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Heute neu: „Das Buch Blocher“

Februar 12, 2009

Der Autor Markus Somm und Christoph Blocher anlässlich der Buchvernissage (Bild von www.tagblatt.ch übernommen)

Blocher: der Stachel im Fleisch Europas

„Dann lieber keine Ideale, als solche wie sie Blocher hat“ so liess sich jüngst Maxim Biller in der „NZZ am Sonntag“ zitieren. „Blocher“ ist zu einem Klischee, einem lieben Feindbild geronnen. Seit der Self-made-man und damalige Parteipräsident der Zürcher SVP am ominösen 6. Dezember 1992 im „Alleingang“ – dass die Grünen, die radikale Linke und der damalige sozialdemokratische Bundesrat Otto Stich mit Blocher stimmten, wird gern ausgeblendet – die Abstimmung gegen die Integration der Schweiz in den EWR (erweiterten europäischen Wirtschaftsraum) gewann, gilt er dem schweizerischen Establishement des Wirtschaftsfreisinns als gefährlicher Demagoge, der sich weder durch Verketzerung, noch durch Wahl in den Bundesrat zähmen liess. Nun legt Markus Somm, Inlandchef der „Weltwoche“, die zweite autorisierte Biografie (die erste erschien 1995, unautorisierte gab es 1994 und 2002) des berüchtigsten Schweizer Politikers vor. Eine platte Propaganda-Schrift? Nein, eine süffig geschriebene, mäandrierende Erkundung im Dickicht von helvetischen Militäranekdoten und Filz-Internas, die geschichtlich ausholt und Blocher, in den Zusammenhang des angelsächsischen Liberalismus und eidgenössischer Direktdemokratie stellt. Somms These: das Abdriften der verfilzten Eliten nach Links führt dazu, dass Blocher, als Unternehmer, Oberst der Milizarmee und Nationalrat  – eine geglückte männliche Sozialisation der „alten Schweiz“- als erratischer Findling im Zeitgeist der linken Postmoderne nach dem Mauerfall stehen bleibt. Martin Walser formulierte es so:Blocher ist nicht rechts, er ist richtig. Ich halte ihn für ein Monument der Richtigkeit. (….) sein Eigensinn imponiert mir einfach.“  EU-Kommissar Jacques Delors versucht den Querschläger für Europa zu gewinnen. Blocher: „Sie sind Franzose und daher von Haus aus zentralistisch eingestellt. Ich bin Schweizer, wir lieben den Föderalismus. Sie sind Sozialist, das macht sie erneut zum Zentralisten. Ich bin bürgerlich-liberal, deshalb ist mir der Zentralismus zuwider. Schliesslich sind Sie Katholik, Sie haben einen Papst und sind schon aus religiösen Gründen dem Zentralismus zugetan. Ich bin Protestant und trete daher für das Individualistische ein.“ – „Très intéressant.“ meinte der Franzose: man kam sich nicht näher. Der Ringier-Chef-Publizist Frank A.Meyer („Cicero“-Kolumnist) versucht zu verhindern, dass es zu einer direkten Begegnung zwischen seinem Freund Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem verhassten „Rechtspopulisten“ kommt. Bundesrat Blocher wartet mit seinem Vortrag vor den Verlegern, bis der „verspätete“ Bundeskanzler da ist. Schröder amusiert sich – zum Ärger Frank A.Meyers – köstlich über die launige Rede Blochers.

Alle Vertreter der Familie Blocher, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Königreich Württemberg in die Schweiz einwanderte, hatten eine Mission. Es waren Idealisten, pietistische Theologen, Sozialisten, germanische Sprachpuristen, missionierende Abstinenzler    alles stramme Eidgenossen, keiner zeigte braune Anwandlungen. Auch der Vater Christoph Blochers, Ewald Blocher, war Pfarrer in der Zürcher Arbeiter- und Bauerngemeinde Laufen am Rheinfall. Doch Christoph rebelliert, bricht aus dem strengen Mief des Pfarrhauses aus: der 15jährige beginnt nach der Sekundarschule 1956 eine Lehre als Landwirt: ein hartes Brot. Die Mutter gibt ihm eine Bibel mit folgender Losung mit: „Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach Deinen Worten.“ (Ps. 119,9). Das Abitur wird der gelernte Bauer später auf einer Abendschule nachholen und in Zürich, wo die Bürgersöhne und -töchter ihr kleines 68 abfeiern, Jura studieren. Blocher ist auch ein „68er“: aber „von der anderen Seite“. Der Doktorand tritt 1969 als Rechtskonsulent in die EMS-Chemie ein – eine Zwischenlösung, eigentlich will er später Richter werden. Aber schon 1972 ist er Mitglied des Verwaltungsrates, 1983 wird er nach dem Tod des Besitzers die Firma übernehmen, indem er sich mit 20 Millionen Franken verschuldet. Seinen ersten politischen Kampf focht er in seiner damaligen Wohngemeinde Meilen aus. Gegen alle Dorfgewaltigen rettet er an einer tumultuösen Gemeindeversammlung einige Hektaren bestes Ackerland vor der Überbauung durch den Weltkonzern Alusuisse. Ein Sponti-Grüner? Nein: ein konservativer Rebell. Die blamierten Ortsparteien buhlen um den begabten Redner. Er schliesst sich „zufällig“ der kleinen, 1919 gegründeten SVP an, der ehemaligen „Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei“ die sich nach dem Ersten Weltkrieg in den protestantischen Landgemeinden der Kantone Bern, Zürich und Schaffhausen vom zunehmend elitär werdenden Freisinn (der Staatsgründungspartei von 1848 ) abspaltete. Es folgt ein rascher Aufstieg: 1974 Gemeinderat von Meilen, 1975 Zürcher Kantonsrat, 1977 wird er Präsident der Zürcher Kantonalpartei (bis 2003), 1979 Nationalrat, 2003 Bundesrat. Mit Referenden verteidigt er 1985 vergeblich die Stellung des Mannes als „Oberhaupt der Familie“ gegen das neue Eherecht, erfolgreich verhindert er 1986 den Beitritt der Schweiz zur UNO. Seither ist der „Volkstribun“ nationales Ärgernis. Mit dem überschüssigen Spendengeld der UNO-Kampagne gründet er die AUNS (Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz), seine ihm treu ergebene Referendumsmaschine. Der Rest ist bekannt: aus der kleinsten (1980er: 10%) wird die grösste Bundesratspartei (2007: 29%), die auch Katholiken, Welsche, Tessiner , Lohnabhängige und die Jugend hinter sich sammelt. Im Epilog legt Somm, Sohn eines freisinnigen Spitzenmanagers, seine eigene biografisch-ödipale Verstrickung mit seinem Idol offen. Wer kein Schweizkenner ist, tut gut daran sich lesend Namen und staatskundliche Details zu notieren, denn das süffige, streckenweise allzu geschwätzige Buch hat weder Personenregister, noch Zeittafel, noch erhellende Schemata zum Schweizer Staatsaufbau, noch ein Glossar der Dialektwörter. Wer das politische System der Eidgenossenschaft und das Phänomen Blocher in einem ideengeschichtlichen Kontext verstehen will, wird diese engagierte, 520-seitige und sorgfältig illustrierte Biografie mit Gewinn lesen.

GIORGIO GIRARDET 

 Somm, Markus. Christoph Blocher: der konservative Revolutionär. Appenzeller Verlag, 2009. 

Weitere Rezensionen des Buches: NZZ (rz.), Tages-Anzeiger (Iwan Städler), „Die Zeit“ (Joe Lang), „St.Galler Tagblatt„, Kapitel-Abdruck in der „Weltwoche“, „Schaffhauser Nachrichten„, der Stadtwanderer-blog

Weltwoche: Selbstkritik im Bordell

Oktober 23, 2008

Da geben die Bordell-Pianisten von der Weltwoche uns ja schöne Einblicke.
Hatten sie doch so eine super Idee für ein Titelbild gehabt…
Wenigstens haben sie dafür gesorgt, dass wir auch in der schlimmsten Krise etwas zu lachen hatten.
Nun stellt also Karl Lüönd fest: Die Konzerne misstrauen den Weltwoche-Journalisten! Ausgerechnet die Konzerne! Ja und hat die Weltwoche nicht immer alles Menschenmögliche getan, um die Popularität der derzeitigen Interimsfinanzbundesrätin zu steigern? Und dann lässt man die Herren Journalisten einfach so drauflosschreiben! Ohne sie zu warnen! Welche Unverschämtheit, keine Vertraulichkeiten nach Aussen durchsickern zu lassen! Welche Manipulation!

Wenn es denn stimmt, dass im Bundeshaus, in der Nationalbank und in der UBS mindestens hundert Leute seit Tagen von dem Geheimnis gewusst haben, ist es eine reife Leistung von Informationsmanagement (oder -manipulation), dass nichts nach aussen gedrungen ist. Als Chefredaktor einer wichtigen Zeitung oder Fernsehstation würde ich mich fragen: Wie gut oder wie schlecht sind meine Beziehungen, wie angegriffen ist mein Vertrauenskapital, wenn mich an solchen ­Tagen niemand – auch nicht wenigstens in Andeutungen – vor voreiligen Festlegungen warnt?

Tja, und woran könnte das liegen? Möglicherweise daran?

Was ist das Kerngeschäft populärer Medien? Es ist Komplexitätsreduktion. […] Die Standardverfahren, mit denen die Medien in solchen Drucklagen wirklich arbeiten, sind immer dieselben: lokalisieren, personalisieren, emotionalisieren.

Also: Populistische Simplifizierung von Sachverhalten, Personalisierung von Konflikten und Anheizen von (unguten) Emotionen.

Das schränkt natürlich zwangsläufig das eigene Sichtfeld ein und bisweilen bleibt dabei offenbar der Realitätssinn auf der Strecke.  Und am Ende glaubt man selber noch das, was man da zusammenschreibt.

So wie der Kurt W. Zimmermann, der behauptete beispielsweise kürzlich,  es gäbe keine „frechen“ politischen Blogs in der Schweiz.

Nur damit nachher nicht wieder einer kommt und jammert, es hätte ihn keiner gewarnt: Es gibt sie!

(Danke @ Ronnie Grob fürs finden! )