Dem geschätzten Reallehrer und Gemeinderat von Langenthal herzlichen Dank und Gruss voraus.
Vor den Antworten ein freundeidgenössisches Intro:
Ortslob: Langenthal ist eine Musterstadt helvetischer Provinz. Das Geschirr das seinen Namen trägt hat manche nahrhafte Suppe und manchen Sonntagsbraten der Solidschweiz getragen. Der wohl grösste lebende Schweizer Poet, Pedro Lenz, hat hier die Eindrücke für seine „Provinzliteratur“ empfangen, den angehesehensten Unternehmer-Politiker-Offizier der Freisinnigen, Johann Niklaus Schneider-Ammann, vertreibt von Langenthal nicht nur Schweizer Qualitätsmaschinen in die ganze Welt, er hat die grossen liberalen Taten von Langenthal in den Geburtswehen der modernen Schweiz wieder in Erinnerung gerufen. 1826 sprach in Langenthal Johann Heinrich Pestalozzi mit letzten Kräften seine grosse Rede an die Schweizer Patrioten und 1822 versammelten sich in Langenthal die Offiziere der damals noch getrennten Kantonalkontingente zu einem frohen Fest, das die Waffenbruderschaft der Eidgenossen neu bestärken sollte. Die St.Galler Zeitung schrieb damals, Langenthal sei zum „Rütli des 19. Jahrhunderts“ geworden.
Berufslob. Reto Müller ist Reallehrer: einer der anerkanntenmassen schwierigsten Jobs im derzeitigen Umfeld.
Milizlob. Nachdem Reto Müller den Dienst mit der persönlichen Ordonnanzwaffe erfolgreich abgeschlossen hat (zeitweise unter dem Kommando seiner wesentlich jüngeren Freundin), ist er in die Gemeindeexekutive seines Gemeinwesens (Bild des Vorgängers) gewählt worden, wo er seinen Milizdienst nun fortsetzt.
Bloggerlob. Reto Müller betreibt einen stets lesenswerten Blog, was neben all den Pflichten seines Berufes und seines Amtes höchste Anerkennung verdient. Trotz aller kritischen Häme meinerseits ist er auf diesem Hochseilakt zwischen Transparenz, die ins Priavate reicht und Amtsgeheimnis, auf dessen Verletzung seine Gegner und Widersacher freudig warten, bis dato nie gestrauchelt.
Ihm also das Wort:
Natürlich wäre es einfacher dem Uertner einfach Recht zu geben in seiner Email (siehe ganz zum Schluss oder diesen Artikel in der Beiz 2.0). Der Aufschrei, den es darob wohl auch medial geben würde, wäre gar noch interessant und spannend. Trotzdem kann ich meinem Herzen keinen Stoss geben, denn ich bin nach wie vor grundlegend von meiner Haltung und Meinung überzeugt. Sorry, Giorgio.
Ich wollte eigentlich zu den genannten Punkten nur kurz Stellung nehmen – auch in Rücksichtnahme auf Lesende wie Bruder Bernahrd, die so lange Statemens nie und nimmer durchlesen – doch auch hier wollte ich mich dem Vorwurf der Schludrigkeit entziehen und ich weiss, dass Uertner wohl die Zeit und Argumente finden wird, mich neuerlich zu fordern, was mir dann wieder zeitliche Probleme einbringen könnte. Doch nun mal meine „erste“ * Stellungnahme zu Uertners aufgeworfenen Punkte:
* Sie werden feststellen, dass ich viele einzelne Themen und Punkte bereits in vorangehenden Posts beantwortet hatte und zur Sache des Minaretts in Langenthal stets eine klare und bejahende, aber auch fordernde Haltung einnahm.
Zu These 1:
Calvin – selbst Verfolgter und auf Grund meines Wissens in Frankreich gar zum Tode Verurteilter wegen seines Bruches mit dem katholischen Rom – ging tatsächlich nicht unzimperlich mit seiner Gegnerschaft um. Aus dieser Tatsache seines Hintergrundes und dessen respektive deren fanatischer Religiosität, die sich auf EINE Wahrheit hin beruft, zu schlussfolgern, dass wir erneut gleich handeln soll(t)en, wie das aus meiner Sicht im Mittelalter bereits falsch lief, ist aber absolut ebenso falsch.
Heute müssen wir zwischen gesellschaftlicher und medialer Kritik unterscheiden (die beide nicht lebensbedrohlich sind), welche hier im Beispiel Uertners als Scheiterhaufen fälschlicherweise hinzugezogen werden. Dahingehend dass sich die Geschichte meiner Ansicht nach nie wiederholt, weil die Indikatoren jeweils andere sind und daher höchstens die Resultate der bereits existenten Geschichtsschreibung ähneln, haben wir heute relative viele Gesellschaftsphänomene, die unter Beschuss geraten, die sich aber durch die Mittel der Rechtfertigung, Erklärung und gegenseitiger Toleranz wieder rehabilitieren können. Darauf konnten sich auf dem Scheiterhaufen verbrannte Menschen nun wirklich nicht berufen.
Zu These 2:
Ich stimme zu. Bezüglich religiösen Freiheiten und der geschlechtlichen, aber auch religiösen Gleichstellung gebärdeten wir uns in der Schweiz lange mittelalterlich. Aus meiner Sicht ist dies aber kein Grund die nun errungenen freiheitlich, liberalen Fortschritte wieder aufs’ Spiel zu setzen und mit einem JA zur Minarettinitiative einer einzelnen Gruppierung – auf Grund verschiedener Intentionen – wiederum den Weg zurück ins Mittelalter zu weisen.
Zu These 3:
Ich stimme zu, dass politisch und gesellschaftlich der Druck intensiviert werden könnte, dass innerhalb der religiösen Gemeinschaften ein näheres und kulturübergreifendes Zusammenrücken möglich sein müsste. Dies einzig dem Islam als Manko anzulasten wäre aber verfehlt. Einige Vereine – wie das Forum für fortschrittlichen Islam – taten hierfür erste Schritte, die es weiter zu führen gilt.
Absolut primär in dieser These ist mir hierbei die Einführung eines Imam-Studiums an Schweizer Universitäten. Wenn wir die Traditionen bezüglich Religionen und Staat natürlich nicht korrigieren können, so benötigen wir zumindest dringend Schweizer Islam-Gelehrte in den Moscheen, welche den Rechtsstaat, seine Geschichte und ebenso die Strömungen der unterschiedlichen politisch motivierten oder nicht motivierten islamischen Gesellschaften kennen und hierbei als Intellektuelle und Schweizer Studierte eine wichtige Brückenfunktion übernehmen können.
Zu verlangen, dass die islamische Gesellschaft – intrinsisch motiviert – päpstlicher zu sein hat, als wir Christen, wäre aber auch vermessen, da ich sonst als Protestant in den Gottesdienst nach Basel, nach Chur und nach Einsiedeln müsste, um selbst dieser Forderung nachzuleben.
Zu These 4:
Edler als das Verbot einer möglichen Missinterpretation der Symbolik eines Minaretts wäre natürlich die Forderung nach einer weiteren Welle humanistischer Aufklärung der Gesellschaft der modernen Interpretation eines Minaretts gegenüber. Erklärungen welche auf ein Machtsymbol hindeuten, kommen aus unaufgeklärten Staaten zu welchen die Türkei nach wie vor leider dazugezählt werden muss. Für die Schweiz bedeutet ein Minarett eine Beschmückung einer religiösen Bildungs- und Glaubensstätte. Angesicht dessen, dass in Langenthal die (gemäss Glaubensbekenntnis grundsätzlich relativ radikal und kriegerisch ausgerichtete) Glaubensgemeinschaft der Sikhs von der Gesellschaft unbehelligt einen schmucken Tempel errichten kann (vgl. http://www.religionenschweiz.ch/bauten/gurdwara.html) und dahingehend die seit 17 Jahren friedlich und unbemerkt lebende islamische Glaubensgemeinschaft Langenthals ihre bis anhin schmucklose und unauffällige Moschee (http://www.20min.ch/images/content/1/4/3/14373163/1/1.jpg) mit einem 3-Meter-Türmchen ohne Balkon und vertraglich garantiert ohne Lautsprecher aufwerten will, ist für mich verständlich und der anti-islamische Aufruhr demgegenüber man gegen das Bauansinnen der Sikhs nichts einzuwenden hatte unverständlich.
Hierbei gilt vielleicht noch zu erwähnen, dass Langenthal im 20. Jahrhundert als „liberales Grütli“ der Schweiz galt und dieser Tradition verpflichtend wohl auch rund 20 christliche Kirchen beherbergt.
Zudem möchte ich beifügen, dass zur Minarettthematik bereits in dieser Stellungnahme (http://retomueller.blogspot.com/2009/07/mehrheit-ist-fur-das-minarett.html) meine Meinung und Forderung gegenüber beiden Partnern klar zum Ausdruck kommt.
Zu These 5:
Die Armee gehört abgeschafft. Konflikte in der Schweiz werden künftig gelöst, ohne dass man aufeinander zu schiessen hat.
Zu These 6:
Betrachten wir diesen Aufruf mal demografisch öffentlich, anstelle von peinlich privat, gilt es die Familienpolitik dahingehend zu lenken, dass das Kinder kriegen für Schweizerinnen UND Schweizer attraktiviert wird. Da stimme ich voll und ganz zu. Dafür gehören aus meiner Sicht künftig aber nicht wieder die Mütter an den Herd und ein reines 100% Einkommen des strammen, omnipotenten Mannes dazu, sondern viel mehr schulergänzende, schulische und familienentlastende, respektive –ergänzende Betreuungsangebote. Was meine Person betrifft, werde ich früh genug in die Produktion von sozialdemokratischem Nachwuchs einwilligen. Zu beachten gilt, dass Frau Oberleutnant noch jung ist und wir beide Familienmenschen und nicht kinderverzichtend karrieregeil orientiert sind – was sich aber – um der rückläufigen Geburtsrate der SchweizerInnen Herr und Frau zu werden – künftig auch nicht mehr ausschliessen sollte. Demografisch haben wir 2030 ein riesengrosses Problem. Zugegebenermassen: Aber nicht – wie heute befürchtet - bezüglich des Islams, sondern wegen der zahlreichen Pflegeplätze für demente und sonst pflegebedürftige alte Menschen, welche zu diesem Zeitpunkt schlichtweg aus heutigen Kostengründen fehlen werden. Das sind Probleme, die wir zuerst auszuräumen hätten… das religiöse demografische Problem folgt gemäss (meiner Ansicht nach) unseriöser Verlaufsmodelle frühestens 2070.
Zu These 7:
Dass es heute unter Jugendlichen Konflikte mit massiver physischer und psychischer Gewalt gibt, welche das Mass des Bisherigen – auch in ihrer medialen Bewältigung und der Art der Verbreitungskanäle – übersteigen, ist eine Tatsache. Diese Konflikte müssen thematisiert werden und die Täter gehören bestraft. Dass wir hierfür wahrscheinlich einer Verschärfung des Jugendstrafrechts bedürfen, da die gesellschaftlichen Kontrollmechanismen hinsichtlich der tagtäglichen Zivilcourage (Hinschauen und Reagieren an Stelle von Wegschauen und Akzeptieren) nicht mehr funktionieren, muss von links bis rechts diskutabel sein, ohne dass die einen als Rassisten und die anderen als Idealisten abgestempelt werden. Dass Peer-Groups sowohl bei „Schweizer-Klatschern“, wie „Jugo-Klopfern“ – um mich dem sprachlichen Jargons Uertners zu bedienen – aber auch weiblichen Mobbinggangs eine grosse Rolle spielen, braucht wohl gesellschaftsdynamisch nicht weiter erklärt zu werden.
Die Konflikte aber dadurch lösen zu wollen, dass wir Minarette verbieten, ist doch völlig abartig. Dass wäre vergleichbar damit, dass wir Verkehrsunfälle dadurch verhindern wollten, dass wir Autoantennen verböten. Ganz abgesehen davon, dass man in diesem Beispiel davon ausgehen müsste, dass Moscheen die Peer-Groups stützen und schützen würden, was wohl nicht der Fall ist. Was ich noch sage will:. In der Schule arbeiten wir nebst der Vermittlung von Lerninhalten auch ständig an der von Lebensinhalten, um solchen Dynamiken zuvor zu kommen.
Zu These 8:
Gegen einen gut integrierten muslimischen Menschen können wir als fortschrittliche, liberale und aufgeklärte Menschen wohl nichts einwenden. Oder?
Für den Glauben lohnt sich festzustellen, dass es weder eine Kirche, noch einen Tempel, noch eine Moschee bräuchte, um diesen auszuleben. Die Frage bleibt in einer gleichberechtigten Gesellschaft eher die, ob wir bereit sind, gänzlich auf diese Kultstätten zu Gunsten der Menschenrechte verzichten. Hierbei lohnt es sich auch auf die aktuelle Diskussion der Kreuze in italienischen Schulzimmern, respektive des Entscheides des europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte hinzuweisen (http://www.bluewin.ch/de/index.php/17,193081/Kreuz_sei_Symbol_italienischer_Tradition/de/news/ausland/sda/).
Auf Grund unserer Schweizer Verfassung und meines juristischen, wie auch gesellschaftsgerechten Verständnisses ist es heute nicht opportun, dass wir einseitig Einschränkungen hinsichtlich der religiös sichtbaren Emissionen einer bestimmten Bevölkerungs- oder Glaubensrichtungen erlassen. Konsequenz: Aus meiner Sicht ist die Minarettinitiative eigentlich ungültig.
Zu These 9:
Ja, da bin ich wahrlich inkonsequent. http://retomueller.blogspot.com/2009/08/geschachtetes-fleisch-bei-coop.html
Ich bin Vegetarier. Ich verstehe Fleischesser nicht.
Was bezüglich dieser Traditionen gesagt werden muss, ist, dass ich dafür bin, dass sich alle Religionen modernisieren und mit ihrer jeweiligen Gesellschaft als konstruktive Alltagsbegleiter eine positivistische Haltung und Strömung einnehmen und beeinflussen, welche in ihrer religiösen Tradition möglichst humanistische Züge der modernen Gesellschaft verkörpern. Das klingt recht trivial atheistisch. Ich weiss das. Doch ich will damit konkret sagen: Schweiz und Scharia geht nicht. Kinder zwangsverheiraten und Mädchen beschneiden oder auf Grund ihres Geschlechts benachteiligen gibt’s nicht und gehört bestraft. Und – als wohl geringste Auswirkung dieser Ansichten – Schächtfleisch essen, da es reiner sei, obwohl dies im Koran wahrscheinlich als Gesellschaftsanweisung und nicht als religiöses Gesetz vorgesehen war, braucht’s in der heutigen Moderne eigentlich auch nicht. Egal wie man heute in der Schweiz schlachtet ist das Fleisch rein.
Zum Schluss:
Auf Grund der Historie Verhaltensschlüsse für die Zukunft zu ziehen, finde ich äusserst schwierig, da ich – wie bereits erwähnt – nicht daran glaube, dass sich die Geschichte wiederholen wird, noch, dass wir dieselben Missetaten einem anderen „Volk“ zufügen müssen, bloss weil wir es den Katholiken und den Juden in der Zeit des Zweiten Weltkrieges auch schon anheim kommen liessen. Das ist doch Mumpitz.
Was die These eines modernen Schweizer Islams mit internationalem Potential anbelangt, so werden wir diesen eher prägen, wenn wir eine universitäre Islamausbildung begründen, als Minarette zu verbieten.
Ich gebe dahingehend Recht, dass die Zustimmung zur Initiative hinter vorgehaltener Hand – auch in sozialdemokratischen Kreisen wohl grösser ist – als offen zugegeben wird. Ich verwehre mich auch gegen den leichtfertig geäusserten Ausspruch, dass Gegner des Minaretts bloss Rassisten seien. Ich gebe zu, dass wir alle angesprochenen Probleme lösen müssen. Objektiv muss aber auch zugegeben werden, dass diese Probleme wohl kaum an einem oder vielleicht zehn Türmen hängen, welche dereinst in der Schweiz stehen könnten. Die Initiative löst kein Problem. Sie ist ungerecht und sie diskriminiert einen Teil unserer Bevölkerung. Sie gehört aus allen Gründen abgelehnt. ¨