint Meier-Schatz. «Ja» oder «Nein»? Hinterziehen? Oder betrügen? Wie war das?

Bankier Julius Bär sagt, der Unterschied zwischen Steuerbetrug und -hinterziehung sei einem Angelsachsen nicht erklärbar (>Commonsense). Fragen wir in Bern. Herr Schneeberger von der Eidg. Steuerverwaltung spricht den näselnden Dialekt Peter Bichsels (>Jurasüdfuss): langsam, aber Klartext. «Stüürbetrug liit nur vor, we tiir e Urkunde fälsche oder ferfälsche tüeet.»

Ja ist denn die Steuererklärung, die ich mit Ort, Datum und Unterschrift abschliesse, keine Urkunde? «Näii, das isch numme en Erchläärig.» Aha. Und alle die Computerausdrucke, die ich erhalte («gültig ohne manuelle Ergänzung»)? Sind das «Urkunden»? «Im rächtlichä Sinn äbä scho.» Und die Steuererklärung ist so nur Erklärung «auf Eid und Ehre» (>Rütlischwur)? Sind wir vielleicht deshalb «Eidgenossen»? Und die, die hinterziehen «Meineidgenossen»? «Jaa, gwüssermasse, wedr so weid, odr ebe stüüreehrlichi u stüüruneehrlechi Lüüt.» Ach so. Mir wird klar: Wir, ein einzig Volk von Brüdern, direktdemokratisch souverän, sind gleichzeitig Objekt (>Geldbeutel) und Subjekt (>Ratte) der Steuererklärung. Diese ist so nicht ein Vertrag zwischen zwei Rechtspersonen (Urkunde), sondern innerpersönlich-freundeidgenössische Mystik zwischen mir als Steuerbürger, mir als Souveränbürger und dem Allmächtigen. Betrügen kann nur, wer sich von einer juristischen Person, über die er verfügt (AG, GmbH, Einzelfirma), sich Urkunden anfertigen lässt. Dass wir diesen moralisch-psychischen Salto auch allen erwerbstätigen niedergelassenen Ausländern (>Fötzel, fremder) zutrauen, ist immerhin erstaunlich.

Und die Angelsachsen? Diese sind im ganzen «commonwealth» hingegen Untertanen: Als solche stehen sie dem Staat gegenüber in Betrugsverdacht, ohne souveräne Hinterziehungsmöglichkeit. Die Yankees aber befreiten sich 1776 durch ihre «Declaration of Independence». Sie sind nicht mehr Untertanen, aber bei richtiger «representation» zahlen sie ihrer «administration» so gerne «taxation», dass sie ihren Fiskus die Beträge gleich auf ihrem Bankkonto abbuchen lassen. Hier ansässige «holder» von US-«shares» müssen sich am Ende des Wertschriftenverzeichnisses unter «Sonderfälle» (>Sonderfall, der) «Fragen an die Besitzer von USA-Wertschriften» gefallen lassen. Aha.

Ich verabschiede mich voller Nationalstolz von meinem sympathischen Angestellten vom «Bernerhof». Was ich dumpf ahnte, klärt sich nun. Was beim Ausfüllen der Steuererklärung in mir Eidgenossen vorgeht: Dieses Gemenge von Präzision, Ärger, Bauernschlauheit, Neid und Patriotismus, das kann uns keiner nachfühlen.

Wenn mich nach dem 1. April (>Fristerstreckung) ein Yankee blöd anmacht, so werde ich ihm die Hühner schon eintreiben: Eure Vorfahren haben wohl die Menschenrechte und Unabhängigkeit erklärt, aber was die jährliche «declaration of taxation» eines direktdemokratischen (Mein-?)Eidgenossen ist, das werdet ihr nimmer weder begreifen noch erfühlen.

Nur, was sage ich meinem niedergelassenen, erwerbstätigen türkischen Nachbarn? Wie steuerehrlich er auch sein mag: Am 16. Mai hat er nichts zu melden. Da stimmen wir ab. Wir Eid- und Meineidgenossen

Heute neu: „Das Buch Blocher“

Februar 12, 2009

Der Autor Markus Somm und Christoph Blocher anlässlich der Buchvernissage (Bild von www.tagblatt.ch übernommen)

Blocher: der Stachel im Fleisch Europas

„Dann lieber keine Ideale, als solche wie sie Blocher hat“ so liess sich jüngst Maxim Biller in der „NZZ am Sonntag“ zitieren. „Blocher“ ist zu einem Klischee, einem lieben Feindbild geronnen. Seit der Self-made-man und damalige Parteipräsident der Zürcher SVP am ominösen 6. Dezember 1992 im „Alleingang“ – dass die Grünen, die radikale Linke und der damalige sozialdemokratische Bundesrat Otto Stich mit Blocher stimmten, wird gern ausgeblendet – die Abstimmung gegen die Integration der Schweiz in den EWR (erweiterten europäischen Wirtschaftsraum) gewann, gilt er dem schweizerischen Establishement des Wirtschaftsfreisinns als gefährlicher Demagoge, der sich weder durch Verketzerung, noch durch Wahl in den Bundesrat zähmen liess. Nun legt Markus Somm, Inlandchef der „Weltwoche“, die zweite autorisierte Biografie (die erste erschien 1995, unautorisierte gab es 1994 und 2002) des berüchtigsten Schweizer Politikers vor. Eine platte Propaganda-Schrift? Nein, eine süffig geschriebene, mäandrierende Erkundung im Dickicht von helvetischen Militäranekdoten und Filz-Internas, die geschichtlich ausholt und Blocher, in den Zusammenhang des angelsächsischen Liberalismus und eidgenössischer Direktdemokratie stellt. Somms These: das Abdriften der verfilzten Eliten nach Links führt dazu, dass Blocher, als Unternehmer, Oberst der Milizarmee und Nationalrat  – eine geglückte männliche Sozialisation der „alten Schweiz“- als erratischer Findling im Zeitgeist der linken Postmoderne nach dem Mauerfall stehen bleibt. Martin Walser formulierte es so:Blocher ist nicht rechts, er ist richtig. Ich halte ihn für ein Monument der Richtigkeit. (….) sein Eigensinn imponiert mir einfach.“  EU-Kommissar Jacques Delors versucht den Querschläger für Europa zu gewinnen. Blocher: „Sie sind Franzose und daher von Haus aus zentralistisch eingestellt. Ich bin Schweizer, wir lieben den Föderalismus. Sie sind Sozialist, das macht sie erneut zum Zentralisten. Ich bin bürgerlich-liberal, deshalb ist mir der Zentralismus zuwider. Schliesslich sind Sie Katholik, Sie haben einen Papst und sind schon aus religiösen Gründen dem Zentralismus zugetan. Ich bin Protestant und trete daher für das Individualistische ein.“ – „Très intéressant.“ meinte der Franzose: man kam sich nicht näher. Der Ringier-Chef-Publizist Frank A.Meyer („Cicero“-Kolumnist) versucht zu verhindern, dass es zu einer direkten Begegnung zwischen seinem Freund Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem verhassten „Rechtspopulisten“ kommt. Bundesrat Blocher wartet mit seinem Vortrag vor den Verlegern, bis der „verspätete“ Bundeskanzler da ist. Schröder amusiert sich – zum Ärger Frank A.Meyers – köstlich über die launige Rede Blochers.

Alle Vertreter der Familie Blocher, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Königreich Württemberg in die Schweiz einwanderte, hatten eine Mission. Es waren Idealisten, pietistische Theologen, Sozialisten, germanische Sprachpuristen, missionierende Abstinenzler    alles stramme Eidgenossen, keiner zeigte braune Anwandlungen. Auch der Vater Christoph Blochers, Ewald Blocher, war Pfarrer in der Zürcher Arbeiter- und Bauerngemeinde Laufen am Rheinfall. Doch Christoph rebelliert, bricht aus dem strengen Mief des Pfarrhauses aus: der 15jährige beginnt nach der Sekundarschule 1956 eine Lehre als Landwirt: ein hartes Brot. Die Mutter gibt ihm eine Bibel mit folgender Losung mit: „Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach Deinen Worten.“ (Ps. 119,9). Das Abitur wird der gelernte Bauer später auf einer Abendschule nachholen und in Zürich, wo die Bürgersöhne und -töchter ihr kleines 68 abfeiern, Jura studieren. Blocher ist auch ein „68er“: aber „von der anderen Seite“. Der Doktorand tritt 1969 als Rechtskonsulent in die EMS-Chemie ein – eine Zwischenlösung, eigentlich will er später Richter werden. Aber schon 1972 ist er Mitglied des Verwaltungsrates, 1983 wird er nach dem Tod des Besitzers die Firma übernehmen, indem er sich mit 20 Millionen Franken verschuldet. Seinen ersten politischen Kampf focht er in seiner damaligen Wohngemeinde Meilen aus. Gegen alle Dorfgewaltigen rettet er an einer tumultuösen Gemeindeversammlung einige Hektaren bestes Ackerland vor der Überbauung durch den Weltkonzern Alusuisse. Ein Sponti-Grüner? Nein: ein konservativer Rebell. Die blamierten Ortsparteien buhlen um den begabten Redner. Er schliesst sich „zufällig“ der kleinen, 1919 gegründeten SVP an, der ehemaligen „Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei“ die sich nach dem Ersten Weltkrieg in den protestantischen Landgemeinden der Kantone Bern, Zürich und Schaffhausen vom zunehmend elitär werdenden Freisinn (der Staatsgründungspartei von 1848 ) abspaltete. Es folgt ein rascher Aufstieg: 1974 Gemeinderat von Meilen, 1975 Zürcher Kantonsrat, 1977 wird er Präsident der Zürcher Kantonalpartei (bis 2003), 1979 Nationalrat, 2003 Bundesrat. Mit Referenden verteidigt er 1985 vergeblich die Stellung des Mannes als „Oberhaupt der Familie“ gegen das neue Eherecht, erfolgreich verhindert er 1986 den Beitritt der Schweiz zur UNO. Seither ist der „Volkstribun“ nationales Ärgernis. Mit dem überschüssigen Spendengeld der UNO-Kampagne gründet er die AUNS (Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz), seine ihm treu ergebene Referendumsmaschine. Der Rest ist bekannt: aus der kleinsten (1980er: 10%) wird die grösste Bundesratspartei (2007: 29%), die auch Katholiken, Welsche, Tessiner , Lohnabhängige und die Jugend hinter sich sammelt. Im Epilog legt Somm, Sohn eines freisinnigen Spitzenmanagers, seine eigene biografisch-ödipale Verstrickung mit seinem Idol offen. Wer kein Schweizkenner ist, tut gut daran sich lesend Namen und staatskundliche Details zu notieren, denn das süffige, streckenweise allzu geschwätzige Buch hat weder Personenregister, noch Zeittafel, noch erhellende Schemata zum Schweizer Staatsaufbau, noch ein Glossar der Dialektwörter. Wer das politische System der Eidgenossenschaft und das Phänomen Blocher in einem ideengeschichtlichen Kontext verstehen will, wird diese engagierte, 520-seitige und sorgfältig illustrierte Biografie mit Gewinn lesen.

GIORGIO GIRARDET 

 Somm, Markus. Christoph Blocher: der konservative Revolutionär. Appenzeller Verlag, 2009. 

Weitere Rezensionen des Buches: NZZ (rz.), Tages-Anzeiger (Iwan Städler), „Die Zeit“ (Joe Lang), „St.Galler Tagblatt„, Kapitel-Abdruck in der „Weltwoche“, „Schaffhauser Nachrichten„, der Stadtwanderer-blog